Mohrs Deutschlandgefühl: Patrioten am Arbeitsplatz

Von Reinhard Mohr

Heute wird Patriotismus zur Gretchenfrage: Während sich angestellte Fußballfans bis 16 Uhr zwischen WM-Sucht und Pflichtgefühl entscheiden müssen, grübeln Politiker und Staatsdiener über das inflationäre Schmettern der Nationalhymne.

Heute haben es die Lehrer wieder mal am leichtesten. Die GEW-Funktionäre sowieso, die ihre aufklärerischen Broschüren gegen das anstößige Deutschlandlied ("Einigkeit und Recht und Freiheit...") am Vormittag auf den Schulhöfen verteilen können. Wenn Punkt 16 Uhr das Spiel Ecuador-Deutschland angepfiffen wird, sitzen sie längst in gemütlich-kritischer Runde vor dem Fernseher und überlegen vielleicht noch, ob sie nicht den Ecuadorianern die Daumen drücken sollen. Die wieselflinken Männer aus dem Chota-Hochtal in den Anden nördlich von Quito haben sicher die sympathischere Nationalhymne, auch wenn man den Text nicht versteht. Jedenfalls erinnert die niemanden an die Nazizeit.

Andere Berufsgruppen haben es da schon schwerer. Sie müssen arbeiten. Auch nachmittags. Da wird der Patriotismus zur Gretchenfrage. Wem bist Du treu: Deinem tollen Arbeitgeber, der Dich ernährt – oder doch Ballack & Co., die Dich manchmal ziemlich quälen?

Feuilletonisten, Fernsehmenschen und festangestellte Zeitungsredakteure mit Gewinnbeteiligung können immerhin darauf verweisen, dass zu ihrem Arbeitsgebiet – Beobachtung der Weltläufte, Kultur, Zeitgeist, Politik & Sport – selbst die ausführlichen Vor, Zwischen- und Nachbetrachtungen von Gerhard Delling und Günter Netzer in der ARD zählen. Klare Sache: Bildschirme jeglicher Art gehören zum journalistischen Arbeitsplatz wie das Olivenöl zur Büchsensardine.

Alle anderen können nur auf den Patriotismus ihrer Chefs vertrauen. Gegebenenfalls müssen sie eine Abmahnung riskieren. Aber was tut man in diesen Tagen nicht alles für Deutschland...

Das hat sich auch Roland Koch (CDU), der hessische Ministerpräsident mit der finsteren Ausstrahlung eines Vorstoppers altdeutscher Prägung gedacht. Die vermeintlich günstige Stimmung im Lande ausnutzend, schlägt er vor, bei Abiturfeiern künftig die deutsche Nationalhymne (dritte Strophe, versteht sich!) zum Vortrage kommen zu lassen.

Fußball-Fans in Stuttgart: Beten oder Singen - oder beides?
DDP

Fußball-Fans in Stuttgart: Beten oder Singen - oder beides?

Vielleicht sollte sich Koch, demnächst Stellvertreter von Angela Merkel im CDU-Vorsitz, vorher noch mal mit der GEW kurzschließen. Die Kollegen hätten bestimmt musikalische wie textliche Verbesserungsvorschläge zur Hand.

Andererseits könnte man fragen: Wo bleibt das tägliche Aufziehen der Flagge auf dem Schulhof? Warum singt man nicht jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn das Deutschlandlied? So würde auch die letzte Schlafmütze wach. Und was ist mit Kindergärten und Universitäten? Sind das etwa hymnenfreie Zonen? Warum sollte etwa nicht vor dem Hauptseminar "Zur Gnostik des Gottesverständnisses im Weltbild des Mittelalters" aus voller Kehle "...blüh' im Glanze dieses Glückes" geschmettert werden?

Das stimmt einen doch ganz anders aufs Thema ein.

Aber immer noch wollen nicht alle mitmachen. Als das Deutschlandgefühl gestern bei einer Talkshow zum Thema auf die Fußballfans Otto Schily, Hellmuth Karasek und Werner Hansch traf, gab es zwar keinerlei prinzipiellen Dissens über die derzeit so fröhliche und ausgelassene Atmosphäre, und alle hofften das Beste für die deutsche Mannschaft.

Doch Hansch, lebende Reporterlegende aus dem Ruhrpott, beharrte auf seinem individuellen Recht, nicht mitsingen zu müssen. Das gelte auch für Fahnenschwingen und ähnliche Aktivitäten, die gerade en vogue sind.

Da haben wir’s wieder: Einigkeit und Recht und F r e i h e i t...

Wenn wir all dies wägen und gewichten, kommen wir auch heute wieder auf exakt 8 Punkte.

Aber Achtung! Der Spielausgang heute Nachmittag hat sicher Einfluss auf den Pegelstand.

Bis morgen also und Glück auf, Deutschland!

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Forum - Patriotismus - ist eine neue Debatte notwendig?
insgesamt 1651 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Koepe 01.06.2006
Zitat von sysopDas Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig?
Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
2.
Bloomberg76 01.06.2006
Zitat von sysopDas Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig?
Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
3.
Ulrich Ochmann 01.06.2006
Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen.
4.
dericon 01.06.2006
Zitat von Ulrich OchmannHier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen.
Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
5.
Koepe 01.06.2006
Zitat von dericonWir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
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