Fotoserie über Deutsche Wir sind Mischlinge

Der deutsch-jüdische Fotograf Marc Erwin Babej inszeniert Prominente wie Cem Özdemir oder Collien Ulmen-Fernandes als Vorzeige-Arier. Wir stellen seine Serie "Mischlinge" exklusiv vor. Sie provoziert mit der Frage: Wer ist Deutscher?

Marc E. Babej

Meine Fotoserie "Mischlinge" zeigt Deutsche der Nachkriegsgenerationen, die eintauchen in eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, die umgeben sind von Relikten des "Dritten Reiches", fotografiert in einer Ästhetik, die an Leni Riefenstahl angelehnt ist. Die Bilder stellen eine vermeintlich einfache Frage: Wer ist eigentlich Deutscher?

"Mischlinge" besteht aus drei Teilen, die ich in Anlehnung an Riefenstahls filmisches Werk als Episoden bezeichne. Episode I, "Tag der Freiheit" - benannt nach einem Film Riefenstahls vom NSDAP-Parteitag 1935 - stellt Menschen vor, die eine ungewöhnliche deutsche Identität haben (hier geht's direkt zur Fotostrecke "Tag der Freiheit").

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Leni Riefenstahl: Die Regisseurin des Führers
Episode II, "Triumph" - benannt nach "Triumph des Willens", dem berühmt-berüchtigten Film vom Parteitag 1934 - zeigt Deutsche von heute im Kontext von baulichen Relikten aus der NS-Zeit (hier geht's direkt zur Fotostrecke "Triumph").

Episode III, "Olympia", ist dem gleichnamigen Film über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin nachempfunden. Sie befasst sich mit dem bis heute wohl einflussreichsten kulturellen Vermächtnis der NS-Zeit: Leni Riefenstahls Ästhetik, die aus der Antike stammende Körperdarstellungen adaptierte und für die biologistisch-rassistische Ideologie des Nationalsozialismus instrumentalisierte (hier geht's direkt zur Fotostrecke "Olympia").

"Wer also ist Deutscher?" - was für eine unangenehme Frage. Um sie zu stellen, verwische ich in meiner Arbeit bewusst die Ebenen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Riefenstahls Originalbildern und deren Verfremdung, zwischen propagandistischer Eindeutigkeit in der NS-Ästhetik und dem Versuch kontemplativer Vieldeutigkeit in meinen Bildern.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir, die Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes, der jüdische D-Day-Veteran Werner Kleemann, Rainer Höß, der Enkel von Rudolf Höß, des Kommandanten von Auschwitz - unter meinen Porträtierten finden sich Nachfahren von Opfern des Nazi-Regimes und von Massenmördern, von Mitläufern, von Nazi-Gegnern - und von Menschen, deren Vorfahren wohl nie geahnt hätten, dass ihre Familien jemals als deutsch gelten würden.

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Fotoserie "Mischlinge": "Tag der Freiheit"
Vor allem aber sind die Porträtierten Nachgeborene: Von persönlicher Schuld an NS-Verbrechen kann bei ihnen keine Rede sein. Auch Werner Kleeman, der Älteste unter ihnen, war bei Kriegsende ein junger Mann - nach seiner Entlassung aus Dachau emigrierte er in die USA, seitdem betrachtet er sich übrigens als Ex-Deutscher. Die meisten meiner Darsteller haben große Teile ihres Lebens in der Bundesrepublik verbracht, einem Musterland der Demokratie und des Wohlstands. Krieg, Verfolgung, Entbehrung sind Worte, die sie bestenfalls in Bezug auf entfernte Länder oder eine noch weiter entfernte Vergangenheit gebrauchen. Verantwortung für NS-Verbrechen tragen sie womöglich in einem historisch-moralischen, sicher aber nicht in einem legalen Sinne.

Diese Deutschen sind weder Täter noch Opfer. Aber sie sind eben doch Deutsche. Und als solche sind sie mit der deutschen Vergangenheit verbunden. Einer Vergangenheit, deren lange Schatten bis in die Gegenwart reichen, einer Vergangenheit, die bis heute befangen macht.

Wer ist Deutscher? - Eben jene scheinbar einfache Frage fördert diesen Umstand zu Tage.

