Mozart und die Muslime Merkel nennt Absetzung der Oper unerträglich

Angela Merkel hat die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" als "unerträglich" kritisiert. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht aus Angst vor gewaltbereiten Radikalen immer mehr zurückweichen", warnte die Kanzlerin. Die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer nannte die Entscheidung der Berliner Intendantin "fatal".


Berlin - "Zulässig ist Selbstbeschränkung nur, wenn sie aus Verantwortung im Rahmen eines echten, vollkommen gewaltlosen Dialogs der Kulturen folgt", sagte Merkel der in Hannover erscheinenden Zeitung "Neue Presse". "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht aus Angst vor gewaltbereiten Radikalen immer mehr zurückweichen", warnte die CDU-Chefin. "Selbstzensur aus Angst ist nicht erträglich", sagte die Kanzlerin.

Die Absetzung der Mozart-Oper sorgt bei Politikern aller Parteien noch immer mehr für Empörung. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), nannte die Entscheidung der Intendanz "fatal". Nun bestehe wieder die Gefahr, dass die Muslime unter Generalverdacht geraten, sagte Böhmer der "Bild-Zeitung". "Zugleich wird die Freiheit der Kunst gefährdet. All dies schadet dem Dialog der Kulturen."

Für Bayerns Innenminister Beckstein (CSU) ist die Absetzung ein "trauriger Beleg dafür, dass islamistisch-extremistische Agitation gegen die Meinungsfreiheit in unserer Gesellschaft offenbar bereits Wirkung zeigt". Beckstein sagte der "Berliner Zeitung": "Die Toleranz in unserer Gesellschaft darf sich die Grenzen nicht durch Intoleranz islamistischer Extremisten ziehen lassen."

Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz, verurteilt die Absetzung ebenfalls. "Idomeneo ist als Oper Weltklasse. Die Entscheidung der Intendantin ist nicht einmal Kreisklasse." Die Intendantur blamiere sich hier grenzenlos. "Wenn nicht einmal mehr die Intendantur eines Opernhauses für die Freiheit der Kunst ficht und streitet, wer soll das denn sonst tun", betonte Wiefelspütz. Hier fehle ein Mindestmaß an Zivilcourage.

Auch der Aktionskünstler Christoph Schlingensief kritisierte die Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms. "Das ist doch schwer bescheuert. Sonst machen sich die Opernhäuser mit pseudoaktuellen Ausschmückungen wichtig - wie Figaro auf dem Moped. Aber wenn eine Oper einmal aus Versehen wegen der äußeren Umstände in der Realität ankommt, dann wird sie abgesetzt", sagte Schlingensief. In dem Stück, so Schlingensief weiter, "werden ja alle menschengemachten Götter geköpft - Buddha, Christus und Mohammed. Das nenne ich Gleichberechtigung".

Der Bundesvorsitzende der türkischen Gemeinden inn Deutschland, Kenan Kolat, nannte die Entscheidung ebenfalls falsch. Es handle sich um Kunst und nicht um Politik. "Wir dürfen die Kunst nicht von der Religion abhängig machen, dann kommen wir zum Mittelalter zurück", sagte Kolat, der selbst Muslim ist. Er rief die Muslime auf, Politik und Religion zu trennen. Man müsse Kritik auch an der eigenen Religion akzeptieren. Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte, die Absetzung sei "weniger ein Kniefall vor religiösen Eiferern als vor den Sicherheitsbehörden".

Harms verteidigte dagegen in den ARD-"Tagesthemen" ihre Entscheidung. Sie habe für die Sicherheit des Publikums und ihrer Mitarbeiter auf der Bühne sorgen müssen und die Warnungen des Landeskriminalamts vor möglichen Störungen und Risiken nicht ignorieren können. Auf der anderen Seite stehe die Freiheit der Kunst, sagte Harms.

Ihre Abwägung habe sie in einer sehr aufgeheizten Situation treffen müssen, die durch die Äußerungen von Papst Benedikt XVI. zum Islam entstanden sei. Sie sehe nach ihrer Entscheidung, die Oper abzusetzen, die Chance, jetzt einen dringend anstehenden Diskurs in der Verständigung zwischen Islam und Christentum zu führen.

Harms hatte die Inszenierung des Regisseurs Hans Neuenfels aus Angst vor islamistischen Störungen vom Spielplan genommen. In der Schlussszene werden die geköpften Häupter von Religionsgründern - darunter Mohammed - vorgeführt.

als/AFP/ddp

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.