Luk Percevals "Schande" Die Bürde des Sexualtriebs

Regisseur Luk Perceval macht aus "Schande", dem berühmten Roman des südafrikanischen Nobelpreisträgers John M. Coetzee, an den Münchner Kammerspielen ein Tribunal. Auf der Anklagebank: der männliche Sexualnotstand.

Julian Röder

Oft sieht man den lebendigen Einzelmenschen unter lauter Puppen nicht während dieses Theaterabends in München, der angeblich von brutaler menschlicher Gewalt, von brennendem Schmerz und schwer beherrschbaren Trieben handelt und doch in einem Wald aus toten Figuren spielt. Tolle Darstellungskünstler wie Brigitte Hobmeier und Stephan Bissmeier nämlich irren in der Inszenierung von Luk Perceval in einer Rumpelkammer aus Schaufensterfiguren herum, in der auch ein paar Plastikhunde und ein Schrottauto abgestellt sind.

Der Regisseur Perceval hat sich den Roman "Schande" vorgenommen, ein finsteres Meisterwerk des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers John M. Coetzee. Das Buch aus dem Jahr 1999 erzählt die Täter- und Leidensgeschichte des weißen Professors David Lurie, der Anfang fünfzig ist, in Kapstadt was mit Kommunikation unterrichtet und plötzlich erfährt, wie sein Leben aus den Fugen gerät.

Erst stellt der Kopfmensch Lurie auch privat der Prostituierten nach, die ihm sonst auf penibel geregelter Geschäftsbasis sexuell zu Diensten ist. Die Frau sucht angewidert das Weite. Dann lässt sich Lurie mit einer jungen Studentin ein, fälscht Prüfungsergebnisse für sie, wird vom Freund des Mädchens bedroht und bei der Universitätsleitung angezeigt. Der geschasste Professor zieht zu seiner Tochter Lucy, einer Lesbe, die irgendwo in Südafrika auf dem Land lebt, kümmert sich mit ihr um kranke Tiere - und muss bei einem Überfall schwarzer Männer hilflos miterleben, wie Lucy von den drei Angreifern vergewaltigt wird.

Perceval beginnt, anders als der Autor Coetzee, mit der Verhandlung des Universitätstribunals, vor dem sich der kaum reumütige Professor Lurie, den der Schauspieler Bissmeier mit immerzu sonor tuckernder Dozentenstimme spielt, zu verantworten hat. Aus dem Parkett und von der Empore wird der Mann von weiblichen Anklägerinnen als ein weiterer Schuft in der jahrhundertealten Tradition maskuliner Sexualmachtausübung angeprangert, was er scheinbar kühl und arrogant über sich ergehen lässt. Er sei schuldig, ohne Zweifel, viel mehr als diesen Satz könne man von ihm nicht verlangen, sagt Bissmeier. Den Kopf trägt er emporgereckt zwischen den schmalen Schultern, die Wirbelsäule stramm durchgedrückt. Ein Mann, der bockig dem eigenen Untergang entgegensieht - und dem der Welt, für die er möglicherweise steht.

Grundbedingung allen Lebens: systematische Grausamkeit

Coetzees Roman ist ein knapp und kalt und klar erzähltes Gleichnis, das bei aller biblisch anmutenden Fixierung auf Sünde, Vergeltung und Vergebung peinigend genau ist in den grausamen Details der geschilderten Untaten und in der existentialistischen, absolut gottfernen Verlorenheit seines Helden. Das Buch erzählt vom Triumph über die Apartheidspolitik in Südafrika und dem Chaos des Neubeginns, von einem politischen Zustand der allgegenwärtigen Bedrohung, aber auch vom Elend und vom heraufdämmernden Ende der männerdominierten Sexualität überhaupt. So nennt die Jesusfigur Lucy, die ihre Vergewaltiger nicht anzeigt und weiter in Nachbarschaft mit ihnen leben will, den Sexualtrieb "eine Bürde, auf die wir ohne weiteres verzichten könnten".

Percevals Theaterinszenierung macht aus diesem wilden Stoff einen zwei Stunden langen Prozess. Statt eines Gerichtssaals sehen die Zuschauer allerdings eine Puppenparade. Die Bühnenbildnerin Katrin Brack, vielgelobt und berüchtigt für ihre stets spektakulären Einfälle, hat ein paar Dutzend lebensgroße, lebensechte Figuren - Frauen, Kinder und Männer mit dunkler Haut - im Bühnenraum verteilt, samt Plastikhunden und einem Autowrack. Offenbar soll hier eine Art von Aufbruch dargestellt werden, denkt man sich beim Anblick der Plastikmenschenhorde, natürlich hatte die Bühnenkünstlerin das moderne Südafrika nach der Apartheid im Sinn. Tatsächlich aber ist es reichlich mühsam, zwei Stunden lang zwischen leeren Schaufensterpuppenvisagen nach ein paar (oft großartigen) lebendigen Schauspielern Ausschau zu halten.

Der Belgier Perceval hat Coetzees Roman in Amsterdam vor zwei Jahren schon mal auf die Bühne gebracht, im Programmheft behauptet er, Mann ist Mann: "Wir alle sind von einer enormen Not nach Sex durchdrungen."

Sehr konzentriert und fast ohne theatrale Aktion lässt der Regisseur die Darsteller Bissmeier und Hobmeier (die hier mal dankenswerterweise keine Berserkerin, sondern nur die ziemlich unheilige, störrische Professorentochter spielen muss) den Fall von David und Lucy Lurie vortragen. Als wolle er sich verneigen vor der Kraft der literarischen Vorlage, beschränkt sich Perceval auf eine schöne, strenge Kunstübung: ein Gerichtskammerspiel, in dem nur die Beweisaufnahme zählt, weil es ein finales Urteil kaum je geben kann. Zentrales Thema der Verhandlung ist die Frage, warum wir in einer Welt leben müssen, in der eine "systematische Grausamkeit", so der Schriftsteller Coetzee, die Grundbedingung allen Lebens ist.


Schande. Münchner Kammerspiele, wieder am 28. Dezember sowie am 2., 12. und 21. Januar, www.muenchner-kammerspiele.de



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