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Mohrs Deutschlandgefühl: Wir können auch anders

Von Reinhard Mohr

Jetzt können wir's uns ganz entspannt vor dem Fernseher gemütlich machen und das Finale gucken - gefühlter Weltmeister sind wir sowieso. Zum Abschluss unserer vierwöchigen Betrachtung gibt es ein ganz neues, wohliges Deutschlandgefühl: Wir müssen nicht immer Erster sein.

Sollen doch Frankreich und Italien, Baguette gegen Pizza, Zidane gegen Totti, heute Abend um den Pokal spielen. Deutschland ist schon Weltmeister. Gefühlter Weltmeister. Weltmeister der Gefühle. Deshalb können wir es zum Abschluss unserer gut vierwöchigen klinsimetrischen WM-Begleitung ziemlich kurz machen.

Wahnsinn. Am Ende ist es doch noch ein Märchen geworden. Der dritte Platz wird wie der Titel gefeiert. Ein Sieg ohne den absoluten Triumph, der alle Trauer weggespült hat. Auch etwas Neues in Deutschland: Man muss nicht immer Allererster sein, um sich glücklich zu fühlen. Auch der Weg ist das Ziel. Wie oft war Deutschland "Exportweltmeister" und doch so schlecht drauf? Wie oft waren wir mit allem Möglichen ganz vorne dran, "Weltspitze", und konnten es doch nicht genießen, weil es abstrakt blieb, eine selbst auferlegte Pflicht, die "ohne Murren" zu erfüllen war? Wie oft haben wir brav unsere "Hausaufgaben" gemacht und zogen doch kein Gefühl der Befriedigung, gar Befreiung daraus?

Jetzt merken wir: Es geht auch anders. Es gibt sie eben doch, die gefühlten Siege, die weder Einbildung noch Anmaßung sind, sondern unvergessliche Augenblicke des Lebens.

Gestern Abend zum Beispiel, als jeder jeden umarmte und Oliver Kahn Bundeskanzlerin Merkel fast schon kumpelhaft auf die Schulter klopfte. Sollte das vielleicht heißen: "Jetzt klappt's auch mit der Gesundheitsreform!" Oder: "Passt scho. Elf Freunde müsst's halt sein!"

Lange nicht hat man Franz Beckenbauer, eh schon ein Sonnenkind des Erdenlaufs, derart gelöst gesehen, und die berüchtigten Klinsi-Sprünge fielen noch höher aus als sonst.

Fan-Begeisterung in Berlin: Metaphysik der Motivation
DPA

Fan-Begeisterung in Berlin: Metaphysik der Motivation

Gerade im Fall Kahn spürte man: Das war kein Trostpreis. Das war ein echter Triumph auch für ihn, der verständlicherweise tief enttäuscht war, dass Lehmann ihm vorgezogen wurde.

Vielleicht ist das ja auch die prägendste Erfahrung der vergangenen vier Wochen gewesen: dass es trotz Individualisierung der Gesellschaft, trotz Konsum, Karriere und Globalisierungsdruck, trotz der Ökonomisierung beinahe aller Lebensverhältnisse noch etwas anderes gibt.

Ein Bedürfnis nach Gesellschaft im ursprünglichen Wortsinn von Beieinandersein und Miteinandersein, die Suche nach gemeinschaftlichen Erlebnissen, die sich weder im ideologischen "Kollektiv" noch in irgendeiner fanatisierten "Volksgemeinschaft" erfüllen, sondern im fröhlichen und freiwilligen Zusammensein unterschiedlichster Menschen.

Auch wenn es ab Montag endgültig zurück geht in den Arbeits- oder Urlaubsalltag – diese millionenfache Erfahrung wird bleiben. Die Metaphysik der Motivation. Die Intimität einer neuen Öffentlichkeit, die sich nicht nur am schwarzrotgoldenen Armbändchen erkennt. Bürger, Patrioten, Citoyens.

Ein übergreifendes, gar nationales "Wir"-Gefühl ist in Deutschland lange Zeit suspekt gewesen. Dafür gab es gute Gründe. Stattdessen pflegten wir die Ich-o-Manie. Wer cool sein wollte, sagte Ich. Lieber die Tristesse Royale pflegen als sich gemein machen. Bloß immer schön auf die Differenz achten. Der Depp ist immer der andere.

Da scheint sich etwas verändert zu haben. Jetzt können wir auch mal "Wir" sagen, ohne uns für irgendetwas zu schämen. Die tausend Unterschiede bleiben sowieso erhalten.

Heute Abend zum Beispiel. Da trinkt der eine Bier, der andere Bordeaux zum Finale. Chacun à son gout.

Für uns alle aber wird es ein wunderbar entspannter, gelöster, ja glücklicher Abend werden. Ganz egal, wie er ausgeht. Denn wir sind ja schon Weltmeister.

In diesem Sinne – danke für Geduld, Zuspruch, Kritik und Interesse.

A la prochaine!

Reinhard Mohr
Reinhard Mohr, Jahrgang 1955, studierte in Frankfurt am Main Soziologie und arbeitete als Autor für "Pflasterstrand", "taz" und "FAZ". Bevor er von 1996 bis 2005 als Kulturredakteur zum SPIEGEL ging, schrieb er unter anderem auch Kabaretttexte für Michael Quast und Matthias Beltz. Reinhard Mohr lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin-Mitte. Letzte Veröffentlichungen : "Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden" (Argon Verlag, 2004), "Das Deutschlandgefühl" (Rowohlt, 2005) und "Der diskrete Charme der Rebellion" (Wjs, 2007).

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Forum - Patriotismus - ist eine neue Debatte notwendig?
insgesamt 1651 Beiträge
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1.
Koepe, 01.06.2006
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
2.
Bloomberg76, 01.06.2006
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
3.
Ulrich Ochmann 01.06.2006
Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen.
4.
dericon, 01.06.2006
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
5.
Koepe, 01.06.2006
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
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