Mohrs Deutschlandgefühl Die Rückkehr der Volksritter

Die Rezession ist da, und kaum einer merkt's: Während sich die Bosse in ihren Villen verschanzen, schlürft das Volk noch verblüffend gelassen seinen Milchkaffee. Nur die Politik kämpft tapfer für ein besseres Morgen. Reinhard Mohr über das erstaunlichste Comeback des Jahres.


Eine merkwürdige Krise ist das, die wir erleben. Auf der einen Seite laute Warnrufe, ständig neue Alarmmeldungen und Hiobsbotschaften aus der Welt der Wirtschaft, auf der anderen Seite erstaunlich viel Gelassenheit im ganz normalen Alltag.

Bundesfinanzminister Steinbrück: Die Krise hat einen Gewinner - die Politik
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Bundesfinanzminister Steinbrück: Die Krise hat einen Gewinner - die Politik

Wenn sich irgendwo Schlangen bilden, dann nicht vor Sparkassen und Banken, sondern vor der Szenekonditorei im Prenzlauer Berg, wo sonntagnachmittags immer noch Rushhour herrscht für die Tortenmanufaktur. Mitten im November drängen sich draußen unter den Heizpilzen von "Anna Blume", manche in kurzärmeligen T-Shirts, die schicken Thirtysomethings, und auch die schwäbischen Touristen am Kollwitzplatz brunchen rund um die Uhr, was das Zeug hält.

Offenbar lesen viele Leute weder Zeitung noch Online-Nachrichten. Sonst wüssten sie: Die Rezession ist da. "Endlich" schwang hier und da unterschwellig mit, so, als hätte man sehnlichst darauf gewartet. Gottlob, es geht wieder abwärts. Das ewige Gerede vom Aufschwung hat auf Dauer schwer genervt. Nun muss auch nicht mehr darüber diskutiert werden, wer von ihm profitiert hat.

Das Schiff hat den Eisberg gerammt

Anders beim Abschwung: Der trifft fast jeden. Selbst Pharma-Mogul Adolf Merckle, einer der reichsten Deutschen, hat eine Milliarde Euro verzockt und muss jetzt einen Notkredit beantragen.

Na bitte. Auch das ist soziale Gerechtigkeit.

Kurz: Das Schiff hat den Eisberg gerammt, und die Besatzung lässt schon mal die Rettungsboote runter. Nur die Passagiere wollen noch nicht glauben, dass sie jetzt in arktischer See rudern müssen.

Sie bleiben lieber erst einmal unterm Heizpilz sitzen. Gerade die Besserlebenden aus dem Latte-Macchiato-Universum bilden das Wohlstandsauge im eisigen Globalisierungssturm. In gewisser Weise verlassen sie sich offenbar darauf, dass es die Politik schon irgendwie richten wird. Die wohlbehütet aufgewachsene "Generation Golf" kann sich auch gar keine Katastrophe vorstellen, die nicht spätestens im Frühjahr 2009 bei "Wetten dass ...?" für beendet erklärt werden kann. Vielleicht aber sind sie auch unbewusst auf der richtigen Spur und ahnen etwas vom Wandel, der sich gerade vollzieht.

Denn tatsächlich, inmitten von Börsenhektik, Schuldenchaos und dem Willen, ein wenig Ordnung zu schaffen in den Strudeln der globalisierten Finanzströme, bahnt sich eine kleine Sensation an. Obwohl sie vor aller Augen geschieht, läuft sie fast heimlich, still und leise ab: die Rückkehr der Politik, eine Verschiebung der Gewichte zugunsten der Sphäre demokratisch legitimierter öffentlicher Verantwortung, weg vom arroganten, inzwischen arg gerupften Glamour privatwirtschaftlicher Macht und Bankenherrlichkeit.

Nichts schien uncooler als Politik

Ist es schon unglaublich genug, dass nun überall der Staat in die private Wirtschaft eingreift und ein als "Hardcore-Neoliberaler" gescholtener CDU-Ministerpräsident wie Hessens Roland Koch mal eben 500 Millionen Euro Steuergelder für Opel lockermachen will, so ist die Renaissance der demokratisch intervenierenden Politik eine noch größere Überraschung.

