Kuscheltier-Schlachter Menschenkind "Ich habe ja früher auch meinen Teddy rasiert"

Ein Moorhuhn baumelt kopfüber am Fleischerhaken, Ernie und Bert liegen als Filet vakuumverpackt auf dem Tresen, und einen Teddy gibt's ofenfertig für 69,99 Euro. Der Hamburger Künstler Miroslav Menschenkind verarbeitet Kuscheltiere wie echte Fleischerware.

Miroslav Menschenkind

  • SPIEGEL ONLINE
    Miroslav Menschenkind stellt unter diesem Künstlernamen regelmäßig in der Xpon-Art Gallery in Hamburg aus. Hauptberuflich arbeitet er als Fotograf und porträtiert Musiker. Der 37-Jährige ist seit 18 Jahren Vegetarier und hat für seine aktuelle Schau Kuscheltiere zerlegt - so wie ein klassischer Fleischer mitunter kuschelige echte Lämmer oder Schweinchen schlachtet.
SPIEGEL ONLINE: Herr Menschenkind, wollen Sie kleine Kinder verschrecken?

Menschenkind: Nein, meine Ausstellung richtet sich eigentlich an Erwachsene. Die Kinder, die herkommen, sehen das entspannt, für die bleiben das einfach Kuscheltiere. Das alles findet eher in den Köpfen der Erwachsenen statt. Kinder experimentieren ja auch gern selber mit ihren Kuschellieblingen. Da fliegt schon mal ein Kopf ab. Ich habe ja auch früher meinen Teddy rasiert.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie dann bewirken?

Menschenkind: Warum finden die Leute die toten Kuscheltiere denn schrecklich? Weil sie an die klassische Schlachterei erinnern. Ich will einen Denkprozess anstoßen. Die Leute sollen sich klarmachen, dass das tote Tier auch mal auf der Weide stand oder im Stall. Fleisch ist eine Ware, und das nehmen die meisten Leute nicht mehr wahr. Und es ist doch irre, wenn ich mit meiner Teddy-Schlachterei bei Facebook mehr Reaktionen auslöse als die Massentierhaltung.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Kuscheltiere zu zerlegen?

Menschenkind: Die Xpon-Art Gallery gibt immer ein Thema vor, auf das man sich bewerben kann. Dieses Mal war es "aufhängen". In den Räumen der Galerie war 1886 eine Fleischerei. Da lag es nahe, etwas mit Fleisch zu machen. Außerdem war mein Großvater Fleischer. Mein Haken, mein Beil und mein Fleischwolf stammen noch von ihm. Die Idee mit den Kuscheltieren kam mir eher spontan.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie die Kuscheltiere dann konkret geschlachtet?

Menschenkind: Wie im traditionellen Schlachterhandwerk wollte ich alles verarbeiten. Also habe ich erst die Köpfe abgetrennt. Die Füllung habe ich dann zu Wurst verarbeitet und - nun ja, zufällig - immer auch ein Auge reingesteckt. Halbe Teddys habe ich zu Teddyhälften verarbeitet und Antje, dem Walross, habe ich den Bauch aufgeschlitzt. Einige der Tiere habe ich in einer richtigen Fleischerei einschweißen lassen. Außerdem habe ich mir dort Kunstdarm für die Würste besorgt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie genau reagieren die Leute auf Ihre Arbeit?

Menschenkind: Die meisten sind im ersten Moment verstört und reagieren empört. Wenn sie aber beginnen sich damit auseinanderzusetzen, finden sie es in der Regel sehr gut. Wenn sich Jemand negativ äußert, dann werden meist die Kinder vorgeschoben, dabei sind es doch gerade die, die es ganz spannend finden. Ein kleiner Junge wollte unbedingt einen kopflosen Teddy haben aber seine Mutter sperrte sich. Ihr war das Ganze unheimlich. Ein anderes Kind fragte seine Mutter, ob in echter Wurst auch Augen drin sind. Diese Frage konnte sie nicht beantworten - und fing immerhin an, darüber nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Also kann man die geschlachteten Tiere auch kaufen?

Menschenkind: Ja. Vor allem die vakuumverpackten Tiere gehen gut. Und ein paar Würste habe ich auch schon verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Und was sagen Kuscheltier-Liebhaber zu Ihrer Aktion?

Menschenkind: Bei Facebook bin ich regelrecht angefeindet worden. Einige schrieben: "Wir müssen ihn fertigmachen!" Dann hab ich mal nachgeschaut, was das für Leute sind. Das waren eben Hardcore-Kuscheltier-Fans! Für die war es natürlich das Schlimmste, dass ich ihren Lieblingen den Garaus gemacht habe.

Das Interview führte Sophia Münder


Die Ausstellung "Mensch & Kind - Kuscheltierschlachterei seit 1886" ist noch bis zum 23. März (Sa/So) in der Xpon-Art Gallery in der Repsoldstr. 45 in Hamburg zu sehen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dlmb 21.03.2014
1. Künstler
Es wird immer wieder zu leichtfertig die Bezeichnung "Künstler" verteilt. Ich tue mich immer wieder schwer damit, das Zerstören von Dingen als Kunst zu akzeptieren. "Destruktiver Klamauk" trifft es wohl eher.
lari-fari-i 21.03.2014
2. Geil!
Genau richtig so! Ich dachte auch erst nur "Häh, warum?" Aber dann kam mir ganz schnell die erkenntnis wie furchtbar das bestimmt manche finden, die sich in dem Moment überhaupt keine gedanken machen, dass es täglich millionen ECHTEN tieren genau so ergeht und sie sich das Endprodukt vom Discounter für 50 cent täglich auf ihr brötchen legen... :D (P.S. Ich bin kein Vegetarier.)
Kontra 21.03.2014
3. Nur noch nonstop Nonsens?
Zitat von sysopMiroslav MenschenkindEin Moorhuhn baumelt kopfüber am Fleischerhaken, Ernie und Bert liegen als Filet vakuumverpackt auf dem Tresen, und einen Teddy gibt's ofenfertig für 69,99 Euro. Der Hamburger Künstler Miroslav Menschenkind verarbeitet Kuscheltiere wie echte Fleischerware. Warum nur? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/miroslav-menschenkind-schlachtet-teddys-hamburger-kuenstler-a-959067.html
Ist das die Premiere für eine neue Satireecke und doch nur ein Lückenfüller für Zwischendurch?
An-On 21.03.2014
4. Wegen Pluesch im Kunstdarm
soll ich meine Ernaehrung aendern? Wie kommt man auf dieses duenne Brett?
G Redinger 21.03.2014
5.
...oder doch eher die Inspiration von Banksy geholt? http://nypost.com/2013/10/11/banksys-latest-meat-truck-filled-with-stuffed-animals/
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.