Michelle Hunziker hat ihren Bodyguard wieder eingestellt. Sie erinnern sich? Nachdem die Fernseh-Assistenzmoderatorin ihren Leibwächter-Schrägstrich-Chauffeur wegen einer Tätowierung mit Neo-Nazi-Konnotationen gefeuert hatte, darf er sie nun wieder beschützen-Schrägstrich-fahren, denn er hat die geballte weiße Faust auf seinem Oberarm umstechen lassen in eine rote Rose, Symbol der Liebe. Dazu ein Herz mit Flügeln, Symbol für, äh, was immer.
Jedenfalls ist das Überstechen eine klassische Methode, um eine missliebige Tätowierung loszuwerden. Eine weitere, neuere Methode ist der Laser, und hier nun ist anscheinend seit einiger Zeit eine Art Massenbewegung im Schwange: Heerscharen von Anwaltsgehilfinnen und Versicherungskaufmännern überfluten die Hautarztpraxen, um ihre Bauchnabelsonnen, Blinddarmdelphine und chinesischen Schicksalszeichen im Nacken wieder loszuwerden.
An erster Stelle der Entfernungshitliste steht offenbar eine gewisse ornamentale Verzierung am Steiß, die, der Gewöhnlichkeit der meisten ihrer Trägerinnen entsprechend, im Volksmund grob "Arschgeweih" genannt wird. Ja, verzweifelte Frisörinnen opfern mutmaßlich mehrere Monatslöhne, um in einer aufwendigen, schmerzvollen und keinesfalls erfolgssicheren Laser-Behandlung ihre Geweihe wieder abzustoßen.
Warum? Nun, die erste Techno-Generation, die der fallenden Scham, ist mittlerweile weit über dreißig und jetzt also dabei, die sogenannten Mittleren Jahre zu erreichen (die vielleicht gar keine mehr sind), und neben Bergen von verfallenden Implantaten führt das unter anderem zu einer Parade verwelkender Körperbemalungen an den Stränden von El Arenal bis Punta Cana, und vielleicht beschleunigte dieser Reifungsprozess eine Einsicht: dass an einer Tätowierung, die alle haben, nichts Originelles ist.
Gerade der Wunsch nach Signalen der Differenz und Erinnerbarkeit jedoch war es, der ebendieselbe Generation vor noch nicht einmal zwei Dekaden die Tätowierung, dann alsbald volksmundlich "Tattoo" genannt, als Mode entdecken ließ, und das führte zu einem Tsunami von sogenannten Tribal-Ornamenten auf Flanken und Waden, zu Dornenkränzen auf anämischen Bizepsen und fernöstlichen Zeichen auf esoterisch angehauchten Schulterblättern: Eine Welle von Tätowierungen, die uns überschwemmte, weil diese dem Körperbewusstsein der Techno-Generation so schön entgegenkamen, einem Körperbild, das die aktuelle Wellness- und Botox-Generation übernommen und weitergeführt hat.
Schwalbenpärchen oberhalb der Brustmuskel
Die Physis wird nach den Zuständen des Bewusstseins modelliert und modifiziert, als Eigentum, das man piercen und mit Ziernarben versehen und auch mit Kochsalzlösung aufpumpen lassen kann (wie das die "Bagelheads" aus der Extreme-Body-Modification-Szene in Japan tun). Der Körper wird verdinglicht und zu einem Besitz, auf den die Prämissen der modernen Konsumtheorie Anwendung finden: Er soll ein Set von gewünschten Eigenschaften repräsentierten, etwas sein, das den Charakter des Besitzers zugleich offenbart und konstituiert, ein Spaßwerkzeug und eine Manövriermasse zur Darstellung eines vermeintlich hochindividuellen Selbst - auch wenn schließlich sämtliche Sachbearbeiterinnen aus Sindelfingen das gleiche chinesische Zeichen für "Schicksal" auf ihren Schultern paradieren (und ebenso gut könnte es das chinesische Zeichen für "ewiges Unglück" oder "Hornhautraspel" oder "Sachbearbeiterin" sein, denn die allermeisten Sachbearbeiterinnen können kein Chinesisch; ich übrigens auch nicht).
Mit ihrer Wandlung zum Konsumobjekt wurde die Tätowierung also letztlich wieder das, was sie einst war: ein Klassenindikator. Nur dass sie jetzt kein Erkennungszeichen für Gefängnisinsassen, Mafiasippen und Seeleute mehr ist, sondern ein Stigma des Massengeschmacks. Und wenn modische Tattoos Armutszeugnisse der Mittelklasse sind, so ist es deren massenhafte Entfernung erst recht. Die Bedeutung einer Tätowierung liegt ja gerade in ihrer Permanenz, und Permanenz ist nun mal das Gegenteil von Mode, und wenn jetzt sämtliche Modeopfer ihre Tattoos wieder loswerden wollen, dann zeigt das nur umso deutlicher den Unterschied zwischen einem "Tattoo" und seriösen Tätowierungen: Letztere sind idealerweise solche, die man sich zwar vielleicht spontan und betrunken von einem unrasierten, rauchenden Faktotum namens Big Jack hinter einem Plastikstreifenvorhang in der Hafengegend verpassen lässt - aber die dann bleiben. Weil sie was bedeuten.
Richtige Tätowierungen, solche, die Bindung und Inhalt verlangen, sind Lebenszeichen, also mehr als Dekoration. Richtige Tätowierungen waren immer was für Leute, die ein bisschen außerhalb stehen, darin liegt ja gerade ihr Auszeichnungscharakter, und deshalb sollte eine richtige Tätowierung auch so platziert sein, dass sie quasi der Welt zugewandt ist, also nicht pseudoversteckt hinter dem Ohrläppchen oder oberhalb des Knöchels oder so'n Mist. Richtige Tätowierungen verwenden klassische Motive und Symbole: Herz, Anker, Schriftband mit "MUM" oder "USMC", Strahlenkreuz auf Hügel oder den guten alten Totenkopf, aus dessen Augenhöhle sich graziös eine Made schlängelt. Ein Klassiker ist auch das Schwalbenpärchen oberhalb der Brustmuskel; doch die eigentlich coolste Stelle für eine Tätowierung bleibt nach wie vor der obere Unterarm (wie bei Popeye oder Morgan Freeman als US-Präsident in "Deep Impact"). Gefolgt von der linken Brust, über dem Herzen.
Wer darüber hinaus gehende Inspirationen will, kann Werke wie die "Russian Criminal Tattoo Encyclopaedia" konsultieren oder zu Prominenten blicken, die Maßstäbe gesetzt haben, wie Fußballspieler Freddie Ljungberg mit seinem Panther in der Leistengegend oder Gangsta Rapper Tupac Shakur, der sich "Thug Life" ("Schlägerleben") quer über die Bauchmuskeln schreiben ließ. Man sieht sofort den Unterschied zwischen Schläger und Schlager, wenn man so was mit dem Boutiquenkranz auf dem mühsam angequälten Oberärmchen des Schnulzensängers Leonard vergleicht. Von Michelle Hunzikers Tribal-Ranke ganz zu schweigen.
Für Damen gilt ohnehin: die beste Tätowierung ist - gar keine. Das klingt vielleicht reaktionär, bleibt aber wahr. Es gibt keine Frau, die mit Tätowierung besser aussähe als ohne. So wie es keinen Mann gibt, der in einem Rock nicht albern aussehen würde. Jenseits des schottischen Hochlands, natürlich.
Philipp Tingler, 40, ist Doktor der Philosophie und trägt den Namen seines Ehemannes über dem Herzen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Michelle Hunziker | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH