Modehund Dackel Das Trend-Würstchen

Picasso hatte Lumpi, Wilhelm II. seinen Erdmann und Heidi Klum ihren Victor: Dackel sind immer mal wieder beliebte Modehunde, seit über hundert Jahren. Jetzt erleben sie ein neues Comeback, bevölkern Parks und Straßen, ihr Abbild ziert T-Shirts und Tapeten. Zu Recht, findet Maren Keller.


Ludwig von der Dümmerwiese betrat unsere Redaktion zum ersten Mal an einem Freitag, der bis dahin grau gewesen war. Bald schon fand er Gefallen daran, unseren Flur als Rennstrecke zu nutzen. Und er konnte erstaunlich schnell rennen. Dabei maßen seine Beine gerade einmal 10 Zentimeter, sein Rücken 40. Eine Bein-Rücken-Relation von 1:4. Ludwig von der Dümmerwiese war also ein Zwerglanghaardackel, wie er im FCI-Standard Nr. 148 ("Dachshund") steht. Und vorübergehend der Redaktionsdackel, der helfen sollte, eines der Mysterien dieser Zeit zu lösen: Was machten plötzlich all die Dackel da draußen, auf den T-Shirts, den Taschen, und natürlich auf den Straßen? Warum liebten plötzlich alle wieder den Dackel?

Unsere Annäherung an den Dackel begann damit, auf unnötige Formalitäten zu verzichten. Und so wurde Ludwig von der Dümmerwiese noch am selben Tag zu Udo. Das macht auch insofern Sinn, als sich gerade überall in Deutschland Dackelclubs gründen, die mit den alten Teckelclubs nicht mehr viel zu tun haben. Beispielsweise der Dackelclub München, nachzulesen in Paragraf 2 der Vereinssatzung: Es kommt nicht auf Abstammung und Zuchtfähigkeit der gehaltenen Dackel an. Interessanter, als wessen Nachfahre Udo ist, ist überhaupt, wessen Nachfolger er ist: der des Mopses nämlich.

Denn auch der Hund existiert nicht außerhalb der Mode. Und so wechseln sich seit Jahren die Rassen ab wie die Rocklängen. Richtig gemacht hat es in all den Jahren eigentlich nur der Schäferhund, der zwar immer beliebt, aber nie in Mode war. Der große Blonde ist damit das kleine Schwarze unter den Hunden. Die Geschichte des Hundes ähnelt in erschreckendem Ausmaß der Geschichte der Kleidung: Die ersten Luxus- und Rassehunde gab es an den Adelshöfen schon im Spätmittelalter. Aber erst mit dem Aufstieg des Bürgertums wurde eine Mode daraus. Im 19. und 20. Jahrhundert gründeten sich die Zuchtvereine, und spätestens seitdem kann man den Zeitgeist daran erkennen, welcher Hund gerade in Mode ist. Die Pudel-Ära, die Dalmatiner-Epoche, dann die Weimaraner Republik, die Chihuahua-Jahre. Dazwischen kurze Schlaglichter: die West-Highland-White-Terrier-Hochphase, die Popularität des Portugiesischen Wasserhundes.

Von totgesagt zu todschick

Für unsere Zeit gilt: Es nähert sich das Ende der Mops-Jahre, und wir treten ein in die dritte Dackelphase. An die zweite, den Boom in den Siebzigern, wird sich mancher noch erinnern. Die erste Phase aber liegt gut hundert Jahre zurück und war zugleich der Beginn des Phänomens Modehund überhaupt. Wilhelm II. hatte den Dackel populär gemacht und zu einem Statussymbol des Bürgertums. Es folgte eine Dynastie glamouröser Paare, die Wilhelm II. und Erdmann in nichts nachstand. Picasso und Lumpi. Prinz Henrik von Dänemark und Evita. Viktor & Rolf und Little Swan. Derek Blasberg und Monster. Andy Warhol und Archie und Amos. Heidi Klum und Victor. Dita von Teese und Eva. Liam Gallagher und Ruby. Wir und Udo.

