Klaus Kinski: Das Böse bleibt

Von Arno Frank

Nach den Missbrauchsvorwürfen seiner Tochter Pola wird deutlich: Die Fans Klaus Kinskis haben ein Monster vergöttert. Das Böse, das er als Leinwandstar nur spielte, wird nachträglich beglaubigt durch seine Niedertracht im wahren Leben.

Klaus Kinski: Vergöttertes Monster Fotos
DPA

Was ist es, das die Welt an Kinski so anziehend wie abstoßend, so faszinierend fand? Es war nicht der Umstand, dass Kinski jenseits der Leinwand als Charmeur bekannt gewesen wäre. Es war sein Wahnsinn.

Niemand kann behaupten, diesen Wahnsinn nicht gespürt, nicht goutiert zu haben. Wurde die bodenlose Bedrohlichkeit, die von diesem Mann ausging, nicht schon in seiner Stimme deutlich? Nachzuhören auf der Langspielplatte "Kinski spricht Villon" von 1959. Hier ist alles Schwingen, Beben, Keuchen und eruptive Dynamik, vom dringlichen Flüstern bis zum speichelfliegenden Brüllen: "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund."

Nicht wenige Kritiker erinnerte damals die Ästhetik und das gerollte R eher unangenehm an den Sprachduktus gewisser deutscher Politiker aus den frühen Vierzigern. Zwischen Gewalt und Zärtlichkeit lag nur ein Luftholen, ein Wimpernschlag - sie waren beide Teil ein und derselben schizophrenen Persönlichkeit. Jeder konnte das hören. Wer so sprach, musste ein Irrer sein. Oder ein Genie. Oder ein irres Genie, denn so haben wir unsere Genies ja am liebsten.

Durchweg düstere, diabolische Charaktere

Dass dieser Wahnsinn nicht wirklich gespielt war, sondern etwas, in das Kinski sich mühelos hineinsteigern konnte, muss jedem Zuschauer seiner wichtigsten Filme bewusst gewesen sein: Jene Filme, die er mit Werner Herzog drehte, nicht der längst vergessene Trash dazwischen. Es waren düstere Expeditionen, nicht nur in die verlorenen Biografien seiner Helden, allesamt diabolische Charaktere, sondern auch in die Seele ihres selbst augenscheinlich höchst zerquälten Hauptdarstellers. Daraus bezogen diese Werke ihre Kraft.

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Klaus und Pola Kinski: "Andere nie respektiert"
In "Aguirre" war Kinski der Konquistador, der seine Männer in den Tod treibende "Zorn Gottes", dem am Ende nur noch die Affen des Dschungels bleiben. In "Fitzcarraldo" war er der irrlichternde Glücksritter, der mitten in der Wildnis ein Opernhaus bauen will. In "Nosferatu" war er der seelenräuberisch einer Unschuld nachstellende Vampir. "Cobra Verde" zeigt ihn als Sklavenhalter und Kinderschänder. Und in "Woyzeck" schließlich scheiterte er als ein Woyzeck, dem man die Unterlegenheit und das Ausgeliefertsein der ursprünglichen Figur nicht so recht abnehmen mochte. Das konnte er nicht spielen, denn er war Klaus Kinski. Und ein Klaus Kinski spielte immer nur sich selbst.

Niemand wusste das so gut wie der Regisseur Werner Herzog, von dem man gerne erfahren würde, wie er zu den Bekenntnissen der Pola Kinski steht. Denn Herzog gehört auf gewisse Weise selbst zu den Menschen, die der Egomane Kinski gequält hat. Als 13-Jähriger teilte er für drei Monate eine Wohnung mit dem jungen Schauspieler Kinski - wo der Künstler "vom ersten Moment an alle, die hier wohnten", mit seinen endlosen Tobsuchtsanfällen "terrorisierte". Wie traumatisch diese Erfahrung für den sensiblen Jungen und späteren Filmemacher gewesen sein muss, erzählt er selbst in seiner Dokumentation "Mein liebster Feind", die er 1999 über Klaus Kinski drehte.

Jede Komödie mit Kinski wäre vernichtet

Herzog hatte Kinski als augenrollenden Wahnsinnigen kennengelernt, und er besetzte ihn später als augenrollenden Wahnsinnigen. Das Ergebnis waren Meisterwerke von so megalomanischer Wucht, wie es sie seitdem aus Deutschland nicht mehr gegeben hat. Jede Komödie mit Kinski wäre durch die Enthüllungen seiner Tochter für immer vernichtet. Für die Filme mit Werner Herzog gilt das grausamerweise nicht. Sie werden bleiben, schlimmer noch, das Böse in ihnen gewinnt an Authentizität, nachträglich beglaubigt durch die Niedertracht ihres Hauptdarstellers. Ein Serge Gainsbourg spielte öffentlich den Inzest mit seiner Tochter Charlotte. Ein Klaus Kinski lebte ihn offenbar, jahrelang. Im Geheimen. Das ist der Unterschied zwischen einem Künstler und einem Kriminellen.

Ohnehin wohnte dem faszinierten Zuschauen mit schreckgeweiteten Augen immer auch die bange Ahnung inne, es mit diesem Typen im "wirklichen Leben" wohl keine fünf Minuten auszuhalten. Seine Töchter dagegen müssen dem "irren Genie" ausgeliefert gewesen sein. Schon vor drei Jahren erklärte Nastassja Kinski in einem Interview: "Er hat uns so wehgetan. Gut, dass manche Menschen nicht noch länger auf der Welt sind." Ihre Schwester Pola hat dieses Urteil nun präzisiert - und begründet. Er war tatsächlich genau der monströse Psychopath, für den wir ihn immer gehalten haben.

Kinski hat aus seiner grundsätzlichen Haltung nicht einmal einen Hehl gemacht. Als legendär wird heute noch die Talkshow "Je später der Abend" von 1977 gefeiert, in der Kinski - wie immer - für Gott, Welt und gesellschaftliche Moral nur Verachtung übrig hat: "Hier kommen Sie ins Gefängnis, wenn Sie mit einem zwölfjährigen Mädchen schlafen, im Orient verheiraten Sie sich mit elf Jahren. Was ist das für ein Unsinn?", sagt er da unter dem beifälligen Gelächter des Publikums.

Das Publikum als Komplize des Kriminellen

Gegen genau diese "Vergötterung" schreibt Pola Kinski nun mutig an. Mutig, weil sie damit nicht nur ihren Vater ins Visier nimmt, sondern nebenbei auch das ihm verfallene Publikum. Sind wir Komplizen, weil wir die unverstellte kriminelle Energie des Täters für große Kunst gehalten haben?

In "Mein liebster Feind" reist Werner Herzog an Drehorte ihrer gemeinsamen Filme, präsentiert Outtakes und Archivaufnahmen und zeigt Kinskis handgreifliche wie psychologische Gewalt am Set: "Er schrie stundenlang auf mich ein, aber so dicht an meinem Gesicht", erzählt Herzog, aber auch: "Er war sehr liebend auch damals, er hat mich geküsst und hat mich ganz lang gehalten, war ganz aufgelöst und sehr gerührt auch." Herzog kommt zu dem Schluss, dass er an der Komplizenschaft mit dem Wahnsinnigen irgendwann selbst irre - also schuldig - geworden ist. Sein therapeutisches Unternehmen endet mit der milden Erkenntnis, dass beider Wahnsinn sich am Ende wohl aufgehoben hat, um in große Kunst zu münden.

"Mein liebster Feind" schließt versöhnlich, mit einer tröstlichen Szene voll unerwarteter Zärtlichkeit, die im Licht der neuen Enthüllungen von schwer erträglicher Grausamkeit ist. Kinski spielt entrückt und glücklich lächelnd mit einem Schmetterling, der ihn arglos umflattert. Herzog spricht dazu nicht ohne Rührung: "Und dann sehe ich ihn mit einem Schmetterling. Ganz sachte, ganz leicht. Das kleine Wesen will nicht fort von ihm und ist so zutraulich, dass mir manchmal scheint, Klaus selbst wird zum Schmetterling. Und alles, was schwer war zwischen uns, weicht. Und alles wird gut. Und auch wenn sich mein Verstand dagegen sträubt, sagt etwas in mir: So würde ich ihn am liebsten im Gedächtnis behalten."

Das ist nun nicht mehr möglich. Und das ist wohl auch besser so.

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insgesamt 359 Beiträge
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    Seite 1    
1. Peinlich
jenom 10.01.2013
Aus der Stimme eines Schauspielers das "Böse" herauslesen zu wollen ist mehr als peinlich. Da weiß wohl jemand nicht, was den Beruf eines Schauspielers ausmacht. Die verleumderischen Behauptungen der Tochter sind nicht bewiesen, würde Kinski noch leben hätte sie einen Verleumdungsprozess am Hals. Aber so stürzen sich die Mittelmäßigen auf den hervorragenden Ausnahmeschauspieler Klaus Kinski - einen der interessantesten Künstler Deutschlands.
2. war zwischen den Zeilen ...
garnienicht 10.01.2013
von Ihm selbst zu lesen. ´Ich bin so wild auf deinen Erdbeermund´, vor gefühlten 30 Jahren gelesen. Die Schattenseite; und auch nicht schön zu reden bzw. schreiben.
3.
ddddd_k 10.01.2013
Zitat von sysopNach den Missbrauchsvorwürfen seiner Tochter Pola wird deutlich: Die Fans Klaus Kinskis haben einen Kriminellen vergöttert. Das Böse, das er als Leinwandstar nur spielte, wird nachträglich beglaubigt durch seine Niedertracht im wahren Leben. Missbrauchsvorwürfe gegen Kinski: Das Böse bleibt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/missbrauchsvorwuerfe-gegen-kinski-das-boese-bleibt-a-876899.html)
Schön, dass wenigstens der Kulturspiegel noch den Pressekodex achtet und aus einem Verdacht nicht etwa eine Vorverurteilung macht ("Kinderschänder Kinsiki"). Wo kämen wir sonst auch hin. Das ist wirklich ganz großer Journalismus.
4.
kinderbier 10.01.2013
Gut, dass so etwas Thema wird. Ich habe mal "Nosferatu" in einem türkischen Kino gesehen. Anstatt dass sich die Türken gruselten, wurde immer wenn Kinski als Vampir auftrat, gekichert...
5.
raju56 10.01.2013
Wer Kinskys Buch damals gelesen hat, wusste doch eigentlich schon Bescheid! Seine "Abartigkeit" war damals bei den Medien up to date!
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