Morscher Marmor Michelangelos David droht der Kollaps

Seit einem halben Jahrtausend ist er das Monument der perfekten Proportionen: Michelangelos David. Doch jetzt schlägt ein italienischer Experte Alarm: Der Marmorkörper, sagte er der britischen "Times", zeige Risse - und drohe zu kollabieren. Schuld seien ausgerechnet seine Bewunderer.


David, der vier Meter große Marmormann, ist wahrscheinlich die bekannteste Skulptur der Kunstgeschichte überhaupt. Nackt, wie ihn Michelangelo erschaffen hat, steht er in der Galleria dell'Accademia in Florenz, das Gewicht auf das rechte Bein verlagert, in der linken Hand die Schleuder, mit der er im Kampf gegen den Riesen Goliath obsiegte.

Erschütternd: Tausende Besucher trampeln jeden Tag an der Statue des David in der Florenzer Galleria dell'Accademia vorbei
REUTERS

Erschütternd: Tausende Besucher trampeln jeden Tag an der Statue des David in der Florenzer Galleria dell'Accademia vorbei

Doch jetzt steht ihm ein Fight bevor, den noch jeder Mann verloren hat - gegen das Alter. Zu seinem 500. Geburtstag haben ihm seine Bewunderer noch eine aufwendige Kur spendiert. 2004 wurden Schmutz und Sulfatablagerungen liebevoll mit destilliertem Wasser und Zellstoff abgewischt, kleine Risse aufgefüllt. Schon damals unkten Kritiker, man würde David mit einer solchen Aktion unwiederbringlich ins Verderben stürzen, aber er hat sich von den Operationen ohne größere Probleme erholt. Obwohl: Die Fußgelenke, fanden Statiker, hatten unter dem Gewicht des knapp sechs Tonnen schweren Athleten im Laufe der Jahrhunderte schon arg gelitten.

Nur vier Jahre später hat der Zahn der Zeit offenbar noch größere Wunden geschlagen. Es steht nicht gut um David, wie Professor Antonio Borri einem Reporter der britischen "Times" erklärte.

Borri lehrt an der Universität von Perugia, und zwar Hochbau. Er gehört zu dem Team von Experten, das David seit den Restaurationen von 2004 unter ständiger Beobachtung hat, und seine Prognose ist düster: "Alle Risse, die wir damals geschlossen haben, platzen wieder auf. David ist dabei, in Stücke zu zerfallen."

Wie konnte das geschehen? Für Antonio Borri kommen eine Reihe von Ursachen in Frage, die sich gegenseitig noch verstärken. Zum einen ist natürlich Michelangelo selbst schuld, der offenbar minderwertigen Marmor verwendet hatte. Die Wollweberzunft in Florenz hatte ihn 1501 mit der Aufgabe betraut, aus dem riesigen Marmorklotz, der seit 1468 im Domgarten der Stadt lagerte, eine David-Figur zu schaffen. Es hatte sich schon ein weiterer Bildhauer an dem Block versucht - und aufgegeben. Was eine Erklärung für die seltsame Haltung der Hand sein könnte, mit der David die Schleuder hält. Jedenfalls waren schon die Ausgangsbedingungen nicht optimal.

Die Stadt bebt - und bringt David ins Wanken

Nach verschiedenen Attentaten - einmal wurde sein linker Arm zertrümmert, ein anderes Mal ging ein durchgeknallter Künstler mit einem Hammer auf seine Zehen los - machte dann ausgerechnet die große Schar der Bewunderer dem berühmtesten Marmormann zu schaffen - die ständigen Vibrationen und Erschütterungen der Tausenden Füße, die jeden Tag an ihm vorbeitrampeln. Mindestens so schlimm: das ferne Donnern des Straßenverkehrs, die Baustellen, das tägliche menschliche Beben der Großstadt.

"Wir beobachten ihn jetzt rund um die Uhr", sagte Professor Borri der "Times", man habe seismische Messfühler unter seinem Sockel angebracht, um auch kleinste Erschütterungen messen zu können. "Wir müssen etwas unternehmen, und zwar schleunigst", warnt Borri. Und das könnte sogar bedeuten, dass David fortan überhaupt keine Besucher mehr empfangen darf.

Eine Aussicht, die der Direktorin des Museums natürlich überhaupt nicht gefallen kann. "Angesichts der Brüchigkeit der Statue", erklärte Cristina Acidini, wie die "Times" berichtet, "werden selbstverständlich alle möglichen und nötigen Schritte in Erwägung gezogen. Aber es besteht kein unmittelbarer Anlass zur Sorge." Wirklich gefährlich werden könne der Statue nur ein richtiges Erdbeben. Aber dann wäre sowieso das gesamte Museum in Gefahr.

Antonio Borri glaubt auch nicht, dass David kurzfristig ins Wanken gerät, er hat ja im Laufe der Jahrhunderte sogar echte Erdbeben überstanden. Aber es ist die permanente Belastung, der andauernde Stress, die ihm schließlich doch zum Verhängnis werden können. Seine Experten von der Universität Perugia möchten deshalb nun einen Stoßdämpfer konstruieren, der David vor den Zumutungen des Alltags besser schützt. Kostenpunkt: etwa eine Million Euro.

Ewig junger David. Auch er hat im Alter etwas mehr Rücksicht verdient.

oka



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