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Mohrs Deutschlandgefühl: Oh Schreck, die Deutschen sind sympathisch

Von Reinhard Mohr

Es war doch nur ein Spiel. Und doch so viel mehr: Die Weltmeisterschaft hat es uns gezeigt. Wie wir tatsächlich sind. Nicht teutonisch-miesepetrig. Sondern weltoffen, multikulturell, sympathisch.

Wenn alle fast alles schon gesagt haben, muss man nach treffenden Formulierungen suchen wie das Wildschwein die Trüffeln im Wald. André Heller, nicht gerade ein Fußballfan, hat wieder mal eine gefunden. Einen Satz, erzählte er der FAZ, habe er dieser Tage auf seinen Reisen im europäischen Ausland immer wieder gehört: "Wir stehen regelrecht unter Schock: Die Deutschen sind uns plötzlich sympathisch!" Und wir, die Deutschen, fragen ganz baff zurück: Wer sagt denn so was? Wie konnte das passieren? Wie kam es zu diesem neuen Deutschlandgefühl während der gut vierwöchigen Fußballweltmeisterschaft 2006? Wie konnte es geschehen, dass es eine perfekte Liaison gab zwischen effektiver Organisation und mediterraner Heiterkeit, zwischen alten und neuen deutschen Tugenden?

"Es hätte nicht besser laufen können", sagte gestern Abend Franz Beckenbauer. "Es hat alles gepasst." Selbst Uno-Generalsekretär Kofi Annan urteilt: "Das war die beste WM aller Zeiten." So was hätten wir natürlich nie behauptet. Gute Gastgeber freuen sich und schweigen.

Selbst die Polizei war präsent und unsichtbar zugleich, auf alles vorbereitet und doch sehr freundlich und zurückhaltend. Und zum Glück kein Terroranschlag nirgends, keine tödliche Massenpanik und fast keine Schlägereien mit Hooligans. Da ist an manchem Bundesliga-Samstag mehr Krawall. Erinnern Sie sich noch daran, wie viele apokalyptische Befürchtungen es vor der WM gab, Stichwort: Panzer vors Stadion...?

Nein, wer gestern vor dem großen Finale Italien-Frankreich noch einmal durchs Berliner Regierungsviertel zwischen "Fanmeile" und Spreebogen radelte, der sah Szenen wie aus einem Fellini-Film: Auf Schiffen und am Ufer, unter Brücken, auf Terrassen und Balkonen Menschen, Menschen, Menschen, die den Augenblick genossen, jeder auf seine Weise.

Sonne, Luft und Wasser schienen sich zu einem ganz neuen, eigenartigen Fluidum zu verbinden, etwas, das Deutsche traditionell auf einer italienischen Piazza oder an der Steilküste von Amalfi und Positano zu finden glauben. Nun merken sie: Zu Hause gibt’s das auch. Natürlich kein Grund, nicht weiter die Toskana zu lieben. Trotz Grosso, Totti & Mamma mia...

War das nun alles nur der exilkalifornische "Klinsi-Effekt" samt WM-typischer Fußballmanie oder doch ein "neuer Patriotismus", freilich in Gestalt einer sonnendurchfluteten Dauerparty, Kater inklusive? Haben wir die "Selbstfindung eines Landes" erlebt, wie Jack Leslie, Chef einer der größten PR-Agenturen weltweit, mutmaßt, oder fällt dieses neue Lebensgefühl schnell wieder in sich zusammen. Geht es also spätestens im Herbst wieder los mit der deutschen Miesepetrigkeit? Wir wagen zu sagen: Nein, da bleibt was.

Sicher, der Problembär Deutschland ist, anders als Bruno, keineswegs tot, und er wird immer wieder sein mächtiges Haupt erheben und durchs Dickicht der siebten Reformfolgenbeseitigungsnovelle stapfen. Er wird es sich immer wieder selbst schwer machen und Humorlosigkeit mit Ernsthaftigkeit verwechseln. Er wird immer wieder stur auf sein hausgemachtes Problem starren und den Rest der Welt vergessen, der dieses Problem nur zu gern eintauschen würde – gegen seine schier unübersehbaren Notstands- und Katastrophengebirge. Und seien wir ehrlich: Die Zuversicht, dass es einen "Klinsi-Effekt" in der Politik geben könnte, ist ziemlich schwach ausgeprägt. Dennoch: Die Hoffnung stirbt zuletzt - die Erinnerung währt am längsten.

Was in den vergangenen dreißig Tagen passiert ist, war vielleicht nicht einmal die "Selbstfindung" eines Landes, es war der empirische Beleg für einen gesellschaftlichen Zustand, der sich schon über viele Jahre entwickelt und abgezeichnet hat: "So sind wir!" Der Mann hat recht, auch wenn der eine oder andere dabei ins Staunen kommt. Dass die Formulierung von Beckenbauer stammt, verdeutlicht die Sache noch einmal: Der Mann ist schließlich auch nicht erst gestern auf die Bühne getreten.

Seit Jahrzehnten schon "ist" er Deutschland – genauso wie Jürgen Klinsmann, Harald Schmidt und Jürgen Klopp, genauso wie die vielen Unbekannten auf den Straßen und Plätzen, deren Begeisterung die Phantasie beflügelte, genauso wie die Tausenden von Deutschtürken in Neukölln, Kreuzberg und Wedding, die schwarz-rot-goldene Fahnen an die Döner-Bude hängten und "Deutschland, Deutschland!" riefen.

Die unzähligen Fahnen, Flaggen, Fähnchen, Wimpel, Schals und Hüte, die vielen schrillen Kreationen des "Partyotismus" haben vor allem etwas zum Ausdruck gebracht, was gerade bei den Jüngeren, vor allem bei den Frauen zu beobachten ist: eine Befreiung von dem ewigen deutschen Selbstmisstrauen, vom notorischen Verdacht gegen sich selbst, dem a priori des "Ja, aber – dürfen wir denn das ...?"

So ist der "neue deutsche Patriotismus" eben keine Rückkehr zu einem alten, überkommenen Nationalbewusstsein, sondern, ganz im Gegenteil, eine Loslösung von den anachronistischen Stereotypen der Vergangenheit: hier der dumpfdeutsche Patriot mit Gartenzwerg und Schäferhund, dort der antinationale Kämpfer für den Fortschritt in der Welt.

Die letzten Wochen haben es ganz praktisch beglaubigt: Die deutsche Nation ist weder geschichtsvergessen noch geschichtsversessen – sie ist eine weltoffene, demokratische und, ja, multikulturelle Republik. Und darauf kann man ja wohl ein bisschen stolz sein. Punkt. Aus. Ende der Durchsage.

Das hätte man zwar schon ein bisschen früher wissen können, aber manchmal braucht es ein bestimmtes Ereignis, um zur allgemeinen Erkenntnis zu kommen, die im Bewusstsein haften bleibt. Dieses wunderbare Ereignis war die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

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Forum - Patriotismus - ist eine neue Debatte notwendig?
insgesamt 1651 Beiträge
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1.
Koepe, 01.06.2006
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
2.
Bloomberg76, 01.06.2006
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
3.
Ulrich Ochmann 01.06.2006
Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen.
4.
dericon, 01.06.2006
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
5.
Koepe, 01.06.2006
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
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