Bierbichler-Stück nur mit Schwarzen Finde den Unterschied

Dieselbe Inszenierung, diesmal nur mit schwarzen Darstellerinnen: An den Münchner Kammerspielen geht Anta Helena Reckes Experiment vollends auf. Ihre "Mittelreich"-Kopie ist die innovativste und politischste Inszenierung der Saison.

Judith Buss

Das Schlechteste an Anta Helena Reckes "Mittelreich"-Inszenierung waren die Kritiken. Nicht weil sie, bis auf eine Ausnahme bei "Nachtkritik", den Abend nicht mochten. Sondern weil sie, inklusive der Ausnahme, ihn gar nicht verstanden haben. Nicht verstehen wollten, nicht verstehen konnten.

Reckes Arbeit, die kürzlich an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte, liegt eine einfache, aber schlagende Idee zugrunde, die man erzählen kann wie einen Witz: Die noch nicht 30-jährige Regisseurin, die zwei Jahre lang als Regieassistentin an den Kammerspielen tätig war, hat Anna-Sophie Mahlers Bühnenadaption von Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich", die 2015 an den Kammerspielen herauskam, zum Theatertreffen eingeladen wurde und immer noch läuft, komplett kopiert. Alles genauso noch einmal genauso, das Bühnenbild, die Kostüme, die Dramaturgie, das Spiel - mit dem einen Unterschied, dass bei Recke nur schwarze Schauspieler und Musikerinnen auf der Großen Bühne in München standen.

Die Theaterkritik hat mit diesem Kunstgriff, der schon gedanklich viele Räume aufstößt, nichts anfangen können. Ein Spaßvogel könnte gar die Professionalität der Kritikerinnen anzweifeln: Wie kann es sein, dass sogenannte Experten nicht in der Lage sind, einen Theaterabend adäquat zu beschreiben, bei dem es zur Abwechslung mal nicht darum geht, einen hundertfach auf die Bühne gebrachten und als klassisch abgesicherten Text in der Neuinszenierung zu besprechen, mit Nacherzählung des Inhalts, Einzelbeurteilungen bekannter Schauspielerinnen und einem Absatz zum Bühnenbild?

Verklumpt zum "Die"

Denn die Kritiken haben ihr eigenes Unverständnis umgehend Reckes Inszenierung in Rechnung gestellt. Etwa: dass die Menschen auf der Bühne "so schwarz" ("Süddeutsche Zeitung") ja gar nicht seien. Dabei hätte man sich an so einem Punkt wunderbar und ausführlich fragen können, mit was für einer Vorstellung in so einen Abend gegangen wird - woher die Idee von "schwarz" kommt, die man dann enttäuscht sieht (ein Tipp: von all den immer wieder tradierten, als unserer Kultur unbedingt zugehörig verteidigten Kolonialbilder, die sich bis heute in Karikaturen oder auf Erfolgsbuchtiteln finden).

Tatsächlich kann man durch die Erfahrung von Reckes Schwarzkopie verstehen, dass das, was uns unreflektierten weißen Deutschen sonst nur als zur Gruppe verklumptes "Die" wahrnehmbar zu sein scheint, sich durch die 27 Menschen auf der Bühne in den Individualismus und die Heterogenität auflöst, von denen wir bei einer Inszenierung mit ausschließlich weißen Darstellern wie bei Mahlers "Mittelreich" selbstverständlich ausgehen.

Ein anderer Lapsus in den Kritiken, zum Beispiel in der "NZZ", war die automatische Assoziation, dass schwarze Schauspieler auf der Bühne nur als "Flüchtlinge" gedacht werden können, dass da also "Fremde" einen "deutschen", "bayrischen" Stoff darbieten.