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"Mischlinge": "Triumph"
In der NS-Zeit war dies die existenzielle Frage schlechthin - die Antwort entschied über das Schicksal eines Menschen, über Leben und Tod. Auch in meiner Familie wimmelt es von Fallbeispielen: Für meinen Urgroßonkel Siegfried Taub, den Generalsekretär der Deutschen Sozialdemokratischen Partei in der Tschechoslowakischen Republik, war die Antwort eine Einweg-Fahrkarte in ein Exil, aus dem er nie in seine Heimat zurückkehren sollte. Schon vor dem Einmarsch der Wehrmacht in das spätere "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren" wurde er in der NS-Propaganda als "der Saujude Taub" verunglimpft. Für Siegfrieds Neffen, meinen Großvater, war die Antwort auf diese Frage gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Für meine Großmutter und Mutter mit einem Witwendasein und einer Kindheit in Theresienstadt.

Die Antwort änderte ihre Bedeutung jedoch auch über die Zeit, mit einem paradoxen Resultat: Weniger als 20 Jahre nach Kriegsende, als meine Großmutter und Mutter aus der kommunistischen Tschechoslowakei in die Bundesrepublik emigrierten, folgte die Anerkennung der deutschen Volkszugehörigkeit per Ius Sanguinis (Abstammungsprinzip) - und die Chance, eine neue Existenz in Freiheit in der Bundesrepublik zu gründen.

Wer also ist Deutscher?

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"Mischlinge": "Olympia"
Der einflussreiche Politikwissenschaftler Dolf Sternberger hat den Begriff "Verfassungspatriotismus" geschaffen, Jürgen Habermas machte das Konzept während des Historikerstreits der späten Achtzigerjahre bekannt. Bis heute ist diese Idee einer auf dem Grundgesetz begründeten Identität relevant - aber nicht real. Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit sind in unseren Köpfen nicht gleichbedeutend, wie etwa in den USA. Denn was meinen die Menschen wohl, wenn sie sagen, jemand sehe "deutsch aus"? Und was meinen deutsche Staatsbürger mit einem sogenannten Migrationshintergrund, wenn sie, vielleicht ohne es überhaupt zu merken, in gewissen Zusammenhängen über "die Deutschen" sprechen?

Das Englische kennt einen vielsagenden Ausdruck für so ein Phänomen: The elephant in the room - gemeint ist damit etwas Unübersehbares, das aber keiner bemerkt haben will. Unser elephant in the room sind Überbleibsel völkischen Denkens. Die Begriffe "deutscher Staatsbürger" und "Deutscher" decken sich heutzutage mehr denn je. Aber sie sind eben noch immer nicht ein und dasselbe.

Geht es auch anders? Eine Lösung kann ich leider nicht anbieten, vielleicht aber einen Ansatz: Wir alle sind Mischlinge.

Der "nordische Mensch", den die Nazis uns als Ideal verkaufen wollten, war ein Fabelwesen. Aber Mischlinge? So ein historisch belastetes Wort? Die "Halb- und Vierteljuden" der Nürnberger Rassengesetze? Ja, ich benutze dieses Wort gerade, weil es uns unsere Vergangenheit und somit unsere heutige Befangenheit vor Augen führt. Denn erst wer sich ihr bewusst ist, kann darüber hinauswachsen.

Und so kam mir die Idee, diese Befangenheit gewissermaßen mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Die Nazis haben die Zugehörigkeit zum deutschen Volk in Ahnenbüchern gesucht und, im Zweifelsfall, mittels anthropometrischer Messungen - damals nannte man diesen Vorgang "rassische Sichtungen" - geprüft.

Meine "Mischlinge"-Darsteller spucken darauf! Im wahrsten Sinne des Wortes, denn jeder von ihnen hat sich zusätzlich zum Posieren vor meiner Kamera einem DNA-Speicheltest unterzogen. So ein Test ist, streng wissenschaftlich gesehen, eher eine Spielerei, gibt aber dennoch geographische Hinweise auf die genetische Herkunft eines Menschen (bzw. seiner Vorfahren).

Und siehe da, alle meine Darsteller erweisen sich als eben dies: Mischlinge. Kaum einer stammt aus nur einem Teil der Welt; ebenso entspricht kaum einer dem Ideal des "nordischen Menschen"; alle sind voneinander verschieden; viele haben Wurzeln außerhalb Europas.

Ich selbst zum Beispiel bin laut Test zu 94 Prozent europäisch-jüdischer Herkunft, drei Prozent iberischer und ein Prozent irischer. Mit den meisten meiner Mitbürger habe ich damit wenig gemein; mit vielen aber etwas - weil ein kleiner Teil ihrer Wurzeln ebenfalls europäisch-jüdisch ist.

Auch so ein kleiner Anteil konnte damals große Konsequenzen nach sich ziehen. Vorbedingung für ein höheres Amt in der NSDAP war, dass kein Urururgroßelternteil jüdisch sein durfte; fünf Generationen, das heißt also 62 Vorfahren, mussten "judenrein" sein. In der SS musste ein judenreiner Stammbaum bis 1750 nachgewiesen werden. Nehmen wir das Jahr 1940 und rechnen auf das Jahr 1750 zurück, ergibt das 190 Jahre; sechs bis sieben Generationen. Derartige Berechnungen und Gedankenwege scheinen absurd? Eben. Die Rassentheorie ist absurd.

Die scheinbar genetisch Reinsten unter meinen Mischlingen sind übrigens Juden - Verzeihung, Deutsche mit jüdischem Hintergrund. Die meisten von ihnen mit mehr als 90 Prozent europäisch-jüdischer Herkunft, Werner Kleeman sogar 100 Prozent. Aber eben: scheinbar. Auch sie sind Mischlinge: Die Kategorie "europäisch-jüdisch" stammt in der genetisch väterlichen Linie vornehmlich aus Palästina, in der mütterlichen aus dem westlichen Mittelmeerraum. Und vom Äußeren auf die Abstammung schließen kann man offenbar auch nicht so recht: Einige meiner Darsteller, die aussehen wie prototypische Arier, sodass sie für Hitler-Bildhauer Arno Breker Modell gestanden haben könnten, entlarvte der DNA-Speicheltest als überwiegend osteuropäischer Herkunft.

Der wohl einzigartige Porträtierte in "Mischlinge" ist Patrick Lasch. Er wurde in einem "Lebensbornheim" regelrecht als nordischer Mensch gezüchtet und nach SS-Ritus auf den Namen Attila geweiht. Ein Kind für den Führer. Von eben dem wurde Patrick auch kurz nach seiner Geburt auf die Arme genommen und als "echter deutscher Bub!" gelobt. Laut DNA-Test stecken im Lebensbornkind Patrick/Attila viel Nord- und Westeuropa, aber eben auch 31 Prozent Osteuropa, drei Prozent Italien/Griechenland, drei Prozent iberische Halbinsel - und ein Prozent europäisch-jüdisch. Über das eine Prozent hat sich Patrick besonders gefreut. Der Führer hätte ihn vor Schreck fallengelassen.

Wer also ist Deutscher? Vielleicht eines Tages jemand, der das Wort "Volk" unbefangen, sogar selbstverständlich in den Mund nehmen kann - und damit sehr verschiedene Menschen meint, die nur eines vereint: dass sie die Werte des Grundgesetzes kennen, schätzen und teilen. Jemand, der selbstverständlich Schwarz-Rot-Gold hisst und sich womöglich sogar dessen besinnt, dass während des Vormärz das Schwarz einmal für die Trauer der feudalen Knechtschaft, das Rot für den Morgen der Hoffnung und das - den Nazis verhasste - Gold für das goldene Licht der Freiheit standen.

Jemand, der selbstverständlich von "deutschen Werten" spricht - und damit nicht Sekundärtugenden wie Ordnung und Disziplin meint, sondern die universellen Werte unserer Republik. Jemand, der es als selbstverständlich betrachtet, dass jeder deutsche Staatsbürger als gleichberechtigter Deutscher gilt - nicht nur vor dem Gesetz, sondern in unserer Gesellschaft.

Und jemand, dem beim Anblick unserer Nationalelf nicht einmal mehr auffällt, wie "bunt diese Truppe" ist - sondern der selbstverständlich in ihnen deutsche Mischlinge sieht, so wie er selbst einer ist. Mischlinge, die, als Mannschaft vereint, den fünften Stern auf den Deutschland-Trikots verdienen. Bis zur nächsten WM vergehen ja noch vier Jahre.

Der Fotograf und Autor
Marc Erwin Babej, geboren 1970 in Frankfurt am Main, lebt heute in New York City. Geschichtsstudium an der Brown University in Providence, Rhode Island, Masterstudium an der Columbia School of Journalism. Schreibender Reporter für "Forbes", Veröffentlichungen unter anderem in "Die Zeit" und "Guardian". Kunstfotograf; fotografische Arbeiten aus Myanmar, dem südlichen Afrika, Rio de Janeiro.

"Mischlinge" wird vom 13. November bis zum 16. November auf der weltweit wichtigsten Fotomesse Paris Photo vorgestellt (von Feroz Galerie (Stand C2)).

Am 21. November um 23:30 Uhr ist ein ausführlicher Bericht über "Mischlinge" im Kulturmagazin "Aspekte" im ZDF zu sehen.

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