Eben noch galt sie als ebenso zahnlose wie graugesichtige Ausgeburt der Ohnmacht gegenüber einer Wirklichkeit, die angeblich von Weltkonzernen und anderen anonymen Mächten der Finsternis beherrscht wird. Nichts schien uncooler als Politik, und ihre Repräsentanten waren kaum mehr als zerfurchte Charaktermasken – "faul, korrupt und machtbesessen", so der Titel eines aktuellen Buches, der die stets mehrheitsfähigen Ressentiments zusammenfasst. Und bis heute lässt sich kaum ein prominenter Kabarettist die wohlfeile Schmährede auf Merkel, Münte, Schäuble und Co. nehmen.

Nun aber, mitten in der Krise, zeigt sich, was der Untertitel des Buches annonciert: "Warum Politiker besser sind als ihr Ruf".

Plötzlich wendet sich das Blatt. Finanzminister Peer Steinbrück entpuppt sich auch gegenüber einer größeren Öffentlichkeit als geistreicher, brillanter Redner, dem es gelingt, schonungslose Analyse, beißende Ironie und einen handlungsorientierten politischen Pragmatismus auf den Punkt zu bringen.

"Wir sind das Volk" weht durch das Land

Bundeskanzlerin Angela Merkel vertritt die Forderungen nach einer Neujustierung der internationalen Finanzmärkte ganz anders, aber ebenso unmissverständlich, während die leitenden Experten der Regierung im Hintergrund fieberhaft und im ständigen Austausch mit ihren europäischen Kollegen an kurzfristigen Hilfspaketen und langfristigen Lösungen arbeiten.

So hat die Krise schon jetzt einen Gewinner: die Politik. Man glaubt es kaum.

Während das Misstrauen gegenüber Bank- und Wirtschaftsmanagern Rekordwerte erreicht, steigt ganz unverhofft der Respekt für Minister und Abgeordnete, deren Wertschätzung bisher im Schnitt jener von Knöllchen verteilenden Politessen glich. Damit könnte eigentlich auch unter den Bürgerinnen und Bürgern ein neues Selbstbewusstsein wachsen, ein frisches Gefühl für den Primat der Politik, der letztlich nichts anderes ist als der alltägliche demokratische Ausdruck von Volkssouveränität. Ein Hauch von "Wir sind das Volk" weht durchs Land, die (ost-)deutsche Übersetzung von "Yes we can".

Zugleich wird deutlich, wie sehr die populistischen Tiraden, ob von rechts oder links, gegen die "Lügner und Betrüger" da oben im Berliner Reichstag das Volk selber treffen. Denn das Volk hat sie schließlich gewählt, um seine Interessen zu vertreten.

Kein Wunder, dass vor dem Hintergrund dieser gedankenlos gewohnheitsmäßigen moralischen Herabsetzung der Volksvertreter die "Masters of the Universe", die sagenhaften Erfolgsmenschen aus Big Business, Spitzensport und Showbiz, bislang umso heller strahlten.

Traumduo am Äbbelwoi-Äquator

Jetzt, in der Jahrhundertkrise, offenbart sich, wie bequem sich die gesellschaftlichen Spitzenkräfte des großen Geldes – anders als die Politiker, die ständig im Scheinwerferlicht der kritischen Öffentlichkeit stehen – in die Ecken drücken, Pardon: ihre schönen Villen und Lofts zurückziehen können, ohne ein einziges öffentliches Wort der Rechtfertigung sagen zu müssen.

Die Kluft zwischen den Folgen ihres Wirkens für die Allgemeinheit und den persönlichen Konsequenzen ist groß. Verantwortlich sind sie allenfalls ihren Aktionären, "Bunte" oder "Gala"; ihre Abwesenheit in den politischen Talkshows, den populären Arenen der Mediengesellschaft, ist umso dröhnender.

Noch hat sich der gegenwärtige Paradigmenwechsel, die Re-Politisierung der gesellschaftlichen Debatte, nicht wirklich herumgesprochen. Die Gesprächsshows laufen wie gewohnt weiter – Krisenpalaver unter häufig wechselndem Motto, und die hessischen SPD-Spitzenkräfte Ypsilanti/Schäfer-Gümbel lassen sich von niemandem übertreffen bei dem Versuch, handelsübliche Ressentiments gegen Politiker zu bestärken.

Mit somnambuler Sicherheit marschiert das Traumduo am Äbbelwoi-Äquator vom Abgrund des Tragischen ins Land des Lächerlichen.

Doch auch der absurd zähe und langwierige Kampf um die Regierungsbildung in Hessen, an dem die Bevölkerung regen Anteil nimmt, ist Teil des bemerkenswerten Veränderungsprozesses. Dass, wie im Falle der vier sozialdemokratischen "Abweichler", überhaupt über den Begriff der "Gewissensentscheidung" gestritten wird, veranschaulicht, dass es um etwas Wichtiges geht bei all dem Hin und Her. Dass Politik mehr ist als Talkshow und PR-Theater, Parteitagsinszenierung und eitle Selbstdarstellung.