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Haustier Dackel: Hipster haben kurze Beine
Zugegeben: Der Dackel hat kurze Beine. Aber es ist ja auch nur ein kleiner Schritt von "verschrien" zu "letzter Schrei". Hinweise auf das Accessoire der Saison finden sich nicht nur in den Parks und auf der Straße, Hinweise finden sich vor allem in den Kaufhäusern, in den Modefilialen und auf Blogs. Käuflich zu erwerben mit Dackelmotiv sind unter anderem T-Shirts, Jutebeutel, Notizblöcke, Ringe, Kettenanhänger, Tapeten, Kissen, Poster, Tischkarten, Stickbilder, Ohrringe. Und dann trottet der Dackel auch noch durch den Ikea-Katalog.

Im Internet gibt es ganze Blogs, die dokumentieren, wann welcher Prominente mit Dackel gesichtet wurde. Spotted: MTV-Reality-Star Snooki ("Jersey Shore") mit Dackelwelpen auf den Straßen Italiens. Ke$ha, die per Twitter Namensvorschläge für ihren Dackelwelpen sammelt (alles deutet auf ein Stechen hin zwischen Bacon und Roxy). Und die Popsängerin Adele, die sich nicht nur mit ihrem Dackel Louie für die Modezeitschrift "Nylon" fotografieren ließ, sondern auch gleich mitteilte, dass sie ihn lieber Britney Spears getauft hätte und sich seinetwegen ein Haus gegenüber eines Parks gekauft hat (was insofern verschwendete Liebesmühe war, als dass Louie sich inzwischen weigert, in diesen Park zu gehen, seit er dort einmal gebissen worden ist).

Am anderen Ende der Hundeleine spazieren plötzlich junge Paare, keine Rentner, wie es doch eigentlich das Klischee besagt. Seltsam, denn ist der Dackel dafür nicht zu spießig?

"Nö", sagt Udos Besitzerin. Dabei galt der Dackel in den Neunzigern noch als so gestrig, dass sich die Medien (wenn auch etwas voreilig) sogar darum sorgten, ob der Dackel etwa vom Aussterben bedroht sei, und der Oasis-Sänger Liam Gallagher ankündigte, in diesem Fall notfalls selbst 900 Dackel zu erwerben.

Von totgesagt zu todschick. Für so einen Imagewandel geben andere ins Abseits geratene Persönlichkeiten sehr, sehr viel Geld aus. Der Dackel ist ein Retrotrend wie die Empiretaille und die Schlaghose.



