Möllemann bei Gabi Bauer "Das ist unseriös, was Sie jetzt machen"

Eine unterhaltsame Lehrstunde in angewandter Infamie: FDP-Querschläger Jürgen W. Möllemann wollte bei Gabi Bauer im Ersten seelenruhig sein neues Buch vorstellen. Eigentlich eine sichere Sache, doch die tapfere TV-Journalistin brachte ihren aalglatten Gesprächspartner gehörig in Bedrängnis.

Von Henryk M. Broder


Vollblut-Politiker Möllemann: "30 Jahre schmeißt man nicht weg"
DDP

Vollblut-Politiker Möllemann: "30 Jahre schmeißt man nicht weg"

Betrachten wir die Angelegenheit einmal aus der Sicht eines Bausparers, der mit der "Leonberger" einen Vertrag abgeschlossen hat: Eine knappe Million Euro, das sind rund zwei Millionen Mark, so rechnet es sich einfacher. Für zwei Millionen Mark kann man derzeit in Berlin vier Eigentumswohnungen kaufen, in guter Lage, jede 80 bis 100 Quadratmeter groß. In Münster bekäme man für dasselbe Geld vermutlich eine ganze Häuserzeile in der Innenstadt.

Eine knappe Million Euro hat Jürgen Möllemann für die Herstellung und den Vertrieb eines, wie er sagt, "israelkritischen Flyers" ausgegeben, den er im Frühjahr letzten Jahres an alle Haushalte in Nordrhein-Westfalen verteilen ließ, rund acht Millionen Stück. Denn der Nahostkonflikt, der nicht enden wollende Kampf zwischen den Israelis und den Palästinensern, das ist es, was einem Politiker in der westfälischen Etappe am meisten am Herzen liegt, da muss er sich einmischen und sagen, wo's lang geht.

Der Flyer war ihm eine Million Euro wert, und die hat er, sagt er, aus seiner Privatkasse bezahlt, so wie ein Familienvater bei einem Besuch im Zoo seinen Kindern vier "Magnum" von Langnese kauft, ohne nachzurechnen, ob er für den Gegenwert am Souvenirstand nicht auch etwas Bleibendes bekäme. Jürgen W. Möllemann, Doppel-Abgeordneter im Landtag von Düsseldorf und im Bundestag in Berlin, außerdem Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, ist nämlich ein Idealist, dem es um das Wohlergehen von Schalke, der FDP, Deutschlands und der Welt geht. Sein eigenes Wohl und Wehe stellt er immer hintendran.

"Ich bin auch noch da!"

Dennoch wird der Mann immer missverstanden. Parteifreunde nennen ihn den "Quartalsirren" (Solms), "geisteskrank" (Graf Lambsdorff), "durchgeknallt" (Westerwelle) und versuchen seit einigen Monaten, ihn loszuwerden. Aber Möllemann mag gaga sein, blöd ist er nicht. Sind alle hinter ihm her, meldet er sich krank und incommunicado - und taucht ab in seine Hütte auf Gran Canaria oder nach Dubai, wohin er trotz seiner angegriffenen Gesundheit offenbar fliegen kann. Haben sich die Wellen gelegt, taucht er wieder auf und schreit: "Ich bin auch noch da!"

So spielt er seit Monaten das alte Hase- und Igel-Spiel, vor allem mit der FDP. Und wer bei diesem Wettlauf der schlaue Igel und wer der dumme Hase ist, daran kann es seit spätestens gestern Abend keinen Zweifel mehr geben. Da präsentierte Möllemann "exklusiv bei Gabi Bauer" sein Buch "Klartext. Für Deutschland", das er in den letzten Monaten offenbar klammheimlich geschrieben hatte. Die erste Auflage, protzte der "Riesenstaatsmann Mümmelmann" (F.J. Strauß), sei schon vor Erscheinen ausverkauft. Wo hatten wir diesen Satz zuletzt gehört und nicht glauben wollen? Natürlich, bei Dieter Bohlen.

"Sie fühlen sich gemobbt, warum sagen Sie nicht, es reicht?"