Kein Mensch ist ein Buntstift

"Racial profiling" ist nicht nur ein Problem der Polizei: Nur weil es diese tiefsitzende, über Jahrhunderte ausgeprägte Fixierung von uns weißen Deutschen auf die Differenz in der Hautpigmentierung gibt (über die wir bei den verschiedenen Formen des Weißseins natürlich nie nachdenken), fangen wir an, Schauspielern, die in München oder Saalfeld, West-Berlin oder Hamburg geboren sind, zu erklären, dass ihnen das Deutsche ja unheimlich fern sein muss. Dass die in München zur Welt gekommene und aufgewachsene Regisseurin mit dieser bayerischen "Seewirt"-Welt aus Bierbichlers Roman vertraut ist, verschwindet völlig in der Blindheit, mit der die Kritik nur auf Reckes Hautfarbe starrt.

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"Mittelreich"-Kopie: Fremd im eigenen Theater

Zum tollsten Schluss kam die Rezensentin der "Süddeutschen Zeitung", deren Kritik überschrieben war mit dem Fazit: "Schwarz allein reicht nicht." Wie kann man so einen Unsinn schreiben und dann auch noch davon ausgehen, man wüsste irgendwas über Rassismus? Das ist in der weißen deutschen Theaterkritik schon deshalb absurd, weil dort dauernd - und auch in wohlwollenden Texten - "Farbige" auftauchen, wenn Leute unbedingt mit ihrer Hautfarbe markiert werden müssen, die anders aussehen als man selbst (auch dann, wenn die Hautfarbe für das, was gesagt werden soll, gar keine Rolle spielt). Ein Wort, das ohne Not diejenigen beleidigt, die damit gemeint sein sollen - kein Mensch ist ein Buntstift.

Dass der Begriff historisch verwendet wurde, macht es nicht besser: Wie lächerlich würde sich der Theaterkritiker machen, der einen auf der Bühne verwendeten mp3-Player als "Walkman" identifizierte? Und wie sehr würde es überzeugen, wenn der Kritiker auf Nachfrage entschlossen beschiede, er habe immer Walkman gesagt, er meine das ja nicht böse? Würde man so jemandem als Leserin weiterhin zutrauen, Gegenwart auf der Bühne kompetent vermitteln zu können?

Unsicherheit wird zu Superhöflichkeit

Es ist eine spannende Frage, was in den Rezensionen gestanden hätte, wären die Redaktionen auf die Idee gekommen, Kunstkritikerinnen in Reckes avanciertes Projekt zu schicken. Die hätten vermutlich nicht wie der Ochs vorm Scheunentor gestanden, weil Konzeptkunst in ihrem Fach eine Geschichte hat, weil Reckes Idee in der Linie von Arbeiten der "Appropriation Art" steht, von Elaine Sturtevant oder Sherrie Levine, und einen Resonanzraum mit lauter Großkünstlernamen wie Marcel Duchamps und Andy Warhol hinter sich weiß. Weil keine Expertin in der Bildenden Kunst auf die Idee käme, Gerhard Richter zu fragen, warum er denn jetzt noch mal macht, was Fotos machen. Weil es dann um Konzepte von Autorschaft und Originalität ginge, um Wiederholung und Abweichung.

Die zeigt sich etwa am Blackfacing in der Karnevalsszene von "Mittelreich", das in den Publikumsgesprächen bei Recke problematisiert wird, bei Mahlers Arbeit aber keine Diskussionen angestoßen hat. So wird etwas sichtbar durch die Kopie. Die - und auch das wäre Kunstkritikerinnen wohl leichter gefallen - sich gerade nicht erschöpft in den zwei Stunden der Aufführung. Sie müsste vielmehr als Gesamtdiskurs betrachtet werden ("soziale Plastik", Joseph Beuys und so) - also inklusive der Kritiken und Publikumsgespräche, des Symposions, das nach der zweiten Aufführung veranstaltet wurde, den Szenen im Publikum, wo plötzlich Besucher of Colour sitzen und die weißen Stammgäste ihre leichte Unsicherheit in "Superhöflichkeit" (Recke) übersetzen.

Und natürlich inklusive all der Auseinandersetzungen, die die Arbeit in den Kammerspielen selbst bewirkt hat. Denn bei aller Offenheit der Leitung für Reckes bahnbrechende Idee: Der Kopie den gleichen (finanziellen) Status wie dem Original zuzugestehen, sich damit etwa einen schwarzen Chor aus England leisten zu können und die Arbeit im Abonnement bis zum Sommer 2018 durchzuprogrammieren, hat man sich doch nicht getraut.