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Romiman 12.07.2011
1. Der Dackel von Hausmeister Krause...
... heißt allerdings "Bodo", nicht Bob! ("...dat jute Tier...")
jayred 12.07.2011
2. wenn ich...
...texte wie diesen lese, durchläuft mich regelmäßig ein kaltes schaudern: tiere als accessoires, zeitgeist auf vier pfoten, mode-hund. wie krank ist eigentlich eine gesellschaft, die lebewesen wie handtaschen, hüte oder handys diskutiert und verwendet? jedem autor solcher unkritischer modehundgeschichten kann man nur empfehlen, mal eine woche im nächstgelegenen tierheim mitzuarbeiten um zu sehen was passiert, wenn man themen wie diese fördert: überzüchtete tiere, die krank werden enden im tierheim, weil die modebewussten "frauchen" oder deren männliches pendant sich nicht mit einem wesen belasten wollen, das nicht mehr hip, weil krank ist. ganz zu schweigen von den opfern des modewechsels. demnächst dürften möpse ja wohl in baisse gehen. liebe tierheime: bereitet euch auf sie vor.
jagerwilli 12.07.2011
3. Degenerierte Wesen für die geplagte Großstädterseele
Sicherlich ist der Dackel, wie vor ihm so viele andere Hunde auch, mal wieder im Trend. Doch was dies für die Hunde bedeutet, das schert leider keinen, da man im Dackel (wahlweise ersetzbar durch Yorckshire Terrier, Labrador / Golden Retriever, Weimaraner, ..) nur ein Modeaccessoire sieht, das zur Handtasche oder wahlweise zum Landrover oder dem Range Rover in der Vogue Edition passt! Dass diese "Hundehalter" dem Wesen und der Natur der Hunde, als Jagdhunde mit einem ausgesprochen festen Wesen und dem Drang nach Beschäftigung nicht nachkommen ist sehr schade. Da wird dann aus dem eigentlich agilen, intelligenten und leistungswilligen Rassehund eine dicke Wurst auf 4 Beinen, die überall mit hingeschleift wird. Von Verantwortung gegenüber dem Geschöpf keine Spur. Solange es gut aussieht ist alles Recht! Als Jäger und aktiver Naturschützer, der sich aus Platz und beruflichen Gründen leider keinen eigenen Hund halten will, kann ich nur sagen, dass dies mal wieder ein schöner Beweis dafür ist, dass unsere (v.a. städtische Gesellschaft) sich dem Abgrund nähert. Siehe dazu z.B. auch die Ausgaben für Hundefutter und Hundekosmetik im Ggs. zur z.B. Kinderarmut in Deutschland. Schon pervers wenn man mehr Geld für Modehunde ausgibt als dafür, dem Menschen neben uns zu helfen!
debreczen 12.07.2011
4. ...
Zitat von jayred...texte wie diesen lese, durchläuft mich regelmäßig ein kaltes schaudern: tiere als accessoires, zeitgeist auf vier pfoten, mode-hund. wie krank ist eigentlich eine gesellschaft, die lebewesen wie handtaschen, hüte oder handys diskutiert und verwendet? jedem autor solcher unkritischer modehundgeschichten kann man nur empfehlen, mal eine woche im nächstgelegenen tierheim mitzuarbeiten um zu sehen was passiert, wenn man themen wie diese fördert: überzüchtete tiere, die krank werden enden im tierheim, weil die modebewussten "frauchen" oder deren männliches pendant sich nicht mit einem wesen belasten wollen, das nicht mehr hip, weil krank ist. ganz zu schweigen von den opfern des modewechsels. demnächst dürften möpse ja wohl in baisse gehen. liebe tierheime: bereitet euch auf sie vor.
Die Vorstellung ist nicht schön, aber ob das der Realität in Tierheimen entspricht? Nach meinem Besuchereindruck waren egal in welchem Tierheim 3/4 der Hunde Mischlinge großer, teils als aggressiv geltender Rassen. Also gerade nicht "abgelegte Accessoires". Noch unter den Rassehunden sind viele Rottweiler / Schäferhunde, kaum Möpse oder Dackel... Kennt hier jemand die genauen Tierheimzahlen?
HariboHunter, 12.07.2011
5. Aw:
Dackel sind bestimmt kein Hund fuer Anfaenger und auch Familien mit kleinen Kindern sollten sich ueberlegen, ob ein Teckel die richtige Wahl ist. Wer Huehner halten moechte, sollte auch auf den Dachshund verzichten. Unser, hatte eine Vorliebe VW-Bullis (waidlaut!) zu jagen und den Nachbarhund (Boxer) zu verpruegeln. Nebenbei hetzte er selbststaendig Wildschweine und Niederwild, beendete die Katzenplage im Dorf, verschwand zwischendurch immer mal wieder fuer ein paar Tage und tauchte unvermittelt wieder auf und waelzte sich mit Vorliebe in allen Exkrementen die er finden konnte. Radfahrer und Postboten mochte er auch nicht... Er starb durch VW-Bulli. Ist jetzt 25 Jahre her. :) Ich find die niedlichen kleinen Racker gut. Wenn der Modehund wird, sind die Tierheime ja bald wieder voll davon. Dann ueberleg ichs mir.
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