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Moers-Parodie: Schrumpfkur für Hitler

Von Wiebke Brauer

Ob durch Dokumentation, Spielfilm oder als gezeichnete Witzfigur – der finstere Mythos Hitler wird medial entzaubert. In Walter Moers' drittem Adolf-Band "Der Bonker" mutiert der Führer endgültig zur Lachnummer.

Des Führers Handy klingelt, Hitler meldet sich, jemand will ihm eine Kriegsversicherung andrehen, auch bei Niederlage werden alle Unkosten getragen, die Gebühr für die Versicherung beträgt eine Reichsmark pro Jahr. Hitler: "Soper! In der Tat, das äst verlockend." Doch Ätsch, es war mal wieder Winston Churchill mit einem seiner üblichen Telefonstreiche.

Walter Moers ist wieder seinem Element – der Geschmacklosigkeit. Schon in seinen ersten beiden Adolf-Bänden wurde Hitler mal von Außerirdischen entführt, die mit dem Führer und Mutter Theresa eine neue Superrasse züchten wollten, dann heiratete er Hermann Göring, der sich zuvor zur Frau (Hermine) umoperieren ließ, oder Adolf inspirierte auf einer seiner Zeitreisen Gertrude Stein mit den Worten: "Ein Jode ist ein Jode und bleibt ein Jode!". Im Jahr 1998 war das neu, provokant, das durfte man nicht in Deutschland. Hitler durfte im öffentlichen Raum, von Schulen einmal ausgenommen, nicht thematisiert werden. Dann kam Guido Knopp.

Mit seinen Dokumentationen ("Hitlers Helfer", "Hitlers Krieger", "Hitlers Kinder", "Hitlers Frauen") feierte Knopp unerwartet Fernseherfolge, das Volk interessierte sich plötzlich zur besten Sendezeit für seine Geschichte. Mehr noch: Spätestens seit den Filmen "Speer und er" oder "Der Untergang" mit Bruno Ganz in der Rolle des Führers wurde deutlich, dass es in diesem Land ein Bedürfnis gibt, den Mythos auf einen normalen Menschen herunter zu brechen, der – wie in "Der Untergang" zu sehen - auch mal Nudeln isst. Das machte ihn alltäglicher, vielleicht begreifbarer, in jedem Fall kleiner.

Doch die ultimative Schrumpfkur für einen Mythos ist es, ihn ins Lächerliche zu ziehen. Moers hatte es bereits zweimal vorgemacht, dann folgte vor kurzem das Theaterstück "Mein Ball – ein Deutscher Traum" im Hamburger Schauspielhaus, in dem Hitler in den letzten Stunden darüber nachsinnt, wie Deutschland rasch noch Fußball-Weltmeister werden könne. Und zurzeit dreht Dani Levy die Komödie "Mein Führer – die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler". Es darf gelacht werden, der Führer ist als Witzfigur zum Abschuss per Pointe freigegeben.

Noch immer mit dabei: der Ruch des Verbotenen. In einer medial übersättigten Gesellschaft werden die letzten Tabus gebrochen, um noch Aufmerksamkeit zu erregen. Die da sind: Jesus und Hitler. Die Religion ist in diesen Breitengraden nicht mehr länger unantastbar, und Hitler, der größte Massenmörder mit dem längsten Schatten, wird als Wicht mit schmalem Bart verulkt.

Entsprechend verbrät auch Moers im "Bonker" wieder eine Riege von Unantastbaren. Im Führerbunker taucht Gandhi auf (verkleidet als sein Kumpan Michael Jackson), Hermann Göring (verkleidet als Eva Braun), der japanische Tenno (verkleidet als der Tod) und Mussolini (verkleidet als Gott). Damit ist übrigens auch schon die Handlung erzählt. Neu ist allerdings, dass Moers sich mit seinem dritten Band endgültig von der klassischen Comic-Form verabschiedet hat. Die Tragikomödie in drei Akten, wie es in der Unterzeile heißt, ist ein illustriertes Buch. Und: Diesmal gibt es auch etwas zum Basteln, den Bunker zum Nachspielen. Alle Figuren sind am Ende noch einmal einzeln zum Ausschneiden und mit Laschen versehen aufgeführt. Einfach zusammenkleben und über den Finger stülpen: "Mehr als ein bisschen Geschick, eine Schere und etwas Klebstoff benötigen Sie nicht, um der Gustaf Gründgens Ihrer Generation zu werden!"

Wem das als Amüsement nicht reicht, kann sich noch an der beigelegten DVD erfreuen. Auf ihr findet sich der 3D-animierte Videoclip zum Lied "Ich hock in meinem Bonker". Der Song, mit sanftem Reggae unterlegt, ist eingängig, wenn nicht gar hitverdächtig, das Unbehagen ist nicht weit: Wie wäre es, wenn der Chorus "Adolf, Du alte Nazisau" morgens plötzlich aus dem Radio schallt und der Führer blitzartig auf Platz eins der Charts schnellt? Ohne Frage, dann hätte der in Sachen Merchandising überaus gewandte Moers einen weiteren Coup gelandet.

Doch dürfte man wählen, wie Vergangenheit bewältigt wird: Dann lieber das unbedarft schwarzrotgoldne Fahnenschwenken ohne einen allgegenwärtigen Führer.

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"Der Bonker": Adolf in drei Akten


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