Möpse Comeback der rennenden Knautschzone

Noch vor ein paar Jahren galten sie als der Inbegriff des Spießbürgertums: Möpse. Jetzt ist der flachnasige Schoßhund wieder da, ein echter Society-Profi mit vielen guten Eigenschaften. Die machen ihn zum idealen Accessoire des Bürgers von heute.

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Wer in diesen Tagen durch die Innenstädte von Hamburg, Berlin und München spaziert und seinen Blick dabei mal auf das Pflaster richtet, der wird dieser Knautschzone von einem Gesicht nicht entkommen können. Immer wieder begegnet einem diese Fresse, die mit Walter Matthau verwandt zu sein scheint und doch ein Hund ist. Ein possierliches Tierchen wird an seiner Leine gezogen. Manchmal eilt es seinen Inhabern auch voraus, schnüffelnd, hoppelnd, die Zunge heraushängend. Ein wenig gequält und mal gehetzt wirkt er, dieser drollige Vertreter aus dem Land des Hechelns.

Der Mops ist wieder da. Lange war er verschwunden, verschollen hinter Omas Sofakissen, allenfalls besungen im Evergreen vom Mops, der in die Küche kam und dem Koch ein Ei stahl, weswegen ihn dieser entzwei schlug. Der Mops ist eben kein Dobermann, was erfreulich ist, dann nach einer schier endlosen Welle von Pitbulls und Rottweilern bahnt sich ein höchst verträgliches Revival seinen Weg.

Denn der Mops hat viele Freunde. Doch nicht der nette Rentner von nebenan führt den verträglichen Vierbeiner allmorgendlich aus, nein, er, der Mops, sitzt gern neben dem Latte-trinkenden Herrchen im beigefarbenen Jackett, gern führt er auch ein Frauchen im Kleidchen mit sich. Und galt ehedem die Regel, dass Herr und Hund sich einander ähneln wie ein Ei dem anderen, so setzt der Mops diese Konvention lässig außer Kraft.

Konversation ist garantiert ("Ach wie süß und schön und sowieso"), Kinder lieben die einzigartige Visage über alles, was prompt erwidert wird, denn der Mops ist ein echter Society-Profi, der sich auf jedem Parkett mit der Nonchalance des wahren Souveräns bewegt. Vorbei die Zeiten, als Loriot noch beklagen durfte, dass das "gesellschaftliche Leben am Mops vorbeigeht"; nein, der Mops ist auch auf Vernissagen ein gerngesehener Gast. Die drolligen Kerlchen sind en vogue und werden bestens umsorgt.

"Der weckt Todkranke auf"

Erinnern wir uns: Jede Mode verlangt nach ihrem Hund. Ehedem war der Scotchterrier von der Whiskyflasche ein unverzichtbares Stilmittel der urbanen Auskenner. Aus dem Terrierstamm folgten noch Westhighland und Jack-Russell, temperamentvolle Wesen, die ihre Betriebstemperaturen auf den Bürgersteigen von Berlin-Mitte und dem Hamburger Schanzenviertel erst gar nicht erreichen konnten und so durch allerlei Hemmnisse tüchtig durchneurotisiert wurden. Und würden sie über ähnlich kraftvolles Kauwerkzeug verfügen wie Kampfhunde, wären sie nicht als nervige Tölen in Verruf geraten.

Der Mops hat es besser. Er steht erst gar nicht im Verdacht, ein ordentlicher Beißer zu sein. Und er hat prominente Fürsprecher. Wer Loriot auf seiner Seite weiß, hat schon halb gewonnen, die modische Absolution erteilen Valentino (fünf Möpse) und Jette Joop (zwei Möpse). Sein Wiederauftauchen nach Jahrzehnten in der Mottenkiste scheint auch dem Masterplan Hollywoods zu folgen. Vor ein paar Jahren kontrastierte das beigefarbene Fell eines Mopses den schwarzen Anzug von Will Smith in "Men in Black" - Agent Frank hieß der kleine Kerl, der Smith und Co. im Krieg gegen die Aliens erheiterte. Nichts anderes entspricht seinem Wesen, wie Liesa Wilms vom Züchterverband für Möpse und Pekinesen (MPRV) erklärt: "Der Mops füllt seine Welt mit Narretei, Fröhlichkeit und Freundlichkeit. Der kennt keinen Argwohn. Der weckt Todkranke auf."

