Mozart-Absetzung Intendantin rechtfertigt sich mit Angst vor Islamisten

Die Deutsche Oper in Berlin hat Mozarts "Idomeneo" aus Angst vor Islamisten abgesetzt - und breite Proteste ausgelöst. Intendantin Harms verteidigt sich: Sie verweist auf eine Warnung des Innensenators. Dabei sah nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen der Staatsschutz kein größeres Risiko.


Berlin - Kirsten Harms mühte sich um einen ruhigen Tonfall, als sie gegen 15 Uhr vor die Presse trat. Stunden zuvor hatte ihre Entscheidung, an der Deutschen Oper Berlin Mozarts "Idomeneo" vom Spielplan zu nehmen, einen Proteststurm ausgelöst - quer durch alle Parteien, quer durch alle Lager.

Sie schilderte ihre Sicht: Im August habe Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sie im Urlaub per Telefon informiert, dass es Sicherheitsbedenken gegen die Aufführung gebe. Am 5. November sollte die Oper erstmals seit 2004 wieder gezeigt werden - Körting überließ ihr die Entscheidung. Sie wollte das Risiko nicht auf sich nehmen und beschloss: Die umstrittene Inszenierung von Regisseur Hans Neuenfels wird nicht gezeigt. Zunächst für vier Aufführungen im November, präzisierte Harms heute Nachmittag. "Das hat nichts mit vorauseilendem Gehorsam zu tun." Sie habe nur auf die Experten gehört.

Angefangen hatte alles am Montag, als Harms ihren Beschluss bekannt gab, wegen "durchaus ernst zu nehmender Hinweise" die Inszenierung zu stoppen - was binnen Stunden zu breiter Kritik führte. Als erster äußerte sich Innenminister Wolfgang Schäuble zu der Meldung: Der CDU-Politiker, morgen Gastgeber der ersten Islam-Konferenz in Deutschland, wurde bei seiner USA-Reise mit Berichten über das Aus der Oper konfrontiert. "Das ist verrückt", sagte der CDU-Politiker mitreisenden Journalisten. Der Beschluss der Oper sei "inakzeptabel". Was sei Meinungsfreiheit schon wert, wenn man sie aus Angst einschränken müsse.

Kurz darauf kritisierte die Bundesregierung die Entscheidung der Oper: Wenn Sorge vor Protesten "zur Selbstzensur führt", gerate die freie Rede in Gefahr, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Kunst und Medien müssten Gegensätze in einer Gesellschaft benennen. Dafür brauche es Toleranz "auch gegenüber unbequemen Meinungen". CDU-Kulturexperte Wolfgang Börnsen: "Das schadet der Freiheit der Kunst." Kunst brauche die Freiheit zu kritisieren und zu provozieren. Jetzt drohe "ein Kniefall vor radikalen Muslimen". Peter Ramsauer, CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, sprach von "purer Feigheit". Wenn die Kultur so zurückweiche, mache sie sich erpressbar. Das sei ein einmaliger, "ungeheuerlicher Vorgang".

Thierse: "Prüfstein" für die Muslime in Deutschland

Fraktions-Vizechef Wolfgang Bosbach (CDU) kritisierte, allmählich gebe es in der Republik "Selbstzensur" und "eine Schere im Kopf". Das sei "die falsche Reaktion auf die Debatten, die wir in diesem Jahr geführt haben", sagte er anspielend auf die Mohammed-Karikaturen und den Streit um das Papst-Zitat. Es gehe nur um die Furcht davor, "dass der Inhalt missverstanden werden könnte - und ich füge hinzu, viele könnten ihn möglicherweise bewusst missverstehen".

Auch SPD-Politiker kritisierten Harms' Beschluss. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse sprach von einem "beklemmenden Zeichen der Angst": "Soweit ist es gekommen, dass die Freiheit der Kunst eingeschränkt wird. Was ist das nächste? Werden wir die Freiheit der Rede oder der Predigt einschränken?" Der Umgang mit Kunst, die Fragen der Religion berühre, sei ein "Prüfstein" für Muslime. Er frage sich, in welchem Zustand Deutschland sei, "wenn aus Angst vor Gewaltaktionen Opernaufführungen nicht mehr stattfinden".

SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz nannte die Absetzung "unglaublich. Was hier in Gestalt von vorauseilendem Gehorsam abläuft, ist ein peinlicher Vorgang". Der FDP-Politiker Hans-Joachim Otto forderte einen "Aufstand der Aufgeklärten" unter Einbeziehung der Muslime. Schäubles Islamkonferenz am Mittwoch biete allen die Chance, "ein klares Bekenntnis zur Kunst- und Meinungsfreiheit abzulegen".

Wowereit kritisiert Innensenator: "Totaler Quatsch"

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit zeigte sich verärgert über die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" - und vor allem über das Vorgehen seines Innensenators Ehrhart Körting (SPD). Körting erklärte heute im Senat, das Landeskriminalamt habe über die veränderte Gefahrenlage mit der Opernführung gesprochen. Auch er selbst habe mit Intendatin Harms telefoniert. Die Entscheidung habe bei der Oper gelegen. Konkrete Belege für Gefahren hatte Körting nicht. Daraufhin nahm sich Wowereit seinen Innensenator vor, berichten Teilnehmer: Dessen Verhalten sei "totaler Quatsch".

Auch offiziell nannte Wowereit die Entscheidung falsch, "bei allem Verständnis für die Sorge um die Sicherheit von Besuchern und Künstlern". Er sehe keine konkrete Gefährdung. "Unsere Vorstellungen von Offenheit, Toleranz und Freiheit müssen offensiv gelebt werden." Eine freiwillige Selbstbeschränkung gebe den Gegnern unserer Werte "eine vorauseilende Bestätigung, die wir ihnen nicht zugestehen sollten".

Kulturverwaltung sucht Wege zur Schadensbegrenzung

Wie es weitergeht, ist offen. Intendantin Harms hat statt "Idomeneo" Mozarts "Le Nozze di Figaro" und Verdis "La Traviata" auf den Spielplan gesetzt - dass sie von nur vier abgesetzten Aufführungen im November gesprochen hat, lässt das weitere Vorgehen offen. In der Berliner Kulturverwaltung wurden heute schon Wege zur Schadensbegrenzung gesucht. Das Problem nur: Wird das Stück nun doch gezeigt, würde voraussichtlich tatsächlich eine Gefahrensituation entstehen, weil nun jeder um die umstrittenen Szenen des Stückes weiß.

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) forderte Harms auf, ihre "Entscheidung umgehend zu überdenken und zurückzuziehen" - Islamisten "dürfen nicht bestimmen, was auf deutschen Bühnen gespielt wird". Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) schloss sich an: Harms solle "Rückgrat zeigen", sonst drohe "Kapitulation durch Selbstzensur". SPD-Kulturpolitikerin Monika Griefahn plädierte für einen Runden Tisch der Akademie der Künste, an dem neben Harms christliche und muslimische Vertreter teilnehmen sollten.

Der Streit dreht sich um eine Besonderheit der Berliner Inszenierung von "Idomeneo": In dem Stück geht es um den gleichnamigen kretischen König, der in der Antike nach seiner Heimkehr vom trojanischen Krieg gezwungen ist, seinen eigenen Sohn zu opfern. In der Inszenierung von Hans Neuenfels präsentiert er die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed. Die Inszenierung wurde 2003 bis 2004 gespielt, schon damals hatten verschiedene Vertreter von Religionen protestiert. Neuenfels selbst sieht die Entscheidung jetzt als "vorausgeeilten Gehorsam und Hysterie". Es habe seit seiner Inszenierung im Jahr 2003 weder Terrordrohungen noch Kritik von Seiten islamischer Organisationen gegeben.

Muslime reagieren gespalten auf die Absetzung

Vertreter von Muslimen in Deutschland reagierten auf Harms Entscheidung gespalten. Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, beklagte, die Oper habe eine Chance zur Auseinandersetzung vertan: "Das ist eine Schande." Er empfehle "allen Muslimen, bestimmte Sachen zu akzeptieren". Kunst sei frei und Selbstzensur nicht angebracht: "Wir würden sonst zurück zu Verhältnissen wie im Mittelalter kommen."

Der Islamrats-Vorsitzende Ali Kizilkaya dagegen begrüßte die Absetzung und schlug dramaturgische Änderungen vor, um die Inszenierung zu zeigen. Die Darstellung des Propheten Mohammed "sogar mit abgeschlagenem Kopf" verletze Muslime und sei "unsensibel": Es müsse "etwas mehr Rücksicht genommen werden". Er finde es allerdings "natürlich schrecklich, dass man Angst haben muss".

Christoph Stölzl (CDU), Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses, wies Kizilkayas Vorstoß zurück: Ein Vertreter einer muslimischen Organisation dürfe sich nicht "als Hilfsregisseur" verstehen. Die christlichen Kirchen hätten in den vergangenen Jahrhunderten "auch aushalten müssen, was die Kunst mit ihnen gemacht hat". Notfalls müsse man eben eine Oper unter Polizeischutz spielen.

Staatsschutz fürchtete nur Demos oder Sachbeschädigungen

Wie gefährdet die Oper im Detail überhaupt war, ist fraglich. Politiker forderten, die Sicherheitsbehörden sollten ihre Erkenntnisse offenlegen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat der Staatsschutz des Landeskriminalamtes (LKA) im Juli 2006 eine mehrseitige Gefahrenanalyse erstellt, im Auftrag von Innensenator Körting. Im LKA wunderte man sich heute über die ganze Aufregung - denn die Analyse ergab weder konkrete Gefahren noch Hinweise auf solche. Nur "Demonstrationen oder Sachbeschädigungen" seien nicht auszuschließen. "Dass man deswegen das Stück absetzt, hat hier niemand erwartet", sagt einer der Beamten und hat für das Verhalten der Oper nur Spott übrig: "Normalerweise hätte niemand etwas von dem Stück erfahren. Nun wissen selbst Islamisten ohne Deutschkenntnisse, wo sie sich abreagieren können."

Körting schilderte den Ablauf heute so: Das LKA sei nach einem Hinweis der Bundespolizei tätig geworden. Dort sei zuvor "ein Anruf aus dem Ausland eingegangen": Eine Frau habe telefonisch "darauf hingewiesen, dass die Inszenierung an der Deutschen Oper wie beim Karikaturen-Streit Muslime und Islamisten auf den Plan rufen könnte". Körting bestätigte, dass das LKA im Juli eine Gefährdungsanalyse erstellt hat. Ihm zufolge kam sie jedoch zu dem Schluss, dass "eine erhebliche Gefährdungslage nicht auszuschließen" sei. "Die Analyse wurde an die Oper geschickt, und ich telefonierte Mitte August mit Frau Harms - wobei ich darauf bestand, dass die Entscheidung über eine mögliche Absetzung ausschließlich Sache der Oper sei", sagte Körting. "Und Frau Harms hat sich die Entscheidung nicht einfach gemacht."

Der Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch zeigte heute ganz offen Verständnis für die Absetzung. Nach dem Karikaturenstreit könne eine Szene, in der der abgeschlagene Kopf Mohammeds gezeigt werde, eine Gefahr bedeuten. "Man kann nichts Schlimmes daran finden, wenn in einem ohnehin zunehmend gespannten Klima zwischen der islamischen und der westlichen Welt darauf verzichtet wird, die Stimmung durch eine Szene weiter anzuheizen." Die Szene könne "nach meiner Überzeugung ohne Zweifel als provokativ empfunden werden", müsse es von gläubigen Moslems vielleicht sogar, sagte Glietsch.

mgb/plö/hoc/AP/dpa/ddp/Reuters

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