Mitgefühl und Gier Wir Zombies des Kapitalismus

Tausende Jahre Evolution - und was bleibt vom Menschen übrig? Angst vor Statusverlust, Hass auf die Schwachen und der Glaube an das ungebremste Wachstum. Zeit, dass jemand etwas dagegen tut.

Obdachlose in Stuttgart
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Obdachlose in Stuttgart

Eine Kolumne von


Zu Hause ist, wo ich auf der Straße umfallen kann. Und fast sicher bin, dass es Leute geben wird, die mir aufhelfen, den Arzt rufen, die Polizei. Zu Hause ist, wo ich der Polizei vertraue und dem Aufgefangenwerden bei Stolpern. Der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich in die Schweiz ziehen wollte, fand an einer Tramhaltestelle statt. Auf der Bank lag ein betrunkener Mensch, ein Polizist trat zu ihm, und als ihm die Situation für den Schlafenden gesundheitlich unbedenklich schien, ließ er den Betrunkenen ruhen, nicht ohne ihn vorher zugedeckt zu haben.

Die Qualität einer Gesellschaft zeigt sich in ihrem Umgang mit ihren schwächeren Mitgliedern. Also mit fast allen, die nicht über ein paar Millionen verfügen. Also mit uns, die wir morgen auf der Straße landen können, wegen einer zu langen Krankheit, einer Entlassung oder anderweitigem Elend. Fast überall herrscht heute der seltsame Glaube an den Sieg der Fittesten. Und der Hass auf Gefallene, auf Schwache und Kranke ist bei vielen die Angst vor dem eigenen Zusammenbruch.

Sind wir wirklich nur auf der Welt, um zu labeln und Mehrwert zu erwirtschaften? Wer tut das schon noch, in einer Zeit der Automatisierung? Mit Scheiß-Pokémon über Obdachlose stolpern, mit von Nestlé abgefülltem Wasser, das allen gehört, in der Hand dem Kapitalismus hinterherstolpern. Deutsche und Schweizer outsourcen ihre Eltern und Großeltern in Pflegeeinrichtungen in Ungarn, importieren Sexarbeiterinnen und glauben immer noch an die Idiotie eines ungebremsten Wachstums, wie die gesamte westliche Welt. Auch wenn die meisten schon einmal in Amerika waren und die Obdachlosen unter den Brücken gesehen haben, wie in "The Walking Dead", dieser dämlichen Serie, die für alles Mögliche eine Parabel sein kann. Auf die Zukunft zum Beispiel. Aber vielleicht ist es auch nur eine Parabel auf eine grottenschlechte Serie.

Was gerade getan wird in Europa, das sich von der Landkarte der Wichtigkeit verabschiedet, ist ein System weiter zu bedienen, das nur Gefräßigkeit zum Inhalt hat. Tausende Jahre Evolution und am Schluss winken die Märkte. Seriously? Ist das alles, was wir auf die Beine stellen konnten? Am Ende der ganzen Bemühungen: Pest, Cholera und Dreißigjähriger Krieg, ein neuer Feudalismus mit ein paar Lehnsherren und Bettlern auf der Straße, die einander hassen.

Mitgefühl findet nur in Filmen statt

Hut ab, Spezies! Super Leistung. Da wurde der Mensch, der nur als Verbraucher zu etwas nützlich ist, so lange auf die Befriedigung seiner Gier trainiert, dass es zu nicht viel mehr langt als Angst vor dem Verlust eines mickrigen Status. Mitgefühl findet in Filmen statt. Stichwort Geigen, Stichwort Oma stirbt. Im richtigen Leben regen sich Tausende über einen angezündeten Obdachlosen auf, nachdem sie an zwanzig anderen am Rande der Straße vorbeigelaufen sind. Wissen Sie, ich gebe ja aus Prinzip nichts, sagen sie. Was das für ein Prinzip sein mag? Jeder ist seines Glückes Schmied? Oder: Wenn man sein Workout macht, passiert einem das doch nicht, dass man umfällt auf der Straße und liegen gelassen wird?

Zu wissen, dass wir alle im Elend unserer Gebrechlichkeit vereint sind, könnte uns, gleich welcher ausgedachten Religion wir angehören, gegen den wirklichen Feind angehen lassen: den ungebremsten Kapitalismus, der das Schlechteste aus allen holt. Der macht, dass es keine Anteilnahme mehr gibt, der immer mehr Menschen zu Bittstellern und Abhängigen macht, der sich kichernd ausbreitet, während wir einander hassen.

Es wäre Zeit für eine Partei, die gegen den Neoliberalismus angeht. Vielleicht sollte der Club of Rome das erledigen, eventuell könnte Zizek sich aufstellen lassen. Oder ich erledige das, mit ein paar Kumpeln. Wir sind nicht das Volk. Aber die 99 Prozent.

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insgesamt 274 Beiträge
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valmel 07.01.2017
1. Falscher Film?
"Und der Hass auf Gefallene, auf Schwache und Kranke ist bei vielen die Angst vor dem eigenen Zusammenbruch." Hass auf Schwache und Kranke? Ah ja... Die heutige Welt ist böse, alle denken nur an sich. Das war früher ganz anders, in Zeiten von Sklaven, Menschenopfern, Völkermorden, Hexenverbrennungen, Kreuzzügen usw. Da wurden die mit Gewalt erpressten Steuern der ärmsten Bauern natürlich zur Rettung Kranker, Schwacher und Bettler genutzt... Meine Güte, noch vor 100 Jahren wurden Arbeitnehmer und Kinder bis aufs Blut ausgebeutet. Heute gibt es den Sozialstaat, Tafeln und unzählige ehrenamtliche Helfer, die sich für die schwachen der Gesellschaft einsetzen. Trotz des in uns allen vorhandenen Urtrieb "Gier". Wann in der Geschichte gab es etwas Vergleichbares, was einen solchen "Shitstorm" auf die ach so egoistische Gesellschaft rechtfertigen würde?
Nox Harrington 07.01.2017
2. Zeit, dass sich was dreht!
Danke, Sybille Berg. Wie immer: schräg, aber wahr. Und alles, was jetzt an angegriffen-besserwisserischen neoliberalen Trollkommentaren kommt: ignorieren!
helmut.alt 07.01.2017
3. Schon in der Bibel
gibt es einen positiven Bezug zum Kapitalismus. Die Sache mit den drei Verwaltern, die das ihnen anvertraute Vermögen (5, 3 und 1 Talent) vermehren sollen wenn der Chef nicht da ist. Am Ende wird derjenige, der sein Talent brach liegen lässt und nichts daraus macht in den Kerker geworfen. Die Botschaft soll sein: jeder von uns hat Fähigkeiten und es wird erwartet diese zum Nutzen der Allgemeinheit einzubringen. Nicht mehr und nicht weniger.
karljosef 07.01.2017
4. Ein hervorragender Beitrag, der vor allem von unseren sogenannten 'Volks'parteien gelesen werden sollte!
Vielleicht fehlt noch ein Kommentar, wieviel Geld im Westen in die Kriegsindustrie und die Aufrüstung gesteckt wird, während in Deutschland nach einem Zeitungskommentar bei Tafeln 5000 Leute auf der Warteliste stehen. Grüße aus dem sich christlich nennenden Abendland
erdmann.rs 07.01.2017
5. Frau Bergs Kolumne
Liebe Frau Berg, dass ich einem Ihrer Beiträge einmal so - nahezu uneingeschränkt - zustimmen könnte, hätte ich wirklich niemals gedacht. Offensichtlich können Sie doch m e h r als nur "männerfeindlich", feministisch oder Gender, usw. Danke für diese wirklich nachdenkenswerte Kolumne.
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