Ratlose Journalisten fragen Was machen unsere Künstler?

Der Vorwurf ist alt und wird regelmäßig wiederholt: Künstlern fehle es an Haltung zu politischen Themen. Aber ist politische Positionierung überhaupt ihre Aufgabe?

Eine Kolumne von


KünstlerInnen sind nicht mehr politisch stand in der NZZ. Oder auch: Seit Böll tote Hose. Oh, den habe ich aber lange nicht mehr gehört.

Es ist gleichsam, wie einen totgeglaubten Verwandten unter einem Mülleimer zu finden. Gut - mögen Sie, in Deutschland wohnend, gähnen, bei uns sieht das komplett anders aus, wir haben Grass - und dann fällt ihnen ein, dass Grass ...

Nun ja, vergessen wir die traurige Nachricht seines Todes, und lassen Sie uns die Aussage des Artikels, der stellvertretend für periodisch wiederkehrende Mahnworte steht, einmal untersuchen. Auf den ersten Blick könnte ich versucht sein, dem Journalisten mit dem Finger zu drohen und zu raunen: Na na, Journalist, du willst uns wohl deine Arbeit zuschieben. Ist es nicht an dir und deinen Kolleginnen, intelligente Artikel zur Lage der Nation zu veröffentlichen, Constantin Seibt schafft das doch ganz brillant.

KünstlerInnen sollen tun, was sie am besten können

Und ist es nicht auch so, dass wir täglich kaum mehr etwas anderes in Zeitungen finden als Meinungen, Kommentare, Statements, Untersuchungen zur Lage der Welt. Braucht es da wirklich noch Aufsätze von Menschen auf die zum einen sowieso keiner hört, denn wie viele Menschen nehmen schon Künstler als relevante Meinungsbildender ernst? Und zum anderen: welche Künstler genau sollen denn die journalistische Arbeit übernehmend, die Zeitungen füllen? MalerInnen? BalletttänzerInnen, Bildhauerinnen? Oder gilt der Vorwurf nur AutorInnen, weil die schreiben ