Moral in Russland: "Die sexuelle Revolution hat nicht stattgefunden"

Sie posiert als Domina, Pin-up und Marquise: Für einen umstrittenen Bildband hat die französische Starfotografin Bettina Rheims die Moskauer Femme Fatale Olga Rodionowa abgelichtet. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Rodionowa über Sex und Moral in Russland.

SPIEGEL ONLINE: Frau Rodionowa, für die Aktfotos, die Sie von der bekannten französischen Fotografin Bettina Rheims von sich haben machen lassen, wären Sie zu Sowjetzeiten ins Gefängnis gekommen. Was hat sich in Russland seitdem verändert?


Rodionowa:
Die Gesetze. Allerdings ist es so, dass nach einer kurzen Zeit der Lockerung die staatliche Kontrolle über Ideologie und Kultur wieder hergestellt wurde, auch was Moralvorstellungen betrifft. Die Antimonopol-Behörde hat gefordert, die Werbung für eine meiner Fernsehshows einzustellen, nur weil ich dort einmal mit einer Peitsche zu sehen war. Man hat mir vorgehalten, dass ich Gewalt propagiere.

SPIEGEL ONLINE: Man hat Ihnen sogar den Prozess gemacht. Was waren die Gründe für die Anklage?

Rodionowa: Ein Gericht hat für ungesetzlich befunden, dass ich auf einem Reklamefoto mit nackten Schultern und Bauch zu sehen war. Das widerspreche der Bibel und dem Koran. Leider nehmen Heuchelei und Scheinheiligkeit wieder zu. Das ist ein Merkmal für Systeme, in denen einer das sagen hat. Josef Stalin hat Abtreibungen, Homosexualität und Erotik verboten und zwar gleichzeitig mit dem Beginn des Großen Terrors in den Dreißiger Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Hoffnung auf eine freiere und liberalere Gesellschaft?

Rodionowa: Sicher. Das Niveau an Aufklärung und Wissen der Bevölkerung hat gewaltig zugenommen. Und das kulturelle Leben in Russland ist heute wieder so vielfältig und interessant wie einst am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat das die Sexualität verändert - hat es eine sexuelle Revolution in Russland gegeben?

Rodionowa: Sexuelle Revolution ist nicht der richtige Ausdruck. Ursprünglich meinte man damit die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Jetzt steht der Begriff für Zügellosigkeit. Mit der Gleichberechtigung ist bei uns in Russland alles in Ordnung. Und was Moralvorstellungen betrifft, sollten erwachsene Menschen in der Lage sein, selbst die Formen und Grenzen ihres Sexuallebens zu bestimmen, solange das nicht mit Vergewaltigung und Betrug eines anderen Menschen zu tun hat. Andere Kriterien oder Regulierungen brauchen wir nicht. So gesehen hat die sexuelle Revolution in Russland nicht statt gefunden. Der Gesellschaft werden konservative und klerikale Werte aufgedrängt.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie werden nicht bestreiten, dass es neue Freiheiten in Russland gibt, oder?

Rodionowa: Ich denke nicht, dass es heute ein besonderes Maß an Freiheit gibt. Die Masse ist innerlich freier und freier, wie sie die Welt sieht, obwohl die äußeren Umstände dazu nicht immer beitragen.

SPIEGEL ONLINE: Der Auftraggeber der Fotos ist Ihr Mann Sergej Rodionow, ein bekannter Verleger. Warum macht er das?

Rodionowa: Wahrscheinlich aus Liebe. Er liebt die Fotokunst. Er liebt mich. Er realisiert ein einmaliges Projekt, wenn er mich von einer Reihe berühmter Fotografen aufnehmen lässt. Gerne nennt er mich seine Galatea, eine Anspielung auf den griechischen Künstler Pygmalion, der eine Statue schuf so täuschend echt, dass er sich in sie verliebte. Um im übrigen bestellt er bei Leibe nicht jedes Foto-Shooting. Ich habe als Model selbst genügend Aufträge.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Ihre Kritiker verstehen?

Rodionowa: Das sind ja ganz verschiedene Leute. Diejenigen, die mich vor Gericht zerrten, sind die bekannten Diener der staatlichen Propaganda, die sich mal als Hüter des Glaubens, mal als Hüter staatlicher Interessen ausgeben. Andere beschimpfen mich im Internet. Manche Männer können es nicht ertragen, dass Frauen sich so frei fühlen wie ich.

SPIEGEL ONLINE: Wird "The Book of Olga" (*) auch auf Russisch verlegt werden?

Rodionowa: Soweit ich weiß, ist keine russische Ausgabe geplant.

SPIEGEL ONLINE: Viele der Aktfotos sind aufwendige Inszenierungen. Wo entstanden die Fotos? Hatten Sie oder die Fotografin Bettina Rheims die Idee zu diesen einzelnen Motiven?

Rodionowa: Das ganze Buch ist das Ergebnis der Phantasie und des Talents von Bettina Rheims. Ich hatte da keinen Einfluss. Als professionelles Model habe ich mich angestrengt, ihre Ideen umzusetzen. Die Aufnahmen haben wir in einem Landhaus gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Vor der Kamera von Bettina Rheims verwandeln Sie sich in ein Pin-up, eine Domina und eine Marquise aus dem 18. Jahrhundert. Welche Rolle entspricht Ihrem Charakter am ehesten?

Rodionowa: Ich bin Schauspielerin und liebe es, mich zu verwandeln. Keine der Rollen, die Sie zitieren, entspricht aber meinem Charakter. Wahrscheinlich hat die Marquise in meiner Seele die Spur hinterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auch bereits von Helmut Newton, David LaChapelle und anderen berühmten Fotografen fotografiert worden. Mit welchem Fotografen würden Sie noch gerne arbeiten?

Rodionowa: Mit vielen. Wenn ich einen nenne, würde ich die, die ich vergesse, beleidigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden von Feministinnen kritisiert, die Ihnen vorwerfen, sich für sexistische Bilder herzugeben. Wie antworten Sie auf diese Kritik?

Rodionowa: Das Bewusstsein der Menschen ist generell sexistischer Natur. Sonst würde die menschliche Rasse sich ja nicht fortsetzen. Wenn es Ihnen um ein Diktat der Männer geht, dann muss ich die Feministen enttäuschen. Ich bin frei. Ich mache nichts gegen meinen Willen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Ihre Eltern und Freunde zu den Fotos?

Rodionowa: Es ist nie ein Wort des Unverständnisses gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Wirtschaft studiert. Warum haben Sie entschieden, Model und Schauspielerin zu werden?

Rodionowa: Studiert habe ich für meine allgemeine Entwicklung und um Geld zu verdienen. In meiner Seele aber wollte ich immer Schauspielerin werden. Und als sich zumindest in Teilen die Möglichkeit bot, habe ich das gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Es macht Ihnen ganz offensichtlich Spaß, sich vor der Kamera auszuziehen. Warum?

Rodionowa: Ich bin keine Exhibitionistin. Mein Körper ist das Resultat von harter Arbeit. Ich bin stolz auf ihn. Ich will zeigen, dass Kinder, Ehe und Arbeit nicht bedeuten, dass eine Frau aufhört, auf sich zu achten. Ich zeige, dass eine reife Frau so wunderbar ist wie eine junge.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das wichtigste für Sie in Ihrem Leben?

Rodionowa: Die Liebe meines Mannes, Gesundheit, das Glück der Kinder.

Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur Matthias Schepp


(*) Der Fotoband The Book of Olga erscheint Ende Oktober im Taschen-Verlag.

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