Mürrische deutsche Leitkultur Meister der Pampigkeit

Zu unserer Kultur zählt der Grobianismus. Das bisschen Höflichkeit, das wir an den Tag legen, haben vermutlich die Ausländer mitgebracht. Wir brauchen dringend mehr davon.

Eine Kolumne von


Eine Integrationskampagne für Ausländer, die vor ein paar Jahren im Kanton Zürich gestartet wurde, ist völlig an uns vorbeigegangen. Dabei war eines der zehn Plakate extra für Deutsche gemacht. Darauf stand:

"Sag doch statt 'Ich krieg dann mal!' lieber 'Bitte könnte ich vielleicht?' ".

So direkt äußern sich die höflichen Schweizer sonst selten. Aber offenbar hatten die Eidgenossen die Schnauze voll den hordenweise einfallenden, manierlosen Deutschen, die das freundliche Miteinander kaputt machen. Gegen den drohenden Sittenverfall plakatierten sie eine Aufforderung zu mehr Höflichkeit. Mit Recht.

Denn der Grobianismus gehört zu den Deutschen, wie der Zwerg in den Garten. Wir sind die Meister der Pampigkeit! Wir sind Rüpel by nature. Unsere unterkühlte Unhöflichkeit ist weltberühmt und für die meisten Ausländer erschütternd.

Weil wir das wissen, aber nicht wahrhaben wollen, erfinden wir Euphemismen wie "spröder Charme" oder "raue Herzlichkeit". Wortkombinationen, die sich widersprechen, aber gut klingen. Denn unsere mangelnde Tischzucht will einfach nicht zu unserem Selbstbild passen. Schließlich sind wir die Vorreiter der Zivilisation.

Manche denken auch, die Unhöflichkeit unserer Zeit ist vor allem den anonymen Auseinandersetzungen im Internet geschuldet. Ich bin oft schockiert, in welchem Ton mich wildfremde Leute in den sozialen Medien angehen. Aber das Internet ist nicht die Erklärung für unsere Unverschämtheit. Dort spitzt sich nur zu, was wir aus dem Alltag kennen.

Importierte Manieren

Ich komme aus Nürnberg - und wir Franken haben den "spröden Charme" erfunden. Lob, das auf Englisch mit einem frenetischen Amazing! Fantastic! oder Splendid! daher käme, heißt bei uns: "Basst scho". Oder bei den Schwaben: "Net gschimpft isch gnug globt."

Auch die Ansagen auf Schildern sind bei uns oft zu direkt. Da steht: "Rauchen verboten!" Oder "Ausweis bereit halten!" Dass diese Form der Kommunikation kein Naturgesetz ist, habe ich erfahren, als ich mal in Frankfurt am Main war. Da stand in der U-Bahn: "Bitte beachten Sie, dass das Rauchen hier nicht gestattet ist." Krass. Mit "Bitte" und ohne "verboten!"

Ich habe da eine These. Die Frankfurter sind so nett, weil sie international geprägt sind - nicht erst durch die Bankenszene. Schon im Mittelalter war die Stadt am Main ein weltweites Handelszentrum. Die Höflichkeit könnte von den Ausländern über den Hafen importiert worden sein. So wie in Hamburg und den wenigen anderen Anstandsinseln in Deutschland.

Diesen interkulturellen Austausch haben wir für ganz Deutschland irgendwie verpasst. Die beiden größten Einwanderergruppen sind Türken und Polen. Von denen könnte man viel in Sachen Höflichkeit und Gastfreundschaft lernen. Wer schon mal in der Türkei oder in Polen war, weiß das. Trotzdem schwadronieren unsere Politiker immer noch davon, dass sich Migranten der deutschen Kultur anpassen sollen. Wollen wir das wirklich? Dann müssten wir ihnen in Integrationskursen zum Beispiel das hier beibringen:

  • Wir Deutschen sind direkt, komm auf den Punkt!
    Lektion eins: Höfliche Floskeln könnt ihr euch in Deutschland sparen. Wir reden Klartext, auch im Alltag. Wir klingeln durch und sagen "Hallo, ich rufe an, weil ich Dies-und-das von dir brauche". Dein Gegenüber wird sich nicht wundern. Unsere Effizienz kommt halt nicht von ungefähr.

Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, welchen interkulturellen Spagat ich als Turko-Deutsche hinlegen muss. Ich spreche akzentfrei Türkisch, aber inhaltlich wie eine Deutsche. Jedes Mal, wenn ich mit Türken telefoniere, muss ich mir vornehmen, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern zu fragen: Wie geht es dir? Was machen die Kinder? Wenn ich den ungeübten Smalltalk hinter mich gebracht habe, kommt der zweite Teil, der mir noch fremder ist: Man muss das, was man will, durch die Blume, ja sogar durch einen ganzen Blumenstrauß sagen. Deswegen telefonieren Türken ständig: weil es so lange dauert.

Weil ich diese blumige Mundart nicht beherrsche, bezeichnet mich meine Verwandtschaft in der Türkei öfter mal als "eingedeutscht" - eine höfliche Umschreibung für "rüpelhaft".

  • Sei nicht so gastfreundlich!
    Lektion zwei zur Anpassung in Deutschland: Ladet nur engste Freunde zu euch ein und bekocht sie nicht aufwendig! Deutsche stellen maximal Kaffee und Kekse hin.

In der Türkei sind Einladungen nach Hause Teil des Smalltalks. "Wann kommst du uns endlich besuchen?" sagt man so ziemlich zu jedem, etwa zwanzig Mal am Tag. Und weil die Deutschen diese Höflichkeitsfloskel nicht kannten, sind sie am Anfang tatsächlich bei ihren türkischen Gastarbeiter-Bekannten eingekehrt. Die arme Gastgeberin musste dann nach türkischem Brauch zwei Tage vorher anfangen zu kochen. Mindestens drei Gänge, danach Tee und Baklava und am Ende Melone. Soll niemand sagen, man hätte seine Gäste nicht gut bewirtet. Die Deutschen gingen jedes Mal überfressen und verstört nach Hause, luden aber nie zu sich ein.

Klar, in Deutschland gilt schon als gastfreundlich, wer an der Tür "Na dann komm mal rein!" stöhnt - und nicht sagt: "du, sorry, das passt mir gerade nicht". Nein, Gastfreundschaft ist wirklich keine deutsche Tugend. Wie sonst soll man verstehen, dass Menschen als "Gast-Arbeiter" bezeichnet wurden, die die Drecksarbeit gemacht haben? "Gast" bedeutete hier, dass die Leute wieder gehen sollten.

Knigge allein reicht nicht

Die Deutschen brauchten erst eine gedruckte Anleitung, um Höflichkeit in Betracht zu ziehen. Wider die schlechte Kinderstube erfand hier vor 230 Jahren der deutsche Aufklärer Adolph Freiherr Knigge die Anstandsliteratur. Der weltberühmte Benimm-dich-Kanon ("Über den Umgang mit Menschen") blieb aber nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Machen wir uns nichts vor: Pampigkeit gehört bis heute zu unserer Leitkultur.

Offenbar brauchen wir Deutschen erst einen triftigen Grund, um uns manierlich zu benehmen. Die Frauenzeitschrift "Brigitte" versuchte es vor Kurzem mit einem Hinweis auf Studien, die besagen: "wer freundlich ist, hat ein besseres Leben" und lieferte fünf simple Tipps zum Üben. Ich werd's versuchen.

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Seite 1
charly05061945 20.10.2018
1. Wo lebt Frau Ataman?
Die Eindrücke von Frau Ataman kann ich nicht bestätigen. In meinem Umfeld (norddeutsche Kleinstadt) verhalten sich fast alle Menschen (egal ob beim Einkauf, öffentlichen Verkehrsmitteln, Behörden, Arztpraxn etc.) durchaus höflich.
twister13 20.10.2018
2. Fraglich
Manchmal frage ich mich wirklich warum soviele Menschen aus anderen Ländern nach D kommen oder hier bleiben wollen. Glaubt man den Kommentaren ist hier ja wirklich alles furchtbar und das bisschen Höflichkeit das D besitzt kommt auch noch von draussen. Irgendwo ausserhalb von D muss ja das Paradies liegen. (Gast) Freundlich, höflich, effizient und gerecht. Komisch nur dass es noch keiner gefunden hat und anstatt dessen lieber hier ausharren. Vollommen unverständlich, wirklich.
Lykanthrop_ 20.10.2018
3.
Ich mag die direkte Art, da weiß man wo man dran ist. Nett gesagt ist noch lange nicht nett gemeint. Frankfurter und Hamburger sind besonders frundlich ? Vielleicht auch die Wiener, als Zentrum eines ehemaligen viel Völker- Staats ? Die These halte ich für gewagt. ;)
pklauss 20.10.2018
4. Beginne den Tag mit einem Lächeln...
...dann hast du es hinter dir.
sondevida 20.10.2018
5. danke dafür,
da fuehl ich mich mit meinem eindruck nicht allein. nach 14 jahren in GB bin ich seit drei jahren wieder in D. und fand es oft nur schockierend. anfangs ist mir die kinnlade runter wie leute ohne hallo, wie geht's etc vor einen treten. aber noch schlimmer ist die negativitaet vor allem im job. alles wird schlecht geredet, stress herbei geredet und jeder beaeugt. nun geht es fuer mich erst mal wieder weg. hoffentlich fuer laenger. ich freu mich schon auf die erleichterung der dunklen schwere, direktheit und unhoeflichkeit hier zu entgehen.
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