Mittelbau-Dora Das KZ von nebenan

Zehntausende Häftlinge starben in Mittelbau-Dora für das größenwahnsinnige Raketenprogramm der Nazis. Eine neue Ausstellung macht das Lager zur einzigartigen Gedenkstätte - und weist nach, wie schamlos die Bevölkerung damals weggesehen hat.

Von , Nordhausen


Der Museumsneubau der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora sitzt auf einem Hügel. Wer aus den Fenstern blickt, sieht auf die Zinnen und Türme der pittoresken Kleinstadt Nordhausen. "Wechselseitige Blickbeziehungen" soll der Neubau ermöglichen, steht in der Broschüre der Gedenkstätte. Und so ist auch von der Stadt aus der hellgraue Museums-Quader deutlich zwischen den grünen Ausläufern des Südharzes auszumachen.

Wechselseitige Blickbeziehungen verbanden Mittelbau-Dora und Nordhausen auch zum Ende des Zweiten Weltkrieges: geschundene KZ-Häftlinge auf der einen Seite. Auf der anderen Profiteure, Mitwisser oder zumindest Ahnende. Hier wird wie an kaum einem anderen Ort die Rechtfertigung von Zeitgenossen in Frage gestellt, sie hätten vom ausgedehnten Lagersystem nichts geahnt - die Nazis hätten Zwangsarbeit und Massensterben vor ihrem eigenen Volk geheim gehalten.

Mittelbau-Dora war zwischen 1943 und 1945 für die Menschen in den umliegenden Dörfern und Städten das KZ von nebenan. Mit mehr als 40 Außenlagern erstreckte es sich über den gesamten Südharz. Fast jeder Ort hatte damals sein Außenlager. Häftlinge wurden an einheimische Firmen ausgeliehen, wo sie Werkbank an Werkbank mit deutschen Kollegen arbeiteten und nicht selten von diesen gedemütigt und misshandelt wurden. Zivilisten befehligten die Arbeitskolonnen, die Tag für Tag durch die Orte zogen - mitsamt Leichen von verstorbenen Häftlingen auf einem Karren.

Das KZ, sagt Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner, "drang so stark in das Alltagsleben der deutschen Bevölkerung ein, dass von einer strikten Trennung von Außen- und Innenwelt der Lager nicht mehr gesprochen werden konnte".

Es ist ein Verdienst der neuen, gestern eröffneten Dauerausstellung in Mittelbau-Dora, dass sie herausstellt, wie groß der Kreis der Mittäter und Mitwisser war. "Hier wird klar, wie perfide die Behauptung vieler Deutscher war, sie hätten nichts gewusst", sagte Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) in ihrer Eröffnungsrede.

Heimstatt des Höhlenmenschen

Um überhaupt zu solchen Befunden zu kommen, mussten die Historiker aber erst den Mythos vom geheimen Raketen-KZ abschwächen, der Mittelbau-Dora von Anfang an begleitete. 1943 gegründet, sollten hier Häftlinge in weitläufigen Untertage-Fabriken neue Wunderwaffen produzieren, um den längst verlorenen Krieg doch noch zugunsten des Hitler-Reiches zu wenden. Zuvor war Peenemünde an der Ostsee die zentrale Produktionstätte für die "V"-Waffen gewesen – mit "V" kürzte die NS-Propaganda das Wort "Vergeltungswaffe" ab. Doch die Anlagen dort wurden bei Luftangriffen zerstört.

Rüstungsminister Albert Speer nutzte die Verlagerung in den Harz, um die Zwangsarbeit untertage zu forcieren. Hitler wollte langfristig sogar die gesamte deutsche Industrie in den Untergrund verlegen: SS-Chef Himmler fabulierte im Frühjahr 1944 zynisch von einem neuen Typus des "Höhlenmenschen", der sich an die Lebensbedingungen im Berg anpassen solle.

Das Mittelwerk im Kohnstein bei Nordhausen war die erste der geplanten Stollen-Fabriken - und mit rund 425.000 Quadratmetern unterirdischen Produktionsflächen die weitaus größte. Seit dem Frühjahr 1944 montierten hier Zwangsarbeiter Raketen und Jagdflugzeuge. Sie kamen vor allem aus der Sowjetunion, Polen und Frankreich, ab 1944 auch aus den aufgelösten Lagern Auschwitz und Groß-Rosen.

