Mixa bei Maybrit Illner Wenn Frauen sich streiten, freut sich der Bischof

Kuschel-Katholik auf Talkshow-Tournee: Bei Maybrit Illner kam es zum verbalen Schlagabtausch zwischen Ex-Familienministerin Renate Schmidt und Heimchen-am-Herd-Bischof Walter Mixa. Der brauchte jedoch gar nicht viel zu sagen, gestritten wurde auch ohne ihn genug.

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ARD und ZDF bieten dem deutschen Gebührenzahler eine ganze Menge für ihr Geld. Besonders toll: Im Glücksfall bekommt man zwei Mal die gleiche Sendung mit unterschiedlicher Besetzung serviert. So geschehen am Donnerstagabend auf den ZDF-Stühlen rund um Maybrit Illner. "Werden unsere Kinder verstaatlicht?", fragt die Moderatorin – und zu ihrer Linken soll Augsburgs im Krippendiskurs gestählter Bischof Walter Mixa ("Gebärmaschinen", "inhuman", "Wiederkehr der DDR-Verhältnisse") jetzt endlich auch mal im Fernsehen Tacheles reden.

Bischof Mixa bei Illner: "Der ist durchgedreht"
ZDF/Svea Pietschmann

Bischof Mixa bei Illner: "Der ist durchgedreht"

Bisher hat das nicht geklappt. Denn zuletzt saß Walter Mixa links neben Sabine Christiansen in der ARD. Das war im Februar. Die Sendung hieß irgendwie ähnlich. Mixa sagte nur liebe Dinge. Aber wiederum links von ihm, da saß damals eine aus Protest in die katholische Kirche eingetretene Soziologin: ein radikalisiertes Hausmütterchen, das mit Statistiken über den Misserfolg schwedischer Familienpolitik zu glänzen suchte. So lehrte sie den bundesdeutschen Zuschauer das Fürchten vor den Irren aus dem Norden: Jedes dritte Kind in Schweden sei durch Krippenerziehung psychisch gestört.

Oha, ZDF. Wie bitteschön willst Du das toppen?

Kein Problem. Denn das ZDF hat Maybrit Illner. Und Maybrit Illner hat Beatrix Selk-Schnoor. Die Dame mit den grauen Wuschelhaaren und der dicken roten Kugel-Kette sitzt links neben Bischof Mixa. Alles also wie bei Christiansen – nur viel besser. Denn Frau Selk-Schnoor ist nicht nur skurril. Sie ist vor allem schrill.

"Die Realitäten sind vollkommen andere"

Bevor Illner ihr die erste Frage stellen kann, hat sie dem ihr gegenüber sitzenden Frankreich-Experten Ulrich Wickert schon mal klar gemacht, dass er keine Ahnung hat von den französischen Verhältnissen: "Die Franzosen hassen Krippen." Wickert wollte eigentlich gerade das Krippenland Frankreich loben. Aber gegen Beatrix Selk-Schnoor hat er nun wirklich keine Chance. Denn die vierfache Mutter hat ein prima Hobby: "Also, ich möchte, ich bin ja Vertreterin des Familiennetzwerks Deutschland, verzeihen Sie mir, wenn ich hier immer wieder eingreife in die Diskussion", schmettert sie hastig, laut, nach Luft schnappend dazwischen.

Ihr Netzwerk habe bei einer Umfrage herausbekommen, dass der Staat jenes Geld, das er für die Betreuungskosten der unter Dreijährigen bei Krippen einplant, lieber "den Müttern" zur Verfügung stellen solle. Nur 20 Prozent der Befragten würden ihr Kind dann trotzdem nach dem ersten Jahr in die Krippe geben, aber 30 Prozent würden das Kind zu Hause behalten wollen bis zur Einschulung.

Damit kommt Frau Selk-Schnoor der mit skandinavischer Statistik hantierenden Christ-Soziologin aus der Christiansen-Sendung vom Februar schon recht nahe. Denn würde man den Deutschen anbieten, sie könnten bei vollem Gehaltsausgleich auch daheim bleiben, würden bestimmt mindestens 30 Prozent mitmachen. Tatsächlich aber befürworten drei Viertel der Deutschen in Umfragen die Initiative von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, bis zum Jahr 2013 die Zahl der Krippenplätze auf 750.000 zu verdreifachen.