"Was ist los mit diesem Mann? Wo will er hin?", fragte Gabi Bauer am Anfang, als könnte man eine klare Diagnose stellen und das Ziel definieren. Doch für Möllemann ist die Reise das, worauf es ankommt. "Wir ringen, wie die Zukunft aussehen soll" - "Ich begreife es nicht", setzte Frau Bauer nach, "Sie fühlen sich gemobbt, warum sagen Sie nicht, es reicht?" Es gäbe "Grenzen des menschlich Zumutbaren", antwortete Möllemann, aber: "30 Jahre schmeißt man nicht weg"- und schaute drein wie die betrogene Unschuld, die zur Fortsetzung der kaputten Ehe bereit ist, obwohl der Partner bereits angekündigt hat, mit den Gemeinheiten weiter zu machen.

Frau Bauer, sonst die kleine Schwester von Alfred Biolek, war diesmal glänzend vorbereitet, behielt die ganze Zeit die Führung, fragte ungeniert nach und ließ sich durch Möllemanns Patzigkeiten und Flegeleien nicht aus der Rühe bringen. Sie schaffte es, woran viele Moderatoren vor ihr gescheitert waren: Möllemann aus der Ruhe und in Verlegenheit zu bringen. Dann war's aus und vorbei mit dem charmanten Lächeln über dem Rollkragen und man bekam mit, wie Möllemanns Blutdruck nach oben raste und die Stimme vereiste.

Niemand kann den sprichwörtlichen Pudding an die Wand nageln

Dass die nette Moderatorin trotz argumentativer und emotionaler Überlegenheit unterm Strich doch scheiterte, lag nicht an ihr. Niemand kann den sprichwörtlichen Pudding an die Wand nageln. Denn Möllemanns Methode, die ihm einen situativen Vorsprung sichert, ist die der Insinuierung, der Unterstellung und der Verleumdung - im Vertrauen darauf, dass sein Gegenüber den Gegenbeweis gerade nicht zur Hand hat. Jörg Haider macht es genauso.

Ein Wort ist kein Wort und eine Aussage ist keine Aussage. Nur eine Regel gilt: Im Zweifel für Jürgen W. Möllemann. Woher er denn wisse, fragte Gabi Bauer, "dass Westerwelle vom israelischen Geheimdienst Mossad erpresst wurde?" - Das habe Westerwelle "uns berichtet, dass er unter Druck gesetzt wurde..." - "... was zu tun?" - "...das hat er so genau nicht gesagt..." - "Sie schreiben von Erpressung..." - "Das ist für mich Erpressung." - "Was können die in der Hand haben?" - "Für mich ist das schon Erpressung, wenn ich unter Druck gesetzt werde."

Das war Infamie für Fortgeschrittene. Aus dem Text und Kontext des "Erpressungs"-Kapitels geht klar hervor, womit Westerwelle angeblich erpresst wurde und was das Ziel der Erpressung war: Möllemann los zu werden, damit die FDP die Wahlen verliert. Alle übrigen Hausaufgaben hat der Mossad schon erledigt.

"Jürgen, besorg mir den Friedensnobelpreis"

So ähnlich war es auch mit der Enthüllung, Hans Dietrich Genscher habe Möllemann "mehrmals am Tag" angerufen und ihn gebeten: "Jürgen, besorg mir den Friedensnobelpreis". Und um ein Haar hätte Möllemann, der Allmächtige, es auch geschafft, so wie er es geschafft hat, seinen Ex-Freund Westerwelle zum Vorsitzenden der FDP zu machen.

"Haben Sie nie daran gedacht, dass Sie in den Knast kommen könnten?", wollte Gabi Bauer im Zusammenhang mit Möllemanns obskuren Geldgeschäften wissen. "Das ist unseriös, was Sie jetzt machen", gab der Ehrenmann zurück. Wenn er geahnt hätte, dass er verhört würde, dann hätte er seinen Anwalt in die Sendung geschickt. "Ich wundere mich über Ihre Gesprächsführung. Was wollen Sie eigentlich?"

Alles in allem war es eine vergnügliche, schnelle halbe Stunde aus dem Grenzgebiet von Esoterik und Politik kurz vor Mitternacht. Wäre nicht der drohende Krieg im Irak, könnten wir glücklich sein, keine anderen Sorgen zu haben. Und falls der Flyer-Verleger eine Fortsetzung plant, hätten wir schon einen schönen Titel für den zweiten Teil: "Kraut und Rüben. Mit Möllemann."



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.