Mohrs Deutschlandgefühl Tränen sind zum Trocknen da

Können Verlierer auch Gewinner sein? Und ob. Auch wenn gestern unser WM-Traum zu Ende ging: Klinsmanns Truppe war der Kick. Sie hat das Land spielend verändert. Das kann uns niemand nehmen.

Von Reinhard Mohr


Unverschämt, wie die Sonne einfach so weiter scheint, als wäre nichts gewesen! Heute soll es sogar noch heißer werden, bis 35 Grad Celsius, und der Himmel steht geradezu provozierend azurblau über uns, fast so, als wären wir im Urlaub auf Sardinien. Von wegen.

Wir bleiben hier und gehen erst einmal zum Zahnarzt. Denn gestern Nacht, nach dem Ende des Dramas, ist uns beim Zähneputzen eine Krone rausgefallen. Kein Zacken, gleich die ganze Krone. Wenn das kein Zeichen ist. Doch was sagt es uns? Es sagt uns: Jetzt müssen wir wieder Praxisgebühr zahlen und schön weit den Mund aufmachen. Nicht zum "Finaaaale ohohoho!" schreien, sondern für die Füllung. Und dann schön spülen.

C’est la vie: Die ganz große Party ist vorbei, der Alltag hat uns wieder. Und lassen Sie es mich so sagen: Es hat auch was Gutes. Man muss irgendwann auch wieder runterkommen von der Dauerbegeisterung. Zuletzt war es ja schon unheimlich, wie freundlich die Menschen zueinander waren, wie sich Wildfremde auf der Straße anlächelten, gegenseitig die Tür aufhielten und nach einem zufälligen Rempler auf dem engen Bürgersteig tatsächlich "Entschuldigung!" sagten.

Das hatte ziemlich wenig mit Patriotismus und schwarz-rot-gold zu tun, dafür umso mehr mit einer fröhlich gestimmten Entspanntheit, die hierzulande nicht gerade die Regel ist. Wir wollen unserer Abschlussbilanz keineswegs vorgreifen, aber so viel ist schon klar: Das bleibt. Wenigstens in der Erinnerung. Und die Erinnerung ist jenes Reich, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Sie ist aber auch ein Teil des Bewusstseins, unseres Selbstbewusstseins. Der "Partyotismus" der vergangenen Wochen hat das Land verändert, auch wenn jetzt die eine oder andere Flagge eingeholt wird – bis zum nächsten Mal.

Trauernder Ballack, tröstender Klinsmann: Die Erinnerung bleibt
DPA

Trauernder Ballack, tröstender Klinsmann: Die Erinnerung bleibt

Das Schönste wäre: Wir blieben, auch nach der großen Enttäuschung von gestern Abend, entspannt und gelassen. So gut es eben geht. Tränen, auch die von Michael Ballack, sind dazu da, getrocknet zu werden, und die Sonne hilft dabei. Vielleicht auch ein paar schlichte Tatsachen. Die WM 2006 in Deutschland ist, von kleinen Ausnahmen abgesehen, eine grandiose Party gewesen, über die die ganze Welt gestaunt hat. Darauf können wir stolz sein.

Und, mit Verlaub, vor Klinsis tapferer Truppe, die gegen Italien an ihre derzeitigen spielerischen Grenzen stieß, sind die mehrfachen Weltmeister Brasilien und Argentinien ausgeschieden, davor schon Holland und England, Spanien, Tschechien und Schweden. Jede Menge (Geheim-)Favoriten.

Wer hätte denn noch vor vier Wochen daran geglaubt, dass Deutschland unter den besten vier Mannschaften dieser Fußballweltmeisterschaft landet? Auch gestern Abend, ohne den kaum ersetzbaren Torsten Frings, hat sich das Team mit Bravour geschlagen. Kein Vergleich mit dem schmachvollen 1:4 in Genua vor gerade mal drei Monaten. Das ist der Maßstab, das ist die Leistung.

"Ein unglaublich schönes und spannendes Spiel. Chapeau für die Deutschen und Italiener!" schrieb mir gleich danach ein Freund aus der Schweiz per SMS. Als Redaktor der "Neuen Zürcher Zeitung" ist er schon von Haus aus zu striktester Objektivität verpflichtet. Und das Beste an all dem: So schön das Siegen ist, glücklich sein kann man auch ohne. Das haben wir in diesen Tagen wie nebenbei gelernt, denn "in Arkadien geboren sind wir alle". Sagt Schopenhauer. Und der weiß es genau.

Den siegreichen Italienern aber geben wir ein Wort ihres römischen Landsmanns Horaz mit auf den Weg nach Berlin: "Aequam memento rebus in arduis servare mentem, non secus in bonis ab insolenti temperatam laetitia.” Zu deutsch: "Denk stets in schweren Zeiten den Gleichmut dir zu wahren, wie in guten ein Herz, das klug die übermütige Freude meistert."

Uns alten Lateinern sagt er da natürlich nichts Neues, und so kühlen wir unseren Klinsimeter ganz sanft herunter, auf neun Punkte. Mehr als wir zu hoffen wagten. Legen Sie sich heute irgendwo mal unter einen großen Baum und schauen Sie in den Himmel! Sie werden sehen. Bis morgen.

Reinhard Mohr
Reinhard Mohr, Jahrgang 1955, studierte in Frankfurt am Main Soziologie und arbeitete als Autor für "Pflasterstrand", "taz" und "FAZ". Bevor er von 1996 bis 2005 als Kulturredakteur zum SPIEGEL ging, schrieb er unter anderem auch Kabaretttexte für Michael Quast und Matthias Beltz. Reinhard Mohr lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin-Mitte. Letzte Veröffentlichungen : "Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden" (Argon Verlag, 2004), "Das Deutschlandgefühl" (Rowohlt, 2005) und "Der diskrete Charme der Rebellion" (Wjs, 2007).



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.