Journalisten in Mexiko "Ich bin mit dem Tod groß geworden"

Bei Berichterstattung Mord: Der Autor Javier Valdez erzählt, wie das organisierte Verbrechen in Mexiko den Journalismus bedroht.

AP

Ein Interview von , Guadalajara


Mexiko sei 2016 das gefährlichste Land für Medienschaffende außerhalb von Kriegsgebieten gewesen, schreibt die Organisation "Reporter ohne Grenzen" (RoG) in ihrer gerade veröffentlichten "Jahresbilanz der Pressefreiheit".

Im Laufe des Jahres wurden dort zehn Journalisten in direktem Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet. Zum Weltvergleich: Nur in Syrien waren es mit elf Opfern mehr. Annähernd jeder fünfte 2016 getötete Journalist war Mexikaner. Auftraggeber sind Kartellbosse, aber auch Polizisten, Politiker und Gouverneure.

Drogenkartelle bestimmen auch darüber, was berichtet oder verschwiegen wird, wie der Autor Javier Valdez in seinem neuen Buch "Narcoperiodismo" schreibt. "Narco" (Abkürzung für das Wort "Narcotráfico", Drogenhandel) ist im Spanischen Chiffre für all das, was mit dem organisierten Verbrechen rund um den Rauschgifthandel zu tun hat.

Immer wieder werde Reportern die Ausübung ihrer Arbeit unmöglich gemacht, weil der Narco bestimmte Gebiete sperrt oder Berichte unterbindet, schreibt der Journalist Javier Valdez. Manchmal gäben Drogenbosse sogar die Linie eines Lokalblatts vor, indem sie Informationen kaufen oder Eigentümer bedrohen.

Zur Person
  • Javier Valdez (49), Reporter und Mitbegründer des Magazins "Ríodoce", schreibt seit 20 Jahren über den Drogenkrieg in Mexiko. Er ist dafür mit diversen Auszeichnungen geehrt worden, unter anderem 2011 mit dem Internationalen Preis für Pressefreiheit der Journalistenschutzorganisation Committee to Protect Journalists (CPJ).

SPIEGEL ONLINE: Herr Valdez, Sie stammen aus Culiacán in Sinaloa, der Heimat des legendären "Chapo" Guzmán. Wie kann man da überhaupt Journalismus machen?

Antwort: Wir leben in Sinaloa seit 100 Jahren mit den Drogen. Ich bin mit dem Tod groß geworden. Und auch als Journalist ist Angst das erste Gefühl, das wir bei der Ausübung unseres Berufs haben. 2009 haben sie die Redaktionsräume von "Ríodoce" mit einer Splittergranate angegriffen. Man lernt, damit zu leben. Über Drogenbosse zu schreiben, heißt den Kugeln auszuweichen - und es heißt auch, die Schere im Kopf zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schere im Kopf?

Valdez: Nehmen wir den Bundesstaat Tamaulipas: Wenn ein Reporter dort eine Impfaktion des Gesundheitsministers in einer abgelegenen Gegend begleiten will, geht das nicht, weil die Kartelle dort keine Journalisten dulden. Oder wenn ein Polizeireporter über einen Verkehrsunfall berichten will, in den ein örtlicher Boss des führenden Kartells beteiligt ist, verhängen die Narcos ein totales Auskunftsverbot. Aber auch banale Dinge wie das Foto einer Kneipe zu machen, kann lebensbedrohlich sein, wenn dieses Geschäft einem der örtlichen Kartelle gehört.

SPIEGEL ONLINE: In Sinaloa leben die Journalisten schon lange mit dem Narco, aber längst sind auch andere Staaten betroffen. Wo ist die Situation am kritischsten?

Valdez: Im Nordosten des Landes in Tamaulipas. Tamaulipas ist einer der gewalttätigsten Staaten des Landes, aber die Zeitungen berichten nicht über die dortigen Verbrechen, weil die Kartelle das verbieten. Die Tageszeitung "El Mañana" hat schon vor Jahren die Berichterstattung über die Gewaltkriminalität eingestellt,nachdem die Redaktionsgebäude mit Granaten beschossen und der Chefredakteur entführt und verprügelt wurde. Er hat in den USA Asyl beantragt. Aber auch in Veracruz an der Ostküste ist die Situation schlimm.

SPIEGEL ONLINE: Das Journalistenschutzkomitee CPJ vergleicht Veracruz mit dem syrischen Aleppo. 18 Journalisten sind in Veracruz in sechs Jahren ermordet worden, davon drei in diesem Jahr.

Valdez: Veracruz ist ein Bundesstaat, in dem alles zusammenkommt: Da gibt es das brutale Kartell der Zetas, das mit der Politik gemeinsame Sache macht, und es gibt einen Ex-Gouverneur, der die freie Presse verabscheute und die Journalisten mehrfach öffentlich ermahnte, sie sollten sich benehmen. Er ist jetzt übrigens auf der Flucht wegen Veruntreuung von Millionenbeträgen. In Veracruz werden Reporter, Fotografen und Redakteure verfolgt und bespitzelt. Es ist ein Narco-Staat, in dem das Verbrechen geduldet ist und die Kollegen in totaler Angst leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch von Spitzeln in den Redaktionen - eine neue Dimension der Unterwanderung?