Alles "Gäste"

Wenn Intendant Matthias Lilienthal nun erklärt, dass es nach den ursprünglich nur zwei geplanten, bereits absolvierten Vorführungen noch weitere geben soll, dass es aber finanziell aufwendig sei für das Haus, weil die Mitwirkenden bei Recke alles "Gäste" seien und nicht aus dem Ensemble kämen (und auch wenn die schon für weniger arbeiten würden als sonst), dann ist genau das Problem der Strukturen im deutschen Theaterbetrieb ausgesprochen, auf das Reckes Arbeit zielt.

Eine Arbeit, deren Sinn sich beim Schlussapplaus auf eine berührende Weise erschließt, weil dann 27 Leute auf einer Bühne stehen, auf der sie sonst nie oder nur ausnahmsweise zu sehen sind. Anta Helena Recke hat mit ihrer "Mittelreich"-Kopie die anregendste, innovativste und politischste Inszenierung der Saison vorgelegt.


Offenlegung: Der Autor hat eines der beiden Panels auf dem Symposion "Abweichende Wiederholung" 22. Oktober in den Münchner Kammerspielen moderiert. Er gehört außerdem zu einer Gruppe von Kritikern aus dem Umfeld der Filmzeitschrift "Cargo", die an den Kammerspielen in dem Format "Episode" abwechselnd Gespräche über Fernsehserien führen.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Europa! 23.10.2017
1. Die Frage bleibt
Ist das jetzt eine "schwarze" oder eine "weiße" Kritik?
ksail 23.10.2017
2. Rassismus ist...
Nach der gerne eingesetzten Sensibilisierungsmethode, Rassismus erkenne man am besten dann, wenn man sich einen Vorgang unter umgekehrten Vorzeichen vorstellte, kann man ja mal testen, wie sich eine Inszenierung explizit "mit nur weißen Darstellern" anfühlt. Überzeugt bin ich von beidem nicht...
Susi64 23.10.2017
3. Ein toller Schauspieler kann sein Äußeres komplett vergessen machen.
Ich halte nichts davon Schauspieler nach Hautfarbe auszuwählen. Ein toller Schauspieler kann auch als 60jähriger einen Teenager spielen ohne, dass einem das Alter des Schauspielers bewußt wird. Deshalb halte ich es für sehr sinnvoll ohne Bezug zur Hautfarbe zu besetzen. Allerdings muss der Schauspieler dann eben auch etwas können. Hier geht es um etwas ganz anderes, es soll bewußt die Hautfarbe eingesetzt werden um einen Gegenentwurf zum Alltäglichen zu haben. Dabei stellt sich aber die Frage, was es soll, bei einer Heimatgeschichte die Hautfarbe zu thematisieren. Es ist einfach nicht historisch richtig und Gegenstand des Stücks sind ja auch die gewachsenen Beziehungen. Wenn es darum geht, dass man einen Bruch in der Darstellung haben will, dann sollte man aber auch ein Alabama-Drama um Plantagenarbeiter mit weißen Schauspielern inszenieren. Alles genauso wie in der farblichen anderen Variante zu spielen halte ich dabei aber nicht für angemessen. Dass die Zuschauer über Black facing bei schwarzen Schauspielern reden kann ich verstehen. Es ist eben etwas anderes ob man eine andere Hautfarbe schminkt oder ob man seine Hautfarbe schminkt, was soll das?
Stillner 23.10.2017
4. Toller Beitrag!
Ein ganz hervorragender Artikel, der die intelligente und wirklich wichtige Arbeit Reckes angemessen würdigt und das Problem des latenten Rassismus in unseren alltäglichen Diskursen präzise und treffend benennt.
mk1982 23.10.2017
5. Schön gegendert
Mir gefällt der Wechsel zwischen maskulinum und femininum. Eine elegante Art, diese ständige Vermännlichung zu umgehen.
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