Schweizer Maler Oliver Mosset Biken ist Kunst

Abstrakte Malerei oder Custom-Bikes? Der Schweizer Künstler Olivier Mosset brennt für beides und stellt in seinen Schauen einzigartige Harleys mit minimalistischen Gemälden aus - vereint in Rebellion.

Olivier Mosset/ Edition Patrick Frey

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Bildende Kunst und Motorrad-Kultur - beides könnte man mit Krankheiten vergleichen, findet Olivier Mosset. "Es sind Zustände, keine Entscheidungen. Man sucht sich nicht aus, sein Leben mit Kunst oder mit Motorrädern zu verbringen", so der Schweizer Objektkünstler, Maler und Motorradfan. Ihn suchten beide Leidenschaften heim.

Freiheit auf dem Bock, Freiheit in der Kunst - Mosset nahm beides für sich in Anspruch. "Seit 1914 wissen wir, dass alles Kunst sein kann, also auch Motorräder", sagt er und meint damit Marcel Duchamp, der als erster vorgefundene Objekte als "Readymade"-Kunst ausstellte. Mossets nun erschienener Bildband "Wheels" ist ein Buch für die feinsinnigen Ästhetiker unter den Chopper-Fans, die sich möglicherweise im bierselig-brutalem Image von Rockerclubs nicht wiederfinden.

"Wheels" zeichnet als persönliches Motorrad-Portfolio nach, wie die Harley für Mosset vom reinen Vehikel zum Symbol eines Lebensgefühls und schließlich zum Kunstobjekt wurde, das von Szene-berühmten Mechanikern für die Galerie veredelt wurde. Zu jedem Motorrad sind Geschichte, technische Details und Verbleib erläutert. Der Bildband kann zugleich auch als Werkbiografie Mossets gesehen werden, denn mit den Maschinen zeigt er Malerei - seine monochromen, grafischen Bilder wie etwa den schwarzen Kreis auf quadratischer Leinwand, den Mosset bis Anfang der Siebziger wiederholt malte, in etwa 150-facher Ausführung.

Immer ein wenig Retro

Mit radikaler Malerei hinterfragte Mosset den damaligen Kunstbetrieb. Für Motorrad-Fans symbolisieren ihre in kleinen Werkstätten umgebauten Custom-Bikes ebenfalls Auflehnung - gegen das, was der standardisierte Motorradmarkt ausspuckt, gegen das Motorrad als käufliches Prestigeobjekt. Und sie wirken immer auch etwas nostalgisch, denn individuell hergerichtet werden vorwiegend alte Vehikel. Zum Umbau eignen sich stahlglänzende Sechzigerjahre-Maschinen eben besser als plastikverkleidete Motorräder von heute.

Für ihre Besitzer transportieren die Retro-Bikes eine Haltung für Autonomie und gegen Konventionen, sie erbasteln sich damit ein Lebensgefühl. "Diese Einstellung fand man in den Sechzigerjahren in Ateliers genauso wie in einer Customize-Werkstatt oder in Workshops", sagt Mosset, der seit zwanzig Jahren in den USA lebt. Vehikel von damals, Motorräder wie Autos, scheinen immer noch Allegorien der Freiheit zu sein. "Wer modern sein will, muss auch ein bisschen retro sein", findet Mosset.

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Mosset Olivier:
Wheels

Edition Frey; 224 Seiten; 60 Euro

Was heute als retro gilt, hat Olivier Mosset selbst gelebt. Mosset wurde 1944 in Bern geboren und wuchs auf in einer Zeit, in der in den USA der Rock'n'Roll den Siegeszug antrat und Motorräder zum Sinnbild einer befreiten Jugend wurden. Ende der Sechzigerjahre suchte Mosset ein Atelier in Paris und fand eines, das an eine Motorrad-Werkstatt grenzte. Mit dem radikalen Minimalismus seiner Malerei grenzte sich Mosset damals vom Establishment der Kunstszene ab - und die Biker, die er nun kennenlernte, lehnten sich wie er gegen Konventionen auf.

Hells Angels? Kein Kommentar

Mosset kaufte seine erste Harley aus dem Bestand der US-Armee, als dieser Hersteller in Europa noch völlig unbekannt war. Als 1969 der Film "Easy Rider" das Lebensgefühl von Rockern auf umgebauten Custom-Harleys ins Kino brachte, wurde Mosset zum Mitbegründer einer der ersten linken Motorradclubs in Frankreich, sein Atelier war gleichzeitig Hauptquartier seines Clubs "Rue de Lappe".

Aus der Romantik der Gründerzeit ging allerdings Zweifelhaftes hervor. Eine seiner Ausstellungs-Harleys, eine dunkelgrün lackierte Panhead von 1962, die er in Schauen in der Schweiz und in Frankreich neben Fotografien aus seiner Pariser Rocker-Zeit zeigte, hat Mosset vor zwei Jahren einem Mann mit dem Spitznamen Loulou geschenkt. Mit ihm fuhr Mosset während der Studentenrevolte '68 durch Paris, doch 13 Jahre später wurde Loulou zum ersten Präsident der französischen Hells Angels. Offenbar pflegt Mosset noch heute Kontakte zur organisierten Kriminalität. Doch "Zu Loulou und den Angels will ich nichts sagen", so Mosset.

Auch seine Kunst erklärt Mosset nicht gerne, ohnehin empfinde er sich als Maler "so halb in Pension". Er überlasse die Interpretation lieber dem Betrachter, sagt er, das sei für ihn der Vorteil des Kunstschaffens, die Distanz zum eigenen Werk. Er lehnt die Bedeutungshoheit ab, so viel Freiheit gönnt er sich. "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, so wie es in Frankreich auf jeder Fassade steht, das sind schöne Ideale. Leider sieht die Realität anders aus", sagt Mosset. "Wenn ich aber auf meiner 45er Harley mit der "Suicide" Handschaltkupplung oder der Super Glide von 1970 sitze, und durch die Prärie von South Dakota brause und die Büffel galoppieren neben mir her - das fühlt sich nach Freiheit an."

Video: Motorrad handgemacht - 60.000 Euro für ein Custom-Bike

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