Valdez: Ja, einige Reporter wurden von den Kartellen gekauft. In Veracruz verdient ein normaler Journalist vielleicht 10.000 Peso (umgerechnet 465 Euro). Das zahlen die Kartelle auch. Oder sogar mehr. Vor allem die Zetas wollen so kontrollieren, wer über was berichtet. Aber seit Kurzem gibt es ein neues Phänomen: Sowohl die Regierung als auch die Narcos schleusen Polizisten in die Redaktionen ein. Sie bekommen eine minimale Ausbildung, damit es nicht so auffällt, dass sie keine Reporter sind. Sie sollen ausspionieren, wer zum Beispiel der Autor eines Artikels war, der aus Sicherheitsgründen ohne Namen erschienen ist.

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Javier Valdez:
Narcoperiodismo

Aguilar; 288 Seiten; 14,06 Euro. Auf Spanisch

SPIEGEL ONLINE : Wie schaffen Sie es in einem solchen Umfeld, Kollegen und Informanten zum Sprechen zu bewegen?

Valdez: Viele wollen reden. Für die Witwe eines Narco, einen Killer, aber auch für Kollegen ist es oft wie eine Katharsis. Viele weinen am Ende der Gespräche. Aber natürlich schreibe ich nur, was sie mir erlauben. Wenn ich das Vertrauen auch nur einmal gebrochen hätte, wäre ich schon tot.

SPIEGEL ONLINE: Ist unter diesen Umständen überhaupt noch ein vernünftiger, objektiver Journalismus möglich?

Valdez: Nein. Der Journalismus in Mexiko steht am Abgrund. Und es ist keine Besserung in Sicht. Der Gesellschaft sind wir gleichgültig, die Journalisten schweigen. Zum Teil aus Angst - und wohl auch deshalb, weil wir es verlernt haben, unsere Arbeit zu reflektieren. Es würde helfen, wenn die sozialen Bewegungen zusammenstehen und gemeinsam kämpfen würden. Zum Beispiel die Eltern der 43 Studenten von Ayotzinapa und wir Journalisten. Aber vor allem brauchen wir eine Regierung, die konsequent den Rechtsstaat durchsetzt. Wir brauchen nicht noch mehr Polizisten und Soldaten auf der Straße, sondern die konsequente Anwendung der Gesetze.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt Sie dazu, in diesem Wahnsinn weiterzumachen?

Valdez: Wenn wir aufgeben, machen wir uns automatisch zu Komplizen des organisierten Verbrechens. Und das kommt für mich nicht infrage.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
jupiter_jones 27.12.2016
1. Hut ab!
Die Journalisten in Mexiko, die nur versuchen wollen ihren "Job" zu machen, sind diejenigen, die einen Friedensnobelpreis verdient hätten und nicht ein Barack Obama. Hut ab vor diesen Leuten!
th.diebels 27.12.2016
2. Hut ab II
Zitat von jupiter_jonesDie Journalisten in Mexiko, die nur versuchen wollen ihren "Job" zu machen, sind diejenigen, die einen Friedensnobelpreis verdient hätten und nicht ein Barack Obama. Hut ab vor diesen Leuten!
Habe mir gerade mal die Preisträger der letzten Jahre angeschaut : Jassir Arafat - Friedensnobelpreis 1994 Jimmiy Carter - Friedensnobelpreis 2002 sogar die EU hat einen Friedensnobelpreis eingeheimst: 2012 ! Deshalb um so mehr: Achtung und Respekt vor den mexik. Journalisten !
Promethium 27.12.2016
3.
"Wir brauchen nicht noch mehr Polizisten und Soldaten auf der Straße, sondern die konsequente Anwendung der Gesetze." Das ist eine sehr interessante Aussage! Laut UNODC hat Mexiko enorme 367 Polizisten pro Einhunderttausend Einwohner. Zum Vergleich, die USA haben nur 197 Polizisten pro Einhunderttausend Einwohner. Trotzdem lag die Mordrate 2012 in Texas nur bei 4.4 während sie im direkt angrenzenden mexikanischen Bundesstaat Chihuahua unfassbare 69 betrug!
nofreemen 27.12.2016
4. Scheinheilig
Andere Länder andere Sitten. Die Sitten reflektieren eine Gesellschaft als ganzes. Da gehören auch die Medien dazu. Liebe und Böse gibt es nicht (denn je nachdem auf welcher Seite man steht), es gibt nur richtig und falsch. Dad ist auch in Deutschland so. Wenn du grundsätzlich imer anderer Meinung bis, dann musst du dir auch hier einen neuen Job suchen. Die Gewalt mit Kugeln und Macheten ist jedoch nicht präsent. Mobbing, Abmahnungen, Versetzungen und Kündigungen sind aber ebenso fatal wie brutal. Wie gessgt, andere Länder andere Sitten. Auch mit Kugeln kann man sich arrangieren, genauso wie mit der Unterschtift unter einem Blatt Papier. Beides kann das Ende bedeuten.
manicmecanic 27.12.2016
5. Endstadium des war on drugs
Kann man im failed state Mexico sehen.Es gibt keine Alternative mehr als totale Legalisierung um diese Zustände zu beenden.Aber es wird so sein wie in den USA während des Alkoholverbot vor 90 Jahren.Alle Politiker die dagegen sind werden von der Mafia bezahlt,weil dieser gigantische Geldstrom unter allen Umständen bleiben soll.
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