"Mission Moderne": Da wankt der Dom

Von Karin Schulze

Van Gogh, Gauguin und Picasso: Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum zeigt 120 zum Teil weltberühmte Werke der klassischen Moderne - und rekonstruiert so eine revolutionäre Großausstellung aus dem Jahr 1912. Damals war die Stadt für ein paar Wochen das Zentrum europäischer Kunst.

Edvard Munch war baff. Zwar war er selbst einer der großen Erneuerer der Kunst am Ausgang des 19. Jahrhunderts, die Sonderbundschau von 1912 aber erregte ihn: "Hier ist das Wildeste versammelt", schrieb er, "das in Europa gemalt wird. Der Kölner Dom wankt in seinen Grundfesten."

Der Dom hielt stand. Die Schau aber war tatsächlich umwerfend. Sie zeigte die Speerspitze der neuen, weitgehend expressionistisch geprägten europäischen Kunst. Kandinsky, Marc, Kirchner, Schmidt-Rottluff und Modersohn-Becker. Kokoschka, Schiele und Hodler. Aber auch die Neoimpressionisten Cross und Signac. Ein ganzer Saal war Picasso gewidmet, einer Munch selbst. Weil diese Malerei allzu oft verspottet wurde, mit Wendungen wie "Koloritexzesse und Linientobsuchtsanfälle", zeigte man als Fundament die großen, schon halbwegs anerkannten Vorbilder: 130 van Goghs, 26 Cézannes und 25 Gauguins.

Zuvor schon hatte der Sonderbund, eine westdeutsche Vereinigung von Künstlern und Kennern, drei Schauen in Düsseldorf gezeigt. Dann aber waren dort nationalkonservative Proteste laut geworden: Zu stark seien die französischen Maler berücksichtigt. Von "Überfremdung" war die Rede. In Düsseldorf zog man die Zusage für die vierte Schau zurück.

In diesem Moment aber witterte die Konkurrentin rheinaufwärts ihre Chance: Köln wuchs und prosperierte. Gerade war auch die Hohenzollernbrücke über den Rhein fertig und damit die direkte Bahnverbindung Berlin-Paris möglich geworden. Mit einem Schlag konnte man sich als modern und international positionieren: gegen Düsseldorf und zugleich gegen die von Kaiser Wilhelm II. oktroyierte, konservative Kunstpolitik in Berlin.

Revolution im Kunstbetrieb

Köln legte los. Unvorstellbar rasant. Wofür Großausstellungen heute drei, vier Jahre brauchen, geschah in Monaten. Anfang 1912 wurde ein Metallgerüst, angekauft nach der Brüsseler Weltausstellung von 1910, hochgezogen und zur Ausstellungshalle ausgebaut. Im März versandte der Sonderbund die endgültigen Exponatanfragen und im Mai eröffnete die Schau.

Trailer - "ADD" - Auf den Dächern von Berlin

Mehr Videos gibt es hier auf tape.tv!

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen !

Sie verhalf nicht nur der Moderne zum Durchbruch, sie revolutionierte auch den Kunstbetrieb: Bislang waren große Ausstellungen bislang weitgehend national und kommerziell ausgerichtete "Salons". Diese war programmatisch zugespitzt und grenzüberschreitend. Und sie präsentierte die Kunst ungewohnt modernistisch: kalkweiße Wände, schwarze Leisten und Türen. Dazu hingen die Exponate nicht dicht gedrängt, sondern ungewohnt luftig.

Und es gab einen kapellenartigen Raum. Heute würde man sagen: eine kollektive Totalinstallation. Mystisch-sakral ausgestattet von Thorn Prikker, Kirchner und Heckel. Dazu einen zeltartigen, orange-weißen "Erfrischungsraum": In der vielleicht allerersten Museumscafeteria saß man mondän in hochlehnigen Korbstühlen an Glastischen. Es gab, denn es war Sommer, vermutlich Limonade. Und schon damals galt: "Rauchen verboten".

Hände wie rohe Fleischklumpen

Dafür rauchten die Köpfe. Denn was zu sehen war, empörte den gewöhnlichen Bürger. "Schreckenskammer", "Lachkabinett" soufflierte die Lokalpresse. Die Gauguins? "Minderwertige Bilderbogen". Und van Gogh? "Eben doch nur ein Künstler kleinen Stils".

Gut. Da waren Hände, gemalt wie rohe Fleischklumpen (Nolde), verrenkte Glieder (Schiele), exaltierter Ausdruck (Hodler), Gestalten mit leeren Gesichtern (Munch), bläulicher Teint (Picasso). Doch wo sich eine wegweisend neue Auflösung der Formen und die Ablösung der Farben von den Gegenständen ankündigte, sahen die meisten nur Kokolores: "Verrenkungen, Verzerrungen, in die kein Sinn zu bringen ist".

Einen Fehler nämlich machte die Schau. Zwar suggerierte ein Ehrenausschuss mit Industriellen, Intellektuellen und anderen Honoratioren Solidität. Und ein ausgebufftes Marketing gab es auch: eine Art Corporate Design für Interieur, Postkarten und überall in der Stadt verteilte Banner.

Doch die "Museumspädagogik" scheiterte: Noch an gründerzeitlichen Schwulst und die akademische Malerei des 19. Jahrhunderts gewöhnt, stand das Publikum orientierungslos vor den Bildern. Nicht mal Künstlername und Titel waren ihnen beigefügt. Nur Nummern verwiesen auf den Katalog. Der aber erschien erst Wochen nach der Eröffnung.

Bahnbrechender und innovativer als die jüngste documenta

Die Fachleute aber waren begeistert, die Kunstpresse voll des Lobs. Noch am letzten Ausstellungstag kam ein Abgesandter der Armory Show, die dann nach dem Vorbild der Sonderbundschau 1913 in New York startete und den Beginn der Moderne in den USA markierte.

Wenn jetzt das Kölner Wallraf-Richartz mit "1912 - Mission Moderne" die Jahrhundertschau in Auszügen rekonstruiert und von den 650 Exponaten 120 zeigt, dann ist für heutige Augen Großartiges zu sehen. Van Goghs "Arlésienne" etwa oder sein "Selbstbildnis" von 1887. Populäres wie ein Harlekin und ein Jungenbildnis von Picasso. Und dann wieder Verblüffendes wie das mit senkrechten Strichen wie zermalte "Amor und Psyche" von Munch. Oder einige sehr cézannisierende Bilder von August Deusser, der 1912 Juror war und sich selbst prominent platziert hatte.

Insgesamt aber ist kaum vorstellbar, wie heute ein ähnlich bahnbrechendes Kunstereignis aussehen würde. Da müsste sich schon die Innovationskraft der documenta von 1955 paaren mit dem Eigensinn des Ausstellungsvisionärs Harald Szeemann (1933-2005) und der Chuzpe von Pussy Riot.


"1912 - Mission Moderne. Die Jahrhundertschau des Sonderbundes", 31. August bis 30. Dezember, Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
kornelka 01.11.2012
Moderne Kunst oder sogar postmoderne Kunst hat keine Grenzen. Man soll etwas neues machen was noch nicht gemacht wurde. Das ist garnicht so einfach ...und so ist es das im Malerei aber auch andere Künste wie Literatur, Teather oder Musik. Van Gogh, Munch und Picasso haben etwas anderes erschaffen und die Geselschaft war noch nicht eingerichtet.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
  • Zur Startseite