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Möllemann-Dokumentation: "Kämpfen, Jürgen, kämpfen!"

Von Henryk M. Broder

Vier Jahre nach seinem Freitod zeigt die ARD heute einen Film über den FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann, dessen Leben eine Achterbahn war. Zu Wort kommen ehemalige Freunde und Weggefährten, aus der FDP kommt nur beredtes Schweigen.

Es gibt Geschichten, die sind gerade vorgestern passiert, und doch kommen sie einem vor wie Relikte aus einer Zeit, als noch mit Pfeil und Bogen geschossen wurde und Eilbriefe von reitenden Boten befördert wurden. Der Fall von Jürgen W. Möllemann gehört dazu, den Franz-Josef Strauß wegen seiner Umtriebigkeit "Riesenstaatsmann Mümmelmann" genannt hat. Möllemann gehörte, wie Strauß, zum politischen Mobiliar der alten Bundesrepublik, doch würde man heute einen durchschnittlichen Zeitungsleser fragen, wer er wer und wofür er gestanden hat, käme die Antwort nur zögerlich: "Möllemann – ist er nicht abgestürzt? Und war da nicht was mit einem Flyer?"

Selbstmörder Möllemann: Rekonstruktion der letzten Stunden im Leben des FDP-Politikers
HR

Selbstmörder Möllemann: Rekonstruktion der letzten Stunden im Leben des FDP-Politikers

Am 5. Juni dieses Jahres jährt sich zum vierten Mal "der Tag als Jürgen Möllemann in den Tod sprang". Es war eine Nachricht, die alle anderen Ereignisse des Tages in den Hintergrund verdrängte. Der Bundestag unterbrach seine Sitzung, die Abgeordneten erhoben sich und gedachten ihres toten Kollegen – dessen Immunität sie soeben aufgehoben hatten, damit die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen wegen Betrug, Untreue, Steuerhinterziehung und Verstoß gegen das Parteiengesetz aufnehmen konnte. Doch kaum hatten die Beamten Möllemanns Haus in Münster und 25 weitere "Objekte" betreten, wurde die Aktion abgebrochen. Über Tote soll man nur gut reden und nicht in ihren Unterlagen wühlen.

Heute steht fest, dass Möllemanns Tod kein Unfall und keine Folge des Einwirkens Dritter, sondern Selbstmord war. Alles übrige an der Causa Möllemann bleibt ungeklärt: Mit wem der Abgeordnete Geschäfte machte, wie er an sein Millionenvermögen gekommen war und warum ihn seine Partei so lange gewähren ließ, bevor sie ihn wie einen unehelichen Sohn, der nach dem väterlichen Erbe greift, verstieß.

Georg M. Hafner und Kamil Taylan rekonstruieren in ihrer Dokumentation über den "Tag als Jürgen Möllemann in den Tod sprang", die heute Abend in der ARD gezeigt wird, nicht nur die letzten Stunden im Leben des Politikers, den sogar seine Parteifreunde "Quartalsirren" und "intrigantes Schwein" schimpften, sie zeigen auch das Vorspiel zum tödlichen Finale, das sich über drei Jahre hinzog. Es begann mit dem großen Erfolg der nordrheinwestfälischen FDP bei den Landtagswahlen im Mai 2000. Unter der Führung von Möllemann bekamen die Liberalen fast 10% der Stimmen. Die FDP zog wieder in den Landtag ein und ihr Alphatier hatte "nur noch Freunde". Die Partei war "im Rausch", peilte für die kommenden Bundestagswahlen 18% an und Möllemann sah sich schon auf dem Weg ins Kanzleramt. Er war schon mal Vizekanzler unter Kohl, Bildungs- und Wirtschaftsminister, und wenn er sich zwischendurch mal von der Macht und der Herrlichkeit eines öffentlichen Amtes verabschieden musste, tröstete er sich mit dem Satz: "Wo ich bin, ist oben. Und wenn ich unten bin, ist unten eben oben."

So antisemitisch wie der deutsche Durchschnitt

Hafner und Taylan erzählen die Geschichte von Möllemanns Auf und Ab mit ruhiger Hand und klarem Blick wie eine illustrierte Fassung des Sprichworts von Gottfried Benn: "Das Glück gleicht dem Balle, es steigt zum Falle." Ihr wichtigster Zeuge ist der Historiker Fritz Goergen, ein leicht unheimliche Gestalt aus den Kulissen des Polit-Theaters, den Möllemann als "Berater" angeheuert hatte. Goergen war ein tüchtiger und loyaler Strippenzieher im Hintergrund, es ist das erste Mal seit Möllemanns Tod, dass er sich über seinen ehemaligen Arbeitgeber äußert. Und dabei sagt er Sätze wie: "Möllemann repräsentierte perfekt den Politiker-Typ, bei dem der abgedroschene Satz 'Der Weg ist das Ziel' stimmt. Politik war sein Ziel, es war nicht so wichtig, wofür. Es gab kein einziges inhaltliches Ziel, wo er gesagt hätte: Da steckt mein Herzblut drin." Und: "Möllemann war nicht mehr und nicht weniger ein Antisemit als der deutsche Durchschnitt: latent antisemitisch."

Und so war es dieser mehr oder weniger latente Antisemitismus, der Möllemann zum Verhängnis wurde: Er protegierte eine Weile den ehemaligen grünen NRW-Abgeordneten Jamal Karsli, der sich mit offen antisemitischen Sprüchen ins Abseits geredet hatte, und er ließ im Bundestagswahlkampf 2002 einen Flyer an alle Haushalte in NRW verteilen, in dem er sich als Kritiker des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon und als Opfer der Machenschaften von Michel Friedman präsentierte. Dieser Flyer kostete Möllemann eine Million Euro und am Ende seine Karriere. Die FDP ließ ihn erstmal gewähren, um ihn genau drei Tage vor der Bundestagswahl fallen zu lassen.

Vier Tage vor seinem Freitod war Möllemann Gast bei "Christiansen" und trug sich mit den Worten "Wieder da!" ins Gästebuch ein. Dann hat er sich "vom Acker gemacht, ohne mit seiner Frau zu sprechen" oder irgendeine Nachricht zu hinterlassen, klagt Möllemanns Anwalt und Freund, der Kieler FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. Für ihn kam Möllemanns Entscheidung "aus heiterem Himmel".

Die Doku von Hafner und Taylan zeigt, dass es eben nicht so war.

Dass Möllemann, dessen Lebensmotto "Kämpfen, Jürgen, kämpfen" lautete, seinen dramatischen Abgang genau geplant hat. Und dass er sich an seiner Partei rächen wollte. Die hat den Fall Möllemann längst zu den Akten gelegt und möchte an dieses Kapitel ihrer Geschichte nicht erinnert werden. Man wolle sich, so wurde den Dokumentaristen des HR mitgeteilt, "mit diesem Scheißdreck nicht beschäftigen".


"Der Tag, als Jürgen W. Möllemann in den Tod sprang", ARD, 21.00 Uhr

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