Münchner Residenztheater "Black Rider" im Märchenwald

Regisseur Andreas Kriegenburg träumt sich eine eigene Version der Schauerballade "Black Rider", die er am Sonntag im Münchner Residenztheater erstmals aufführte.

Von Sven Rickleffs


Wilhelm, der Freischütz, ist ein Erbärmlicher. Von Beginn an wird er beherrscht von der senilen Macht seines halbverwesten Vaters im Rollstuhl, der noch immer geifernd sein Zepter schwingt. Ab und dann setzt sich Wilhelm mit dem Pflegebesteck den befreienden Schuss, um dem kafkaesken Spiel wenigstens für eine Weile zu entfliehen. Doch zu früh gefreut: Kaum entronnen, wirbelt's Wilhelm auch schon wieder durch die halluzinativen Wahnspirale einer deutschen Förstertragödie.

Spät kommt man in Andreas Kriegenburgs Inszenierung des "Black Rider" hinein in das Freischütz-Märchen von Freikugelguss und Probeschuss. Die romantische Waldgeschichte hat den Regisseur kaum interessiert, dafür umso mehr der Seelenverkauf und das Drogendelirium und damit jenen beiden Motive, die den Big-Old-Daddy der Beat-Generation William S. Burroughs durch die Welt und sein Werk getrieben haben. Und eben dieser William S. Burroughs lieferte vor 10 Jahren die Texte für Robert Wilsons und Tom Waits Musical "The Black Rider".

In der Rahmenhandlung der Münchner Inszenierung erscheint der vatergebeutelte Wilhelm nicht nur als einfacher Schreiber, sondern auch als Prototyp des Künstlers, der von der Vatergewalt in die Welt gewaltsamer Halluzinationen getrieben, prompt wahrhafter Täter werden soll: Jäger, Schütze, Ballermann. Allerdings baut sich dieser sein Gewehr aus der Krücke seines Vaters nebst Teilen der eigenen Schreibmaschine zusammen. Dass das Recyclinggewehr nicht trifft, ist gleich klar, da müssen schon Freikugeln her, die der schmierig-elegante Teufel in Gestalt von Natali Seelig großzügig ausgibt. Kassiert wird am Schluss, das ist auch hier nicht anders: "My bullets aren´t for free". Der Probeschuss ums Kätchen trifft daneben und damit genau in ihr Herz.

Nur kurz lässt Regisseur Andreas Kriegenburg seine Zuschauer im Glauben, er werde wirklich die glatte Nummernfolge des Orginal-Black-Riders präsentieren. Er bricht den Revuecharakter der erfolgreichen Vorlage nicht nur durch die hinzu erfundene Rahmenhandlung und die Verlagerung der Akzente, sondern auch, indem er die einzelnen Ohrwürmer von Tom Waits zerstört oder verhackstückt. Zugleich kommentiert er die Handlung mit seinem stark choreographierten Körpertheater, in dem nicht nur der arme Wilhelm sondern auch alle anderen immer wieder in deliriumhafte Zuckungen verfallen, begleitet von halluzinativen Projektionen auf den mit einem Plastikzelt ausgeschlagenen Bühnenraum.

Mit dem Black-Rider von 1990, der sich - bei aller Perfektion - nur noch dem Zuschauergeschmack anbiederte, sagt man, habe Robert Wilson seine Seele an das Entertainment verkauft. Andreas Kriegenburg hat im Münchner Residenztheater mit seiner überaus sperrigen, hier und da auch aus der Form laufenden Inszenierung dieses Original nicht einfach wieder aufgelegt, sondern es kommentiert. Das ist eine ebenso ungewöhnliche wie bemerkenswerte Qualität.



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