Deutschsein Der gärende Mischmasch

Der deutsch-jüdische Fotograf Marc Erwin Babej inszeniert für die Serie "Mischlinge" prominente Deutsche als Vorzeige-Arier. In einem Begleit-Essay zu dem Projekt nähert sich der Historiker Thomas Kühne einer heiklen Frage: Wer ist eigentlich deutsch?

Marc E. Babej

"Wer Deutscher ist, wird künftig noch viel weniger als bisher am Namen oder am Äußeren zu erkennen sein", verkündete der Bundespräsident bei einer Einbürgerungsfeier vor 23 künftigen Deutschen, nach "einem Blick in den Saal", wie er sagte. Die 23 Gäste stammten aus Ghana, Israel, Bolivien, Ungarn, Brasilien, Kamerun, Nepal, Polen, Rumänien, von der Elfenbeinküste, aus dem Iran, der Türkei und der Ukraine.

Ob Gaucks Versicherung im Mai dieses Jahres sie wirklich beruhigt hat, wissen wir nicht. Immerhin war der Bundespräsident aufrichtig genug, das Bild eines Deutschland, in dem auch die "eingeborenen" Deutschen "Vielfalt akzeptieren", als Vision zu präsentieren und nicht als Ist-Zustand. Und er gestand ein, dass immer noch "manche der Vorstellung anhängen, es könne so etwas geben wie ein homogenes, abgeschlossenes, gewissermaßen einfarbiges Deutschland", in dem, so mag man schlussfolgern, alle gleich aussähen - eben deutsch.

Doch wie würden sie, diese Deutschen, dann eigentlich aussehen?

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Leni Riefenstahl: Die Regisseurin des Führers
Die "Mischlinge", die Marc Erwin Babej versammelt hat, zitieren Erinnerungen an das trübste Kapitel deutscher Geschichte, um diese Frage in ihrer Absurdität zu entlarven. Statuen und Bilder von heroischen, unerschütterlichen, durchtrainierten Supermännern und -frauen legten im Dritten Reich fest, wie die Deutschen aussehen würden, wenn das rassistische Zuchtprogramm der Nationalsozialisten mehr Zeit zur Verwirklichung gehabt hätte.

Dass die körperliche Erscheinung der allermeisten Nazis diesen Idealfiguren Hohn sprachen - Himmler war bekanntlich peinlich besorgt, nicht von der Seite fotografiert zu werden, da sein fliehendes Kinn seine der NS-Rassenkunde zufolge nicht eben arische Abstammung verriet -, ist nur ein Teil des Problems bei der Suche nach einem deutschen Äußeren. Denn tatsächlich waren die nationalsozialistischen Körperideale keineswegs eine deutsche Erfindung und noch weniger eine Emanation deutscher Erbanlagen. Sondern eine ins Übernatürliche gesteigerte Variante gängiger Schönheitsvorstellungen, wie sie im Zuge der Wiederentdeckung klassisch griechischer Statuen seit dem 18. Jahrhundert überall in der westlichen Moderne und auch darüber hinaus propagiert und angebetet wurden.

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Fotoserie "Mischlinge": "Tag der Freiheit"
Das "Äußere" ist eben ein ausgesprochen unzuverlässiger Gradmesser des Deutschtums. Und wie Babejs "Mischlinge" vorführen, kann jeder, Mann oder Frau, völlig ungeachtet von individueller Herkunft, ethnischer Identität oder genetischer Zusammensetzung eine arische Maske oder Attitüde anlegen - oder es bleiben lassen.

Nicht viel besser ist es um das "Blut" bestellt, also die Idee einer auf Abstammung gründenden, biologisch determinierten Zugehörigkeit zur deutschen Nation. Dank einiger Reformen in den letzten 15 Jahren ist die Wirkungsmacht dieser Idee, die das deutsche Staatsbürgerrecht seit mehr als 100 Jahren prägt (und von den meisten anderer demokratischer Staaten unterscheidet), zwar abgemildert, aber keineswegs verpufft - und dies, obwohl es niemandem bisher gelungen ist, ein wie auch immer definiertes deutsches biologisches Substrat zu identifizieren.

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"Mischlinge": "Triumph"
Man möchte also meinen: Deutschsein ist eine Chimäre, eine Phantasie. Allerdings übersähe man dabei leicht, welche ungeheure Wirkung die Idee vom Deutschsein auf das Handeln und Nichthandeln von Politikern, Lehrern, Arbeitern und Angestellten, Konsumenten und Kaufleuten, Soldaten und Pazifisten, Männern und Frauen, Deutschen und Nichtdeutschen hatte und immer noch hat.

Was und wer deutsch ist - das ist nicht ein für allemal festgelegt und kann auch in keiner Datenbank abgerufen werden. Es ist ist und war stets das Resultat von Beschlüssen, Verhandlungen, Überlegungen. Und eben von Phantasien, Imaginationen, Wünschen und Ängsten, also eine unsichere und ständigem Wandel unterworfene Angelegenheit.

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"Mischlinge": "Olympia"
Für die Deutschen, oder genauer für die, die sich dafür hielten, war diese Unsicherheit ein besonderes Problem, seitdem sich Menschen überhaupt für nationale Identitäten interessieren, also seit rund 250 Jahren. Anders als etwa Frankreich, England, Schweden, Holland, die USA oder Italien kamen die Deutschen nie zur Ruhe auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was sie denn eigentlich zu Deutschen mache und von anderen Nationalitäten unterscheide.

Später als anderen Ländern, erst 1871, gelang es den Deutschen, der Idee einer vage durch die gemeinsame Sprache zusammengehaltenen Kulturnation das feste Gehäuse einer Staatsnation zu geben. Aber das solchermaßen errichtete Deutsche Reich stand auf wankendem Boden. Es umfasste keineswegs alle Sprachdeutschen, stattdessen aber zahlreiche nicht-deutschsprechende Minoritäten als Staatsbürger. Und vor allem sah sich der neue Nationalstaat - teils realistisch, teils paranoid - von feindlichen Nachbarn umzingelt, die nur danach zu trachten zu schienen, ihm den Garaus zu machen.

Dass sich diese Furcht knapp 50 Jahre nach der Reichsgründung und vier Jahre nach einem nicht zuletzt jener Paranoia entsprungenen Krieg bewahrheitete - der Versailler Vertrag stellte die territoriale, die ökonomische und die moralische Grundlage der deutschen Identität in Frage - machte die Suche nach eben dieser Identität nur noch unruhiger, verzweifelter, aggressiver und am Ende destruktiver denn je zuvor.

Als Folge der im Namen Deutschlands und von Deutschen verantworteten Zerstörung weiter Teile Europas und der Vernichtung ganzer Kulturen und Gesellschaften wurde die Suche nach dem deutschen Wesen obsolet. Soweit sie überhaupt noch erlaubt war, fand sie im Labyrinth staatlicher Zerstückelung statt und war mit dem Stigma des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte behaftet: Deutschsein als Massengrab, oder doch zumindest als Scherbenhaufen.

Die staatliche Zerstückelung ist mittlerweile überwunden, doch dieses Stigma wirkt weiter. Stolz, auf welche deutsche Tugend oder Leistung auch immer, öffentlich zur Schau zu stellen, ist nicht wirklich angesagt.

Was also ist typisch deutsch?

Nicht viel, wird man sagen wollen. Gewiss, gleich ob man Deutsche oder Nichtdeutsche innerhalb oder außerhalb Deutschlands fragt, ergibt sich ein kleiner Kanon von stereotypen Zuschreibungen: Gründlichkeit, Perfektion, Sauberkeit in positiven Urteilen, Pingeligkeit, Überheblichkeit, Kleinkariertheit in negativen.

Viel ist das nicht. Aber der Mangel hat Methode, sowohl für die "eingeborenen" Deutschen, die lernen sollen, Vielfalt zu akzeptieren, aber es nicht so recht wollen, und für die in Deutschland lebenden Ausländer und "Einzubürgernden", die den Schutz dieser Vielfalt brauchen, um sich selbst, und sei es nur ein wenig, als Deutsche fühlen zu können.

Denn was es schwierig macht, diese Vielfalt in Deutschland zu verankern und vielleicht sogar zu genießen, ist die 250 Jahre lange Erfahrung der Brüchigkeit, der Unsicherheit, der Erschütterungen dessen, was als deutsch gelten könnte.

Deutschsein existiert nur im Modus der Gebrochenheit. Dies zumindest ist die beklemmende Wahrnehmung der Nicht-Deutschen oder Noch-Nicht-Deutschen in Deutschland. Deutschsein und Deutschland stellen sich ihnen dar wie die "Mischlinge" von Marc Erwin Babej: nach außen hin stählern, unantastbar, scheinbar unerschütterlich. Im Innern ein gärendes Mischmasch, von dem niemand weiß, was es ist und wohin es treibt.



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