Moderne Kunst in Dubai Burka-Barbie und Apfelbagger

Arabische Herrscher zwischen streng verhüllten Plastik-Püppchen und provokant verpackten Luxus-Jeeps: Auf der Kunstmesse Art Dubai werben junge Talente um die Gunst der Ölmillionäre. Ein neuer Kunstmarkt entsteht - aber wie kreativ ist er auf Dauer?

Von , Dubai


Damen-Vernissage auf der Art Dubai, der größten Kunstmesse im Nahen Osten: Über die Lautsprecher kommt eine Durchsage, die zweimal wiederholt werden muss, bevor die Herren des internationalen Kunstmarkts ihren Ohren trauen: "Alle Männer werden aufgefordert, die Ausstellungshallen zu verlassen." Irritierte, ratlose Blicke erst, dann macht die Karawane der Kuratoren, Sponsoren und Professoren sich auf den Weg ins Freie. Manche rauchen, manche schimpfen.

Die Herzen der verbliebenen Galeristinnen hingegen pumpen jetzt Adrenalin. Angekündigt ist eine Scheicha, eine Prinzessin aus dem Nachbar-Emirat Abu Dhabi. Was diese Frau vor ein paar Monaten getan hat, sprach sich herum bei Kunsthändlern in New York, Hamburg, Wien und Hongkong. Auf einer Messe in Abu Dhabi, so heißt es, hat sie für 30 Millionen Dollar Kunst gekauft. Und jetzt kommt sie nach Dubai. Jeden Moment kann sie erscheinen. Gespanntes Warten auf 68 Messeständen.

"Sie ist am Ende nicht gekommen", sagen später die enttäuschten Europäerinnen. "Doch, bei mir hat sie ein Stück reservieren lassen", sagt die Iranerin Sunny Rahbar, die in Dubai eine Galerie betreibt. "Ich bin nicht sicher, ob sie das wirklich war", sagt Yasmin Atassi aus Damaskus.

"Sie war tatsächlich hier", stellt John Martin klar, der junge Brite, der den modernen Kunstmarkt vor einem Jahr nach Dubai brachte. "Doch sie ist inkognito gekommen. Sie wollte keinen großen Auftritt."

Range Rover als Kunstwerk

Für solches Understatement freilich fährt man eher in die Schweiz als an den Golf, weshalb seit dem "Ladies Preview" ein leiser Misston über der zweiten Art Dubai liegt. Spektakulär erneut der Schauplatz: eine Bade-, Shopping-, Konferenzlandschaft am Fuß des weißen Burj-al-Arab-Hotels; eindrucksvoll das Rahmenprogramm: frische Debatten über Ästhetik, Politik und Business, die sonst im Nahen Osten niemand führt; dazu Galerien, Sammler und Beobachter aus Ländern, die man traditionell nicht mit moderner Kunst verbindet: Pakistan, Saudi-Arabien, Indien und Palästina.

Hätte man sie mit verbundenen Augen auf diese Kunstmesse gebracht, sagt Tanja Maka von der "Produzentengalerie" in Hamburg, an zwei Details hätte sie trotzdem schnell gemerkt, daß sie nicht in Basel, Köln oder Berlin ist: Auf der Terrasse vor der Ausstellungshalle steht ein in einen Plexiglas-Quader verpackter Geländewagen, davor ein Schild: "Der Range Rover. Ein Kunstwerk." Und am ersten Abend gingen Hostessen durch die Halle und stellten jedem Stand einen Sektkübel mit zwei Flaschen Veuve Clicquot und acht Champagnergläsern auf den Tisch: "Für Sie und Ihre Kunden." Das allerdings war Dienstag. Am Donnerstag war der Geburtstag des Propheten, und da wurde, wie im Ramadan, kein Alkohol serviert.

Was aber ist aus der Hoffnung der ersten Art Dubai geworden, der Marketing-Verheißung, dass in dieser Welthauptstadt der Globalisierung Kunst und Kommerz zusammengehen, dass sich eine Region auf der Landkarte der Kreativen etabliert, die bisher mehr auf den Geologen-Charts der Ölkonzerne und den Satellitenbildern der Geheimdienste auftaucht?

Dollar-Nase für den Häkel-Clown

"Sehen Sie mal da drüben", sagt ein türkisch-deutscher Galerist und zeigt auf eine Wand, an der sechs Kalligrafien hängen. Drei davon haben einen roten Aufkleber an der Legende, Hinweis, daß sie für einen Käufer reserviert sind. "Die Leute hier kaufen, was sie ohnehin schon kennen. Das kann man ihnen nicht verübeln, aber wir werden einen langen Atem brauchen, um hier einen etwas mutigeren Geschmack zu entwickeln." Sein Gegenangebot an den Finanzplatz Dubai: eine digital verfremdete Spitzen-Häkelei, auf der sich dutzendfach das Gesicht eines Clowns wiederholt, mit einem dicken Dollar-Zeichen statt einer roten Nase.

"Nein", sagt Jörg Paal von der Münchner Galerie Thomas, "große Kunst wird überall erkannt." Wer immer seinen Stand betrete, steuere geradewegs an den farbigen Großformaten vorbei auf ein deutlich kleineres Gemälde des russisch-deutschen Expressionisten Alexej von Jawlensky zu. Ein Ölbild aus dem Jahr 1914. Könnte freilich sein, daß das Sujet die Kundschaft anzieht: Das Bild heißt "Haus mit Palme".

Zwölf der 68 Galerien kommen inzwischen aus der arabischen und islamischen Welt, sagt Messechef John Martin. Andere kämen aus dem Westen und spezialisierten sich auf Kunst aus dem Orient. Das sei der Weg, den die Art Dubai nun gehe. "Ich bin sicher, dass wir in ein paar Jahren mit dieser Messe in Europa sind."

Und dass Arabiens Kundschaft in Dubai doch lieber Kalligrafien kauft? "Täuschen Sie sich nicht. Ich war dabei. Einer der Käufer war ein Sammler aus New York."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.