Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

MTV-Show "I Want a Famous Face": Der Star-Schnitt

Von Wiebke Brauer

Wie schnitze ich mich zum Prominenten? In der MTV-Sendung "I Want a Famous Face" lassen sich Jugendliche per Schönheitsoperation in ihr Idol verwandeln. Das Format mag neu sein, Gesichter und Erkenntnisse sind es am Ende jedoch nicht.

MTV-Probandin nach der OP: Aussehen wie Pamela Anderson
MTV

MTV-Probandin nach der OP: Aussehen wie Pamela Anderson

Die Nasen sind lang, die Akne-Narben tief, das Herz ist gebrochen. "Aber nach der Operation wird es ihr noch leid tun", da ist sich Mike ganz sicher. Gerade hat Monica ihm einen Korb gegeben, und als Grund vermutet der 21-Jährige aus Arizona sein Aussehen. Das lässt sich ändern. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Matt legt er sich unters Messer, beide wollen aussehen wie die Hollywood-Ikone Brad Pitt.

Einen guten Schnitt machen werden nicht nur die Ärzte, sondern auch die Sender: TV-Shows mit dem Thema Schönheits-Operationen feiern in Amerika zurzeit Quotenerfolge. Im vergangenen Jahr lief dort auf ABC die Sendung "Extreme Makeover", auf Fox ließen sich hässliche Entlein in der Show "The Swan" ummodeln. Eine weitere Verschiebung der Schamgrenzen in Richtung Unerträglichkeit? Die ultimative Grusel-Show mit Frankenstein-Faktor?

Weit gefehlt. In einer sehr knappen halben Stunde werden Matt und Mike vor, während und nach der VIP-OP beobachtet. Moralische Bedenken oder Tiefen-Psychologie erwartet das Fernseh-Publikum eh nicht, entsprechend beschränkt man sich in "I Want a Famous Face" darauf, die Brüder erzählen zu lassen, wie unglücklich sie mit ihrem Äußeren sind. Dann geht es auch schon zum Schönheitschirurgen Dr. Johnson, der den beiden erklärt, wem wie viele Implantate in Kiefer und Kinn eingebaut werden.

MTV-Girlie vor der OP: "Machen Sie das Beste aus Ihrem Typ"
MTV

MTV-Girlie vor der OP: "Machen Sie das Beste aus Ihrem Typ"

Zusätzlich springen die Zinken der Zwillinge über die Klinge. Und da eine Brudernase "vergleichsweise kleiner" ist als die andere, kostet der Spaß für den einen nur insgesamt 9800 statt 12.700 Dollar - strahlend weiße Zahnverblendungen, so genannte Veneers, nicht eingerechnet. Bilder von bluttriefenden Skalpellen und abgezogenen Gesichtshäuten werden dem Zuschauer bei MTV erspart, da hat man auf den deutschen Privatsendern schon Übleres gesehen. Zwei Schnitte weiter leiden Matt und Mike ein bisschen mit geschwollenen Visagen und verklebten Nasen - das war es auch schon.

So wird auf MTV eine moderne Version des Frauenzeitschriften-Formats "Machen Sie das Beste aus Ihrem Typ" präsentiert. Zumal in der Sendung dem Friseur, der modischen Beratung und der Visagistin beinahe genau so viel Zeit eingeräumt wird wie den Schönheits-Operationen. Alles harmlos, alles bereits Routine. Schon seit langer Zeit haben unsere Körper nur noch Produkt-Charakter, Attraktivität lässt sich kaufen, ob beim Hair-Stylisten oder beim Arzt - der Unterschied ist minimal.

Die Schmerzen der Selbstoptimierungsmühen kann man dem Körper nicht ansehen, Quälerei zeichnet sich nicht ein. Übrig bleiben Erfolg verheißende Symbole, die zur Schau gestellt werden. Die Materie ist Möglichkeit, die Form ist Erfüllung - das wusste schon Aristoteles.

Matt und Mike vor der OP: In Einzelteile zerlegt zwecks Vervollkommnung
MTV

Matt und Mike vor der OP: In Einzelteile zerlegt zwecks Vervollkommnung

Auch nicht neu: Die Segmentierung des Somatischen. Im Fitness-Studio trainieren die Menschen ihre Körper partiell. Frauen schinden sich in Bauch-Beine-Po-Kursen, Männer arbeiten auf ihren "Six-Pack-Bauch in zwei Wochen" hin. Vorbildfunktion hatten dabei seit jeher Prominente und Stars. Die Sendung "I Want a Famous Face" ist also nur die logische Konsequenz des in den Medien auf vielfältigste Weise proklamierten Slogans "Halle-Berrys Po - So kriegen sie ihn hin". Ganzheitlich war einmal, heute zerlegt sich der Mensch in Einzelteile, um sich zu vervollkommnen.

Doch halt, es kann auch etwas schief gehen. Zum Beispiel wie bei Chris aus Philadelphia. Er wollte aussehen wie Jungdarsteller Ryan Phillippe und ließ sich die Nase operieren. Sein Fehler: Er suchte sich den Schönheits-Chirurgen aus dem Branchenbuch heraus - flugs war die Nase krumm. Die Moral von der Geschicht': Gelbe Seiten? Lohnt sich nicht! Ein bisschen Mühe - und Geld - sollte man bei der Suche nach dem richtigen Schnitzer schon investieren. Die Frage nach dem Sinn der ganzen Prozedur kommt bei MTV allerdings nicht ins Programm. Im Gegenteil: Chris ist nach wie vor "voll depressiv und unsicher", wie er sagt.

Ganz im Gegensatz zu Matt und Mike. Kaum sind die Wunden verheilt und die Flüche verklungen, suchen die beiden jetzt schneidigen Burschen nach einem günstigen Schauspielkurs ("Hollywood, ich komme!") und befinden, sie seien total glücklich. "Ich sehe zwar nicht ganz aus wie er, aber ich bin zufrieden", so einer der Zwillinge. Stimmt, beide sehen zwar etwas gebügelter aus, aber beileibe nicht wie Brad Pitt. Doch egal: "Früher, als ich hässlich war, hatte ich nicht so viel Spaß", meint Matt.

Matt und Mike nach der OP: "Hollywood, ich komme!"
MTV

Matt und Mike nach der OP: "Hollywood, ich komme!"

Einziger Schnitzer im ansonsten glatt verlaufenden Kosmetik-Zirkus: Monica will noch immer nichts von Mike wissen. Zwar kommentiert sie seine fünf Implantate mit einem beeindruckten "Wow!", stellt aber fest, dass "Brad Pitt eben Brad Pitt sei." Ach so. Monica setzt hinzu: "Auch wenn er jetzt anders aussieht, an meinen Gefühlen hat sich nichts verändert."

Wie beruhigend. Die Moral ist am Ende doch wiederhergestellt, innere Werte zählen eben mehr. Fast so viel wie Quoten: Bei den deutschen Fernsehsendern wetzt man schon fleißig die Messer. RTL werkelt an einer deutschen Version von "Extreme Makeover", ProSieben erwarb bereits die Rechte an "The Swan".

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: