Mobile Film Fest Werde Hosentaschen-Scorsese!

Nie war es einfacher, selbst Regisseur und Kameramann zu sein – Handy sei Dank! Das Mobile Film Festival präsentiert großes Kino fürs kleine Display. SPIEGEL ONLINE unterstützt den Hosentaschen-Film und ruft alle Handy-Künstler auf, sich mit eigenen Werken zu beteiligen.

Von Alain Bieber


Impact Arena, Bangkok. 14.000 zahnbespangte Teenies kreischen in der größten Konzerthalle Thailands um die Wette. Die PopHopper Black Eyed Peas springen auf der Bühne herum. Plötzlich wird das Licht ausgeschaltet, die ersten Takte der Chartbreaker-Ballade "Where Is The Love" dröhnen aus der Box, und Rapper Will.I.Am ruft der Menge zu: "Put your cell phones in the air!" Sekunden später leuchten Tausende kleiner Digitaldisplays auf und werden zum Beat geschwenkt. Das Handy hat die Wunderkerze ersetzt – und nur die ewigen Nostalgiker zücken heute noch ihre Feuerzeuge beim "Wind of Change"-Refrain der Scorpions.

Frau mit Handy: Das allgegenwärtige Aufzeichnungsgerät wird zur Kunst-Maschine
REUTERS

Frau mit Handy: Das allgegenwärtige Aufzeichnungsgerät wird zur Kunst-Maschine

"Das Handy ist aus unserem Alltag gar nicht mehr wegzudenken, es ist allgegenwärtig", sagt Isabelle Azoulay, die Leiterin des deutschen Mobile Film Festivals. Das internationale Festival für Handyfilme möchte ein kreatives Experimentierfeld für junge Filmemacher organisieren. Und damit auch beweisen, dass mit Handys nicht nur Klingeltöne heruntergeladen und sinnlose Fragen wie "Und wo bist du?" gestellt werden können. Ursprünglich wurde das Festival vor einem Jahr in Paris gegründet und fand dort bereits zum zweiten Mal statt. 140 Filme wurden eingereicht und 50 für den Wettbewerb zugelassen. "Das ist einfach eine neue Kultur", meint Mathieu de la Porte, Jurymitglied des französischen Festivals. "Heute hat jeder eine Kamera. Und ich glaube in zehn Jahren wird es für jeden selbstverständlich sein, seinen eigenen Film zu drehen."

In nur 24 Jahren ist das Handy zu unserem ständigen Begleiter geworden. Dabei war das erste Handy groß, schwer und teuer. 1983 stellte Motorola das weltweit erste kommerzielle Mobiltelefon vor. "Dynatac 8000x" wurde liebevoll "Hundeknochen" genannt, kostete knapp 4000 US-Dollar, wog 800 Gramm und war mit 33 Zentimetern länger als eine DIN A4-Seite. Heute gibt es in Deutschland mehr Handys als Einwohner, und die neuen Zwittergeräte sind MP3-Player, Navigationsgerät, Spielkonsole, Organizer, Mini-Computer, Foto- und Videokamera – und, ach ja, Telefon. Per Tastendruck kann man sich eine virtuelle Freundin ("V-Girl") auf das Handy laden. In vielen Fällen hat das Handy sogar den klassischen Schmuck abgelöst und wird stolz als Halskette getragen. Und das Popsternchen LaFee spielt natürlich nicht in einer TV-Serie mit, sondern bei einer Handy-Soap ("mittendrin.tv").

Vom urbanen Nomaden zum digitalen Bohèmien

Es ging ganz schnell. Plötzlich war alles irgendwie mobil. Der Mensch wurde zum urbanen Nomaden und streift seitdem rastlos durch den Großstadtdschungel – auf der steten Suche nach Brot und Spielen. MP3-Player im Ohr, Coffee to go am Mund und das Allzweck-Handy in der Hand. Und in der Umhängetasche mit Solarzellen wartet der Laptop mit WLAN auf die neuesten Blogeinträge. Alles zum Mitnehmen – und zum Mitmachen. Denn seit Web 2.0 ist der urbane Nomade eigentlich ein digitaler Bohèmien, der in allen Szenecafés der Republik zuhause ist, dort seinen Latte Macchiato schlürft und als Journalist, A-Blogger, Ebay-Händler, Online-Pokerzocker, DJ und Handy-Regisseur arbeitet. Oder er sitzt im Berliner Café Einstein auf der Lauer, arbeitet als Hobby-Paparazzo und liefert als Leser-Reporter Bildmaterial für "Bild", "Reuters" oder "Augenzeuge.de".

So entwickelte sich das Handy zu einer allzeit bereiten Medienwaffe: Die versteckt aufgenommenen Paparazzi-Handybilder einer koksenden Kate Moss sorgten für einen Skandal. Gerade deshalb wird das Fotohandy nicht von jedem geliebt. "Mein persönlicher Eindruck: je proll, desto digi", lästerte TV-Moderator Harald Schmidt über die Handy-Paparazzi. "Wem das weiße Fleisch aus den Tanktops quillt oder wer die Zahnbeläge aus der Zeit vor der Wende herüberretten konnte, hat meistens Handy und Digicam dabei. Für mich gehört es deshalb zum Respekt vor dem Nächsten, nicht einfach achtlos vorbeizugehen, sondern zu mahnen: Fotografier nicht so viel, putz dir lieber mal die Zähne!"

Auch als eine Wache heimlich per Handy die Exekution von Saddam Hussein filmte, verbreitete sich das Video rasend schnell im Netz und sorgte für Klickrekorde. Der Sex mit der Ex wird ebenfalls stets gerne aufgenommen um das XXX-Filmchen dann in pornographischen Videoblogs zu veröffentlichen. Und die Jugend spielt auf dem Schulhof schon lange nicht mehr Verstecken, sondern "Happy Slapping" – dabei verprügeln Jugendliche Mitschüler, nehmen die Taten mit dem Handy auf und verbreiteten diese Videos dann wie eine Trophäe.

Aus der Schmuddelecke in den Kunstkontext

"Das Handy begleitet den Alltag, die Zufälle, die Pannen und die Übergriffe", erklärt die Mobile Film Festival-Chefin Azoulay. "Leider haben sich mit den widerlichen Übergriffen von und an Jugendlichen die Handyfilme negativ in unserem Bewusstsein verankert. Mein Wunsch ist es, sie dem zu entreißen. Denn das Neuland ist unermesslich – und ein Stück Boden unter all diesem Neuschnee könnte das Mobile Film Festival werden."

Das deutsche Festival startet heute unter dem Motto "Ein Handy - eine Minute - ein Film": Dann kann jeder Teilnehmer kostenlos sein Mini-Kunstwerk für den Wettbewerb einreichen, sich Filme im Netz anschauen oder gleich auf sein Handy herunterladen. Und die Jury, bestehend aus dem Produzenten Peter Rommel, der Schauspielerin und Moderatorin Charlotte Roche, der Filmkritikerin Christine Deggau, der Kamerafrau Irma Schreiber, dem Regisseur Bülent Akinci und der Drehbuchautorin Ilse Biberti, wird am 24. Mai in Berlin die Gewinner bekannt geben.

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