Wie wollen wir eigentlich leben?

Eine neue Ernsthaftigkeit zeichnet sich ab, die nichts mit Bierernst zu tun hat. Siehe Peer Steinbrück.

Wie nebenbei wirkt sie auch als Medizin gegen Überheblichkeit, Rechthaberei und einen Populismus, dessen tiefste Botschaft lautet: Ich bin das Volk! Folgt meinen Parolen!

So könnte die Krise am Ende wirklich einen geradezu klassisch reinigenden Charakter entwickeln. Wenn es nicht zu sehr nach Bischof Huber klänge: die Besinnung auf die Grundlagen des Gemeinwesens, auf die Prinzipien der Demokratie und die Frage der Fragen: Wie wollen wir eigentlich leben?

Ironie der Geschichte: Neben den Bankern gibt es noch eine andere gesellschaftliche Gruppe, von der kaum etwas zu hören ist: die Intellektuellen.

40 Jahre nach der Revolte von 1968 fällt ihnen, die einst zu allem und jedem eine flammende Resolution verfassten, so gut wie nichts ein. Schon gar nichts Neues.

Man will es kaum aussprechen, aber vielleicht ist ihr Schweigen sogar ein gutes Zeichen: die Krise als Denkpause.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Thomas Weber 19.11.2008
1. Pause vom Schreiben!
Dieser zappelige Artikel ist reichlich orientierungslos und ziemlich überflüssig. Statt anderen Denkpausen zu empfehlen, sollte Mohr selbst eine Pause vom Schreiben einlegen.
fgh234 19.11.2008
2. Mohr
Das Geschreibsel von Mohr erinnert an diesen Gagaschreiber bei der Bild, wie heisst der doch gleich?
mbberlin, 19.11.2008
3. Selbstreflektionen?
---Zitat von Reinhard Mohr--- Wie nebenbei wirkt sie auch als Medizin gegen Überheblichkeit, Rechthaberei und einen Populismus, dessen tiefste Botschaft lautet: Ich bin das Volk! Folgt meinen Parolen! ---Zitatende--- Autor Mohr kommt sich selbst immer näher. Bravo, weiter so!
Polymorph, 19.11.2008
4. ...
Sie schreiben: "Die wohl behütet aufgewachsene "Generation Golf" kann sich auch gar keine Katastrophe vorstellen, die nicht spätestens im Frühjahr 2009 bei "Wetten dass...?" für beendet erklärt werden kann." Möglich, dass diese Gelassenheit auch daher rührt, dass der gemeine Medienkonsument das mediale Sperrfeuer in Sachen Katastrophengebrüll schlicht und einfach satt hat. Wenn Krisen zum nervlichen Stimulans verkommen, sich allein im Raum des Virtuellen abzuspielen scheinen und in der Regel keine Berührungspunkte mit der Lebenswirklichkeit der Menschen haben, dann sind wir wieder einmal bei Äsops Fabel vom Hirtenjungen und dem Wolf angelangt... im Übrigen fällt auch SPON durch konsequent sensationsheischende Nachrichtenerstattung und Verschlagzeilung negativ auf. Krisen, Skandale, Eklats und vermeintliche "Bizarritäten" wohin man nur schaut.
maan, 19.11.2008
5. Die Rezession frisst erst im nächsten Jahr ihre Kinder ...
Momentan trifft die Rezession wichtige Teile unserer Volkswirtschaft, aber nicht das Volk. Zu Banken und Großunternehmen haben wir eine so große Distanz, dass wir nur schadenfroh auf die "Nieten in Nadelstreifen" blicken. Das ist nicht "unsere" Krise. Erst im nächsten Jahr, wenn unser Arbeitsplatz massiv bedroht wird, der Gesundheitsfond mit Beitragserhöhungen kommt und die Energiepreise ungebremst wieder steigen, nehmen wir die Rezession als "Leid" im Volk wahr. Und wenn es bereits wieder aufwärts geht, jammern wir noch. Zeitverschiebung: etwa 6 Monate. Allerdings ist überall zu beobachten, das es eine Spaltung im Volk gibt. Die einen leiden und schimpfen im worldwideweb, quasi lautlos. Die anderen, ihre Zahl wächst, zeigen zunehmend Bereitschaft, für ihre Forderungen auch lautstark auf die Straße zu gehen.
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