Das hat sich herumgesprochen. So sagt Wilms, dass sich die Anzahl der abgegebenen Welpen innerhalb der letzten zwei Jahre verdoppelt habe. Rund die Hälfte der deutschen Mopszüchter ist im MPRV organisiert, 200 Welpen pro Jahr wurden zuletzt von den 50 Züchtern vergeben. Obschon die Nachfrage groß ist, setzt man nicht auf Massenzucht. Geht es nach Wilms und den Züchterkollegen, wird der Mops sukzessive etwas von seiner Nase zurückerhalten, die er noch in den dreißiger Jahren als "altdeutscher Mops" besaß. Denn die extrem flache Schnauze, sagt Wilms, "ist für viele gesundheitliche Probleme der Hunde" verantwortlich. Der Verband, der nur noch Langnasen-Möpse züchtet, spricht von Qualzucht, die gesetzeswidrig ist. Doch leider sagt Wilms, "findet sich kein Kläger." Und um den Gang durch alle Instanzen zu bestreiten, fehle es an Geld.

Er schnarcht

Jüngst erst sprach sich der Sänger, TV-Moderator und Mops-Besitzer Lukas Hilbert für das Ansinnen des MPRV aus. Sein Hund Rolex musste operiert werden, weil ihm wegen der Kurznasigkeit der Erstickungstod drohte. Solche Details sind vielen Mopsbesitzern unbekannt. Nur wenige kennen die Geschichte ihres Hundes, die in China vor mehr als 2000 Jahren ihren Anfang nahm.

Das Comeback ist allemal beachtlich für einen Hund, der früher einmal als Inbegriff des Spießigen galt. Hatten die notorischen Individualisten noch vor ein paar Jahren den Sklaven-Jagdhund Rhodesian Ridgeback als Ausdrucksmittel ihres Glaubens an die Freiheit entdeckt, verkörpert der Mops den Rückzug des Bürgers von Heute in die Heimeligkeit des Eigenheims. Er passt in jede Wohnung, frisst und kotet nicht viel. Und irgendwie scheinen sich Herrchen und Frauchen auch in ihm spiegeln zu können.

Da ist zum einen sein Gesicht. Es ähnelt dem einer Meerkatze. Manche Inhaber, wie der Berliner Modeschöpfer Kai Angladegies, behaupten sogar, der Vierbeiner erinnere sie "ein wenig an einen Schimpansen". Der Mops ist ein hervorragender Hausgenosse. Kreuzfidel und doch urgemütlich, nicht ausufernd in seinen Ansprüchen, solange er dabei sein darf und Zuwendung bekommt. Zudem verfügt er über eine ganz menschliche Eigenschaft: Er schnarcht, weswegen sich auch leidenschaftliche Singles nächtens nicht ganz allein fühlen.

Das alles ergibt ein ideales Accessoire für all jene, denen zur Behaglichkeit noch ein rennender Fußwärmer fehlt, der selbst im Überschwang den Schweinebraten nicht vom Teller zieht. Lediglich ein Problem schleppt der Mops mit sich herum - eigentlich nicht seines, sondern dass seiner Besitzer: Was geschieht, wenn sich die Mode ändert? Man wird ihn nicht eintauschen können gegen seinen Nachfolger an der Garderobe der Stilmittel. Und herrenlos will diese Kerlchen niemand sehen, wenn Zeitgeist und Saisongeschäft nach der Rückkehr des Bernhardiners verlangen.



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