Renate Schmidt weiß das natürlich auch. Die ehemalige Bundesfamilienministerin (2002 bis 2005) schaut Beatrix Selk-Schnoor minutenlang mit immer größer werdenden Augen an. Schließlich sagt sie: "Die Realitäten sind vollkommen andere." Es gebe in Deutschland ein starkes Bedürfnis nach Betreuungsangeboten. Da will Frau Selk-Schnoor nun wirklich nicht zustimmen, schließlich würde "unser Staat" die Eltern bedrängen, Kinder in die Krippe zu geben.

Die aus Bayern stammende Renate Schmidt ist eine Frohnatur. Sie ist mal als SPD-Kandidatin gegen Ministerpräsident Edmund Stoiber und die übermächtige CSU in den Ring gestiegen. Sie muss also ziemlich viel aushalten. Jetzt aber kriegt sie doch eine sehr gesunde Gesichtsfarbe: "Es gibt keine Verpflichtung, Kinder in Krippen zu schicken…" Darauf unterbricht Selk-Schnoor im Stakkato: "Doch, doch, Nötigung ist das, stimmt, stimmt, aber es stimmt." Ob sie ihren Satz noch zu Ende bringen dürfe, fragt Schmidt den quengelnden Konterpart, "das ist reizend, ich will hier ja keinen Zickenkrieg machen".

Was macht Mixa?

Und was macht Bischof Mixa? Der sitzt da mit wohligen Pausbacken, die Hände zufrieden auf dem Bauch und freut sich schmunzelnd über das kleine Raubkätzchen zu seiner Linken. Aber Maybrit Illner ist nicht Sabine Christiansen, sie bemerkt das: "Sie haben eine aufgeregte Diskussion zweier Frauen erlebt und schmunzeln." Ob es denn klug sei, in einer solchen Situation das Wort "inhuman" zu gebrauchen, in der Eltern ihr Kind in die Krippe geben?

"Nein", erwidert Mixa, "nicht freiwillig in die Krippe geben, sie können nicht anders". Und das störe ihn, denn die "entscheidende Frage" sei jene der "Wahlfreiheit". Alleinerziehende etwa seien auf einen Verdienst angewiesen, deshalb müssten sie ihr Kind abgeben. Mixas Strategie: In Presseinterviews polarisieren, im Fernsehen den Kuschelkatholiken geben und der "Wahlfreiheit" eine neue Definition verpassen.

Renate Schmidt obliegt es in der Runde, über die Realitäten zu sprechen: Bei einer Betreuungsquote bei den unter Dreijährigen von unter zehn Prozent sei doch die Wahlfreiheit gerade für jene Frauen nicht gegeben, die auch ihre beruflichen Fähigkeiten entfalten wollten. Mit Mixa geht sie hart ins Gericht: Sie möge "den Mixa eigentlich ganz gern" und sie habe sich nach dessen ersten Äußerungen Anfang des Jahres gefragt, was "denn in den Typen gefahren" sei. Sie als berufstätige Mutter habe sich "als Gebärmaschine titulieren lassen müssen". Sie habe gedacht: "Der ist durchgedreht."

Da macht der gegenüber sitzende Mixa laut "Haha". Aber Schmidt folgt nicht ins humoristische Fach: "Sie sind Ihrer Würde als Bischof nicht gerecht geworden, sie sollten Frauen keine Angst einjagen, Kinder in die Welt zu setzen. Genau das haben sie gemacht."

Es ist eine Diskussion ohne Ergebnis. Die Fronten sind festgefahren. Nur Beatrix Selk-Schnoor sorgt immer wieder für Amüsement. Es wird allerdings ihr letzter Talkshow-Auftritt gewesen sein, hat sie doch die Grundregeln einer solchen Veranstaltung bis zuletzt gekonnt ignoriert. Maybrit Illner bleibt da nur noch Sarkasmus à la "Ich stell' mal ne Frage, das ist in dieser Sendung so".

Und Bischof Mixa verfügt über die grandiose Fähigkeit, sich inhaltlich kein Stück zu bewegen, aber einen immer konsequenteren Schmusekurs zu steuern. Von einer "guten Wendung" der endenden Diskussion spricht er. Und weil Renate Schmidt gerade noch von der Freude am Kind gesprochen hatte, die es wieder zu beleben gelte, beteuert Mixa, er könne ihr da nur zustimmen.

Die Sendung hat Renate Schmidt sichtlich kein Vergnügen bereitet. Und dann noch bischöfliche Zustimmung in der letzten Minute? Nein, denkt sich die resolute Bayerin und kontert gen Walter Mixa: "Wollen Sie mich vernichten?"



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