Moderatoren-Guide Am Anfang war der Toast Hawaii

Moderatoren kommen und gehen, sie werden produziert und verbraucht. Jetzt gibt es ein "Who is Who" des Gewerbes. 400 Biografien ergeben eine Kulturgeschichte des Fernsehens von seinen Anfängen vor 50 Jahren bis heute.

Von Henryk M. Broder


Promovierter Talker: Alfred Biolek
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Promovierter Talker: Alfred Biolek

Es ist einer der letzten freien Berufe, für den man weder eine Gesellenprüfung ablegen noch einen Meisterbrief erwerben muss. Für Millionen junger Menschen ist es der Traumberuf, wie früher Stewardess, Reiseleiter oder Rallyefahrer. Und er scheint relativ krisensicher, denn ständig kommen neue "Formate" auf den Markt, für die neue, frische Gesichter gebraucht werden: Der Moderator, laut Fremdwörterduden, ein "Verzögerer" und "eine Bremsvorrichtung in Kernreaktoren", ist im Fernsehen ein Antreiber und ein Beschleuniger; hat eine Sendung Erfolg, dann liegt es am Moderator, floppt sie, ist der Moderator schuld.

"Jeder Tor wird Moderator" hat vor kurzem der Berliner "Tagesspiegel" geschrieben, aber so einfach ist die Sache nicht. Manche Moderatoren haben promoviert (Dr. Biolek, Dr. Herles, Dr. Willemsen) und wären auch in einem anderen Beruf etwas geworden. Andere, wie Maria und Margot Hellwig, die Königinnen der Volksmusik, sind erfolgreiche Unternehmerinnen ("Gästehaus Hellwig" mit Hallenbad, Sauna und Solarium) und moderieren nur noch nebenbei. Wie in jedem Gewerbe muss es irgendetwas geben, das die Angehörigen des Standes gemeinsam haben, etwas das Otto Höpfner ("Zum blauen Bock") mit Werner Höfer ("Der internationale Frühschoppen"), Lilo Wanders ("Wa(h)re Liebe") mit Anne Will ("Tagesthemen") und Elke Heidenreich ("Lesen!") mit Dieter Thomas Heck (" Musik liegt in der Luft") verbindet.

 Urgestein der Branche: Dieter Thomas Heck
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Urgestein der Branche: Dieter Thomas Heck

"Es ist das Image", sagt Michael Völkel, "es muss zur Sendung passen". Es wäre verkehrt, Sonya Kraus das "heute-journal" moderieren zu lassen, und Claus Kleber wäre bei "Pleiten, Pech und Pannen" eine sehr klare Fehlbesetzung.

Völkel, 1969 in Wolfsburg geboren, wollte selber nie Moderator werden, aber er ist von dem Beruf so angetan, dass er seit über zehn Jahren Material über Moderatoren sammelt: Interviews, Porträts, Originaltöne und natürlich Videos mit bemerkenswerten Auftritten der TV-Gladiatoren. Er durchforstet Internet-Foren, die sich mit Moderatoren beschäftigen und klickt regelmäßig die Website "hoefliche-paparazzi" an.

Angefangen hat er damit, nachdem er sein Studium der Politologie, Germanistik und Psychologie beendet hatte, mit einer Magister-Arbeit über das Thema "Der Strukturelle Realismus und das Ende des Ost-West-Konfliktes". Und weil er gerne Biografien und Lexika liest, am liebsten Meyers Konversationslexikon, hat er selber zwei Nachschlagwerke mit Lebensläufen verfasst: "Das Lexikon der prominenten Selbstmörder" und "Das Lexikon der Idole". Nun legt er seine dritte Sammlung von Lebensläufen vor: "Das Lexikon der TV-Moderatoren", einen fast 600 Seiten dicken Wälzer mit rund 400 Biografien von Alexander, Peter bis Zimmermann, Eduard. Es hätten noch viel mehr werden können, denn es standen rund 1000 Kandidaten aus 50 Jahren Fernsehgeschichte zur Verfügung.

Die Kriterien, nach denen Völkel die Auswahl traf, waren neben "Kompetenz" auch "Originalität und Individualiät". So kommt es, dass Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen aufgenommen wurden, Enie van de Meiklokjes und Ralph Morgernstern ebenso, nicht aber Patricia Farameh, die nach ihrer Affäre mit Boris Becker Moderatorin wurde, oder "Naddel", die sich für den Job durch eine längere Beziehung mit Dieter Bohlen qualifiziert hatte.

Der Preis war heiß: Harry Wijnvoord präsentierte die Verkaufsshow genau 1873 Mal
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Der Preis war heiß: Harry Wijnvoord präsentierte die Verkaufsshow genau 1873 Mal

Michael Völkel weiß, dass seine Kriterien natürlich subjektiv sind. Ist Karl Moik, der dem "Musikantenstadl" seit 1983 ein Gesicht gibt, wirklich ein Moderator oder nur ein ehemaliger Vertreter für Kopiergeräte, der das Fach gewechselt hat? Kann man sagen, Harry Wijnvoord ist ein Moderator, nur weil er 1873 Mal die Spielshow "Der Preis ist heiß" geleitet hat? Dann wären "Bananen-Harry" und "Aale-Dieter", die auf dem Hamburger Fischmarkt arbeiten, irgendwie auch Moderatoren, die es nur nicht ins Fernsehen geschafft haben.

Neben etlichen fragwürdigen Nominierungen gibt es auch einige bedauerliche Auslassungen. Manfred Eichel, der lange Zeit "aspekte" geleitet und moderiert hat, kommt in der Sammlung nicht vor, auch die Chefredakteure Dieter Gütt (ARD) und Reinhard Appel (ZDF) haben vergeblich geackert. Sie sollen, sagt Völkel, in der nächsten Auflage berücksichtigt werden. Freilich: Kein Lexikon ist vollständig, und wer es darauf anlegt, wird auch in der Encyclopedia Britannica Lücken finden. Das Lexikon der TV-Moderatoren hat dennoch einen hohen Gebrauchswert. Viva- und MTV-Konsumenten, die mit Mola Adebisi und Markus Kavka aufgewachsen sind, können nachlesen, dass es in der Frühzeit des Fernsehens coole Stars wie Peter Frankenfeld, Hans Joachim Kulenkampff und Lou van Burg gegeben hat; ältere Zuschauer, die noch Bernhard Grzimek, Robert Lembke und Gert von Paczensky erlebt haben, werden mit Benjamin von Stuckrad-Barre, Janin Reinhardt und Niels Ruf bekannt gemacht.

Beauftragter für Naturschutz: Bernhard Grzimek
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Beauftragter für Naturschutz: Bernhard Grzimek

Auch der Moderator ist ein Kind seiner Zeit, wobei einige dem Zeitgeist erfolgreich trotzen, wie der "Hobbythek"-Erfinder Jean Pütz, der jede Programmreform überlebt hat, und andere vom Zeitgeist regelrecht aufgerieben werden, wie der Wiener Hermes Phettberg, der nach einer kurzen Karriere als Kult-Figur "hoch verschuldet in seiner Wohnung (sitzt) und am Leben (leidet)". Es gibt Moderatoren, die abstürzen und immer wieder neu antreten, wie Hape Kerkeling, und traurige Gestalten wie Wolfgang Lippert, "ein Mann des Volkes", der vergeblich darauf wartet, aus dem Ruhestand geholt zu werden.

Völkel liefert Lebensläufe, die sich zu einer Kulturgeschichte des Fernsehens verdichten. Was in den fünfziger Jahren beschaulich mit dem Fernsehkoch Clemens Wilmenrod begann, der panierte Schnitzel als venezianische Delikatesse anpries und den "Toast Hawaii" populär machte, ist inzwischen ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem jeder jeden zu überbieten versucht. "Wer so viel redet wie ich, erzählt eben auch viel Blödsinn", sagt Vera Int-Veen über "Vera", Barbara Schöneberger wäre am liebsten "bei sich selbst zu Gast" und kennt nur ein einziges Laster: "Sex ohne Tabus", während Peter Lustig, der Kinderbücher schreibt und Kindersendungen moderiert, im richtigen Leben Kinder "nicht leiden kann", weil sie anstrengend, laut und klebrig sind.

"Bei sich selbst zu Gast": Barbara Schönberger
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"Bei sich selbst zu Gast": Barbara Schönberger

Und dann gibt es noch die Abteilung "Was macht eigentlich...", die gut besetzt ist, u.a. mit Carmen Thomas, die mit einem Versprecher in der Sportschau ("Schalke 05") unsterblich wurde, mit der Bremer Sex-Bombe Uschi Nerke ("Beatclub" und "Musikladen"), die inzwischen CDU-Sommerfeste moderiert, mit Chris Howland, der bei "Vorsicht Kamera" erst berühmt und dann aus dem Programm gemobbt wurde. Sie haben, sagt Michael Völkel, Glück gehabt. Denn "heute würden sie alle bei 'neun live' landen".







Das Lexikon der Moderatoren

Anekdoten, Fakten und Sprüche aus 50 Jahren TV-Geschichte, Michael Völkel, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, 591 Seiten, 24,90 Euro




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