Von einem Hightech-KZ konnte trotz der Ausrichtung auf die Rüstungsindustrie keine Rede sein. Nur jeder fünfte Insasse arbeitete in der Raketenproduktion. Die allermeisten wurden in den zahlreichen Baustellen des Unternehmens Mittelbau geschunden, bei schweren und gefährlichen Arbeiten wie dem Vorantreiben neuer Stollen, dem Ausbetonieren oder dem Verlegen von Gleisen. Die Häftlinge mussten unter mörderischen Bedingungen leben. Von den ungefähr 60.000 Zwangsarbeitern in Mittelbau-Dora starben 20.000. "Das Hauptprodukt des Mittelbau-Projektes", sagt Gedenkstättenleiter Wagner, "war der Tod."

Während des Ausbaus von neuen Anlagen mussten die Häftlinge sogar in den Stollen schlafen. Bis zu 1000 Menschen waren dann dort zusammengepfercht auf dreistöckigen Holzpritschen - bei einer Temperatur von acht Grad, die Luft voll mit Staub, Lärm und giftigen Dämpfen.

"Kaninchenställe voller menschlicher Wesen"

In der Ausstellung berichtet der Überlebende Albert von Dijk über einen der Schlafstollen: "Ich warf einen Blick in diese Kaninchenställe voller menschlicher Wesen. Die unteren und mittleren Etagen waren so niedrig, dass Sitzen unmöglich war. In den oberen Etagen sah ich nackte, ausgemergelte Schatten, die offensichtlich Flöhe und Läuse aus den Lumpen klaubten, die ihnen als Kleidung dienten."

"Wir hatten keinen Namen mehr, keine Identität", berichtet Dick de Zeeuw, ein Vertreter der Überlebenden, bei der Museumseröffnung. "In Dora bin ich in zwei langen Jahren auf den nackten Boden der Existenz heruntergekommen."

Nach der Befreiung des Lagers durch US-Soldaten am 11. April 1945 gerieten die Verbrechen rasch in Vergessenheit. Sowohl Russen als auch Amerikaner waren eher an den Raketen interessiert. Die Russen demontierten Teile der Produktionsanlagen. Die Amerikaner sicherten sich die Dienste der deutschen Raketeningenieure um Wernher von Braun, der in den USA das Weltraumprogramm mit aufbaute.

Hundesportplatz auf der Rampe

Die deutsche Teilung entband die lokale Bevölkerung von weiterer Konfrontation mit den KZ-Gräueln. Der Harz wurde in Ost und West getrennt – und das Hauptlager bei Nordhausen der DDR-Geschichtsdeutung untergeordnet. Ein erste Ausstellung in der "Ehrenstätte KZ Dora" aus dem Jahr 1966 trug den Titel "Die Blutspur führt nach Bonn". Später diente die Rampe des Lagers gar als Hundesportplatz. Bundesdeutsche Grenzer ließen sogar das Krematorium eines Außenlagers sprengen, berichtet Volkhard Knigge, der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora: Die Beamten wollten westdeutschen Grenztouristen einen unverstellten Schauder-Blick auf die Grenze zur DDR gewähren.

Erst nach der Wende konnte eine Kommission erstmals Teile der Stollen begehen. Sie tauchte ein in eine fast vollständig erhaltene Anlage: Der Boden war bedeckt von Raketenschrott und heruntergebrochenen Steinen. Im acht Grad kalten Stollen waren auch Werkbänke, Spinde und Fetzen von Häftlingskleidung konserviert – Relikte der Sklavenarbeit, in die hier vor sechs Jahrzehnten Menschen gezwungen wurde.

Heute sind rund zwei Kilometer der riesigen Stollenanlage für Besucher zugänglich. Mittelbau-Dora vermittelt besonders beklemmend die wesentlichen Elemente des Lagersystems der Nazis: die Verbindung von teilweise hoch entwickelter Technik mit vollständiger Verrohung, dazu die breite Komplizenschaft der Bevölkerung und der Profit, den private Firmen aus Zwangsarbeit schlugen. Nicht zu vergessen die Selbstmobilisierung der Wissenschaftler und Techniker, kombiniert mit der Wundergläubigkeit an den Sieg bis zum bitteren Ende.

Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert weist Mittelbau-Dora deshalb einen einzigartigen Platz unter den Gedenkstätten zu. "Es gibt vermutlich keinen anderen Ort in Deutschland", sagt er, "an dem das Grauen der Konzentrationslager, die Verbindung zwischen Zwangsarbeit und Vernichtungspolitik und dem NS-Regime so unmittelbar vor Augen tritt."



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