Mohrs Deutschlandgefühl Verdampfte Traurigkeit

Kein Freier und kein Führer weit und breit: Die Welt ist zu Gast bei netten Menschen, deren Traurigkeit längst in der Sommerhitze verdampft ist. Frust über den sympathischen deutschen Fußball-Patriotismus schieben nur die Damen vom horizontalen Gewerbe - und ausgerechnet Neonazis.

Von Reinhard Mohr


Wir sind Weltmeister der Herzen. Wenn man mal konsequent durchzählen würde, gäbe es keine Zweifel mehr. Am Sonntag um 12 Uhr auf der Berliner Fanmeile wird man es noch einmal sehen, wenn sich die Mannschaft von ihren Anhängern verabschiedet. Allein dort werden es eine Million Menschen sein.

Auch der aktuelle ARD-"Deutschlandtrend" bestätigt: Die Welt war "zu Gast bei echt netten Deutschen" (Anne Will). Vom Wahnsinnswetter reden wir nicht. Wir schwitzen nur still vor uns hin. So ist übrigens auch die Traurigkeit ziemlich schnell verdampft. Leser in Sri Lanka, die wir hiermit herzlich grüßen, kennen das.

85 Prozent der Befragten freuen sich über diese WM und das Abschneiden der Klinsmänner, und ebenso viele glauben, dass sich das Bild der Deutschen in der Welt dauerhaft verbessert habe. Ironisch-realistische Selbsteinschätzung: Nur 52 – oder soll man sagen: immerhin 52 – Prozent erwarten, dass sich nun auch das Zusammenleben der Deutschen freundlicher und lockerer gestaltet. Da sind wir aber gespannt.

Nur zwei Teilpopulationen sind total unzufrieden mit dem Verlauf der WM: Bordellbetreiber und Neonazis. Kein Umsatz, keine Beachtung, kein Freier und kein Führer weit und breit.

Wieder einmal bestätigt sich die alte Wahrheit, dass Männer, die vom Fußball in Bann geschlagen werden, an nichts anderes mehr denken können. Gewiss, die vielen hübschen Frauen im phantasievollen schwarzrotgoldenen Outfit werden mit Freude registriert, und bewundernde Blicke sind ja erlaubt. Aber zwei Grundtatsachen des irdischen Daseins – Frauen und Fußball – zur gleichen Zeit gerecht zu werden, das können Männer nicht. Das wäre Multitasking. Das wäre zu viel verlangt.

Das kostbare Testosteron wird für Klinsi, Poldi & Schweini gebraucht, und auch die Trauer danach lockte kaum jemanden an die Pforten der käuflichen Liebe. Mit dem Schmerz muss ein Mann erst einmal ganz allein fertig werden.

Doch auch die Neonazis leiden ganz doll - unter dem neuen deutschen Patriotismus. Wir hatten es geahnt. Diese Party gefällt ihnen so wenig wie Vampiren in der Gruft das Sonnenlicht des Tages.

"Den verarmten Massen werden ein paar süße Aufputschbonbons in schwarzrotgoldenem Wickelpapier hingeworfen und ihnen die Zugehörigkeit zum großen Ganzen vorgegaukelt, wo sie als Globalisierungsverlierer in Wirklichkeit doch längst abgeschrieben und ausgegrenzt sind."

Das ist nicht von Jutta Ditfurth, von der "Attac"-Gruppe Eimsbüttel oder einer Kreuzberger Autonomen-Zelle, sondern von Jürgen Gansel, 32, Chefideologe der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag.

"Überall keimt die schwarzrotgoldene Sumpfblüte des Patriotismus auf, gedeiht im Morast der bundesrepublikanischen Gesellschaft und durchseucht langsam sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens" – fabuliert ein "bekennender Nationalsozialist".

Weibliche Fußball-Fans: Mit Freude registriert
DPA

Weibliche Fußball-Fans: Mit Freude registriert

Der von seinem Volk zutiefst enttäuschte NPD-Ideologe Gansel schlussfolgert ekelhaft rassistisch, aber sonst ganz richtig:

"Der Fußball-Patriotismus integriert in der Tat jeden, dessen Deutschkenntnisse ihn dazu befähigen, bei irgendeinem Migranten ein schwarzrotgoldenes Tuch zu erwerben. Was mit der Schwarzenparade im Weiß der Nationalelf vorexerziert wird, klappt auf der tanzenden Straße sowieso. Hier werden selbst Neger zu deutschen Patrioten."

So weit also haben wir es gebracht. Nazis hassen einen fröhlichen weltoffenen Patriotismus wie der Teufel das Weihwasser.

Wunderbar.

Aber haben Sie eigentlich schon mal darüber nachgedacht, was Sie am Sonntagabend zum WM-Finale trinken? Gewiss, wir greifen ein wenig vor, aber auch unser Klinsimeter, der bei stolzen 9 Punkten verharrt, wird leider schon übermorgen eingestellt.

Bis zum nächsten Mal.

Klar, Bier ist nie falsch. Aber wie wäre es denn mit einem schönen frischen Sancerre von der Loire? Oder einem Chablis? Ein fruchtiger "Entre-deux-Mers" ist auch nicht schlecht. Frauen trinken gerne einen Crémant d’Alsace oder gleich ein Glas Champagner. Wunderbar auch ein Rosé von den provençalischen Hängen des Mont Ventoux oder ein knackiger Muscadet. Wer sich etwas ganz Besonderes gönnen möchte, sollte sich einen ebenso kräftigen wie vielschichtigen Burgunder besorgen, vielleicht einen Meursault oder Chevalier-Montrachet, einen Clos de la Maréchale, einen Estournelles oder Latricières-Chambertin.

Ganz wie Sie wollen.

Nur ein italienischer Tropfen will uns partout nicht einfallen.

Une bonne journée à tous et à demain!

Reinhard Mohr
Reinhard Mohr, Jahrgang 1955, studierte in Frankfurt am Main Soziologie und arbeitete als Autor für "Pflasterstrand", "taz" und "FAZ". Bevor er von 1996 bis 2005 als Kulturredakteur zum SPIEGEL ging, schrieb er unter anderem auch Kabaretttexte für Michael Quast und Matthias Beltz. Reinhard Mohr lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin-Mitte. Letzte Veröffentlichungen : "Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden" (Argon Verlag, 2004), "Das Deutschlandgefühl" (Rowohlt, 2005) und "Der diskrete Charme der Rebellion" (Wjs, 2007).

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Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
Ulrich Ochmann 01.06.2006
3.
Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen.
dericon, 01.06.2006
4.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
5.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
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