Mohammed vs. Mozart: Kusch, Kultur!

Von Henryk M. Broder

Die Absetzung der "Idomeneo"-Oper in Berlin ist das Symptom einer schockierenden Präventiv-Kapitulation: Inzwischen braucht es nicht einmal mehr die konkrete Androhung von islamistischer Gewalt, es reicht eine vage "Gefährdungsanalyse", um den Kulturbetrieb einzuschüchtern.

Nachdem die Katholische Kirche 359 Jahre gebraucht hat, um das Urteil gegen Galileo Galilei aufzuheben, brauchte der amtierende Papst nur zwei Tage, um sich von einem Zitat zu distanzieren, das 500 Jahre alt und dennoch aktuell ist. Der gerade zurückgetretene holländische Justizminister Piet Hein Donner hält die Einführung der Scharia in Holland für möglich, wenn sich eines Tages zwei Drittel der Holländer dafür aussprechen; die Londoner Polizei kündigt an, sie werde zunächst ein Gremium muslimischer Community Leader informieren und konsultieren, bevor sie zu Anti-Terror-Einsätzen ausrückt, von denen Muslime betroffen sind.

Und nun hat die Deutsche Oper in Berlin die Mozart-Oper "Idomeneo" vom Spielplan genommen, nachdem das Landeskriminalamt (LKA) in einer "Gefährdungsanalyse" befunden hat, dass "Störungen der Aufführungen nicht ausgeschlossen werden können". In der Inszenierung der über 200 Jahre alten Mozart-Oper von Hans Neuenfels tritt Idomeneo, der König von Kreta, mit einem blutigen Sack auf die Bühne, aus dem er die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed hervorzieht, um sie triumphierend in die Höhe zu halten.

Und schon bin ich als säkularer, ungläubiger Jude beleidigt. Ich fühle mich verletzt, diskriminiert und ausgegrenzt. Wieso ist der Kopf von Moses nicht dabei? Was soll diese Missachtung einer Weltreligion?

Soll ich jetzt Amok laufen, die Deutsche Oper anzünden oder reicht es, wenn ich ins Foyer kotze, um meinen Unmut zu bekunden? Womit wir mitten im Thema wären. Wir wissen nicht, wer diese "Gefährdungsanalyse" angeordnet, bestellt oder initiiert hat, ob das LKA von sich aus aktiv wurde oder nach einem diskreten Hinweis die Recherchen aufnahm. Als sicher kann man nur annehmen, dass es keine "Gefährdungsanalyse" des LKA geben würde, wenn Idomeneo nur Poseidon, Buddha und Jesus gemeuchelt und Mohammed verschont hätte.

Spätestens seit dem Streit um die Mohammed-Karikaturen wissen wir, dass Muslime besonders empfindlich sind, wenn es um ihren Propheten geht und eine extrem niedrige Reizschwelle haben, die zu überschreiten nicht ratsam ist. Hinzu kommt, dass sie die Unterstellung, einen Hang zur Gewalt zu haben, als Diffamierung empfinden, die sie mit dem Verbrennen von Fahnen, Puppen und "Kill-Those-Who-Insult-Islam"-Rufen beantworten.

Vertreter anderer Religion oder Gruppen reagieren gelassener, wenn sie Gegenstand von Spott und Häme werden. Kein katholischer Würdenträger regte sich auf, als der Kölner Kardinal Meisner im Karneval als Frauen verbrennender Inquisitor dargestellt wurde, und auch Angela Merkel schickte keine Killerkommandos, nachdem sie in Mainz sexistisch karikiert wurde.

Deutsche Oper in Berlin: Den Rest besorgt die Angst
AP

Deutsche Oper in Berlin: Den Rest besorgt die Angst

In diesem Jahr freilich haben die Karnevalsgesellschaften, die in ihrer grenzenlosen Witzischkeit keine Tabus kennen, beschlossen, kein Risiko einzugehen und auf Witze über den Islam und die Moslems zu verzichten. So blieb die Heiterkeit von Gewaltausbrüchen ungetrübt.

Für die Meinungsfreiheit war das kein großer Verlust, aber es war ein Schritt weiter in die präventive Kapitulation. Anders als gemeinhin in der Politik funktioniert das Prinzip "Drohkulisse" im Kulturbetrieb einwandfrei. Inzwischen bedarf es nicht einmal der Androhung von Gewalt, es reicht schon eine "Gefährdungsanalyse", die ohne faktische Anhaltspunkte auskommt. Den Rest besorgt die Angst.

Der Fall der Berliner Oper ist spektakulär. Kommt so etwas in der Provinz vor, regt sich niemand auf, weil es dort Alltag ist. Der Kabarettist Hans Scheibner schreibt regelmäßig Glossen für die "Schweriner Zeitung", die zur Flensburger sh:z-Gruppe gehört, die 14 Tageszeitungen in Schleswig-Holstein herausgibt. Zum Karikaturstreit schrieb er einen Text, der mit den Sätzen anfing: "Also nein, liebe Muslime, es tut mir nun wirklich leid, euch das sagen zu müssen, aber: Unser Gott, hier im christlichen Abendland, ist viel stärker als euer Gott..." Das war mehr als die "Schweriner Zeitung" ihren Lesern zumuten konnte, der Text wurde nicht gedruckt.

Zum Papst-Besuch in Bayern schrieb Scheibner eine Glosse, die genauso harmlos war. "In Bayern haben die Bayern mit glänzenden Augen ihrem ganz persönlichen Sektenoberhaupt gehuldigt, das immer in so komischer Verkleidung rumläuft und mit 'ner Räucherlaterne." Auch dieser Text kam nicht ans Tageslicht, die Redaktion wertete ihn als "Verletzung religiöser Gefühle", noch bevor sich ein Katholik beschweren konnte.

Was passiert als Nächstes? Nicht nur der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, ein liberaler Katholik, ist der Ansicht, dass religiöse Gefühle nicht verletzt werden dürfen. Wenn sich diese Haltung durchsetzt, werden es Theater, Kunst und Literatur schwer haben. Voltaire, Spinoza, Heine werden aus den Bibliotheken verbannt, sogar ein so harmloses Stück wie "Nathan, der Weise" könnte Anlass zur Empörung geben, weil der Christ, der Jud und der Muselmann keinen Dialog auf gleicher Augenhöhe führen.

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"Idomeneo"-Inszenierung: Gegen die Diktatur der Götter