Möbel-Design Schräger wohnen

Gerade in Krisenzeiten ist ja ein schönes Zuhause als Bastion wichtig. Wie man dazu kommt, zeigen die Kölner "Passagen", die während der Möbelmesse "imm cologne" Newcomer der internationalen Design-Szene vorstellen. Empfehlenswert: Spanier, Briten und Möbel aus Beton.


Parallel zur "imm cologne" sind sie entstanden, die "Passagen" in Köln. Als eine Art Begleitprogramm zur jährlichen internationalen Einrichtungsmesse war der Design-Rundgang gedacht, auf dem verstreut in der ganzen Stadt in Galerien, kleinen Geschäften, in Büros von Kreativen oder an irgendwelchen originellen Orten wie in einem Rhein-Brücken-Tunnel Interior Design ausgestellt wurde.

Anfangs waren das ausschließlich verrückte Entwürfe vom kleinen Schmuckstück bis zum Wolkenkuckucksheim, skizzierte Ideen, Möbel, die mit herkömmlichen Wohnungsausstattungen nichts zu tun hatten, sondern für unkonventionelle Lebensentwürfe standen, weil sie jede Gewohnheit umkrempelten.

Heute sind die "Passagen" immer noch ein Forum für die ersten Schritte junger Designer, die keine Produzenten und keine Vertriebs- und Verkaufsmöglichkeiten haben. Aber sie sind auch das Schaufenster großer Möbelhersteller geworden, die ihre neuesten Luxusküchen vorführen wie Bulthaup, Miele und Boffi, oder ihre exklusiven Möbel-Highlights zeigen wie B&B die Outdoor-Entwürfe von Patricia Urquiola oder Habitat seine "Future Icons".

Zum 20. Mal finden die "Passagen" in diesem Jahr statt, ab nächsten Montag, natürlich wie immer parallel zur Möbelmesse "imm cologne". Im vergangenen Jahr zogen rund 130.000 Besucher durch die Stadt, vom Fachbesucher der Messe bis zum Touristen, der vom Vorher-Nachher-Effekt der TV-Wohnshows überzeugt worden ist, dass bunte Wandfarbe einfach glücklicher macht.

Außerdem ist ein schönes Zuhause als individuelle Bastion gerade in Krisenzeiten wichtig, und wenn man dann noch eine gute Küche hätte, könnte man die Kochschau-Gerichte nachkochen, das ist vernünftig und hilft beim Sparen, weil das Auswärtsessen entfällt.

Träumen ist auf jeden Fall erlaubt beim "Passagen"-Rundgang, auch die Phantasie, man könnte das eine oder andere vielleicht sogar selbst produzieren – es würde am Ende sowieso ganz anders aussehen. Obwohl: viele simple Kisten bauen und zum Regal stapeln, das sieht einfach aus, aber ob das auch in Heimarbeit gelingt? Und das dicke Holzbrett mit vier Beinen und einem Filzrollenbelag, das ein minimalistisches Gästebett abgeben soll, sieht in der eigenen Wohnung wahrscheinlich nur wie ein dickes Holzbrett auf Beinen aus.

Wichtig für den "Passagen"-Besucher ist ein Plan, denn es gibt rund 190 Ausstellungen, die man erstens nicht schafft und zweitens auch nicht alle sehen muss. Mit dem Passagen-Heft, das kostenlos zu bekommen ist, fällt die Auswahl leicht, denn alle Ausstellungen sind beschrieben und die Orte übersichtlich in einen Stadtplan eingetragen – gut für kurze Wege.

Verpassen sollte man auf keinen Fall die Ausstellung "Sidispot – Best of Spanish Interior Design", die Briten mit limitierten Entwürfen von Jasper Morrison, Zaha Hadid, Amanda Levete, Future Systems und Terence Woodgate/John Barnard (Established & Sons) und die aktuelle niederländische Designszene im Kölner Kunstverein (The Dutch Corner). Dort kann man sich auch bei einer Dia-Dokumentation über "20 Jahre Passage" mal ansehen, was sich von den alten Entwürfen durchgesetzt hat und über welche schrägen Einfälle man sich heute nur noch totlacht.

Immer interessant sind neue Materialien, z. B. Möbel aus Beton oder die einzige Bodenfliese von 3,5 mm Stärke mit Reliefoberfläche und einen Werkstoff namens Varioline, der leicht und wetterfest sein soll. Und zum ersten Mal in Deutschland stellt der indische Designer Satyendra Pakhalé seine Sitzskulpturen aus Bronze, Aluminium und Keramik in Gabriele Ammanns designer's gallery aus.

Trinken und sich vom Rundgang erholen sollte der Design-Fan übrigens unbedingt in der "Kunstbar" am Chargesheimer Platz, die hat der belgische Designer Arne Quinze konzipiert, bis hin zu den Getränken.

Neu ist in diesem Jahr "Highway Europa", ein urbanes Projekt der Passagen-Gründerin Sabine Voggenreiter zusammen mit Ingo Stein. In der Gladbacher Straße, einer Hauptverkehrsstraße von 200 Metern mit Parkproblemen, Mischbebauung von der Gründerzeit über triste Nachkriegsbauten bis zur Post-Postmoderne und mit Bewohnern verschiedener Nationalitäten, gibt es alles – vom "Tanz auf der Straße" über die "Bioinvasion" eines Blumenateliers bis zur Skate-Street-Art-Ausstellung und zum Fernfahrer-Menü. Hier menschelt es im coolen Design-Betrieb. Und hier kommt der Normalwohner wieder auf den Teppich.

Nichts für "Living, Lifestyle, Trend"-Versessene, die haken an den Publikumstagen am 24. und 25.1. noch schnell die "imm cologne" ab, und ach ja, eine neue Messe, die "Designers Fair" gibt es auch noch.


Köln. Interior Design Week.

"Passagen 2009". In der ganzen Stadt. 19.–25.1.; "Highway Europa" . Gladbacher Straße; "designers fair" . Im Rheintriadem. 18.–25.1.; "imm cologne". Messehallen. Publikumstage am 24. und 25.1.



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