Mord an Hrant Dink Orhan Pamuk kritisiert türkische Justiz

Nach dem Mord an dem armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink steht die Türkei unter Schock. Der Schriftsteller Orhan Pamuk nahm dies zum Anlass, Justiz und Regierung seines Landes scharf zu kritisieren.


Istanbul - Schuld an Hrant Dinks Tod trügen vor allem all jene, die an dem berüchtigten "Türkentum"-Paragrafen 301 des Strafgesetzbuches festhielten, sagte Pamuk nach einem Beileidsbesuch bei Dinks Familie und bei dessen Zeitung "Agos", wie türkische Zeitungen berichteten. Dink, Pamuk und andere Intellektuelle waren in den vergangenen zwei Jahren auf Grundlage des Paragrafen 301 vor Gericht gestellt worden. Der Paragraf verbietet die "Beleidigung des Türkentums". Nach Ansicht von Kritikern hat das Gesetz einer radikal-nationalistischen Stimmung in der Türkei Vorschub geleistet.

Nobelpreisträger Pamuk: War wie Dink wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagt
REUTERS

Nobelpreisträger Pamuk: War wie Dink wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagt

Pamuk sagte, gegen Dink sei eine Kampagne in Gang gesetzt worden; der Journalist sei zum "Feind der Türken" ausgerufen und zur Zielscheibe für den Mordanschlag gemacht worden. Trotz mehrfacher Aufforderung der EU hat sich die türkische Regierung bisher geweigert, den Paragrafen 301 aufzuheben oder nachzubessern. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte nach Dinks Tod angeordnet, dass Pamuk und andere prominente 301-Opfer unter Polizeischutz gestellt werden sollten. Die Zeitung "Sabah" meldete am Montag jedoch, vor Pamuks Wohnung in Istanbul seien am Wochenende keine Polizisten zu sehen gewesen.

Die Antiterror-Polizei in Istanbul setzte die Befragung des mutmaßlichen Dink-Mörders Ogün Samast fort. Am späten Sonntagabend wurde Samast zum Tatort im Istanbuler Stadtteil Sisli gebracht, um den Mord bei einem Ortstermin nachzustellen. Als möglicher Drahtzieher des Mordes gilt nach Presseberichten ein Freund von Samast, Yasin Hayal, von dem die Tatwaffe stammen soll und der ebenfalls festgenommen wurde.

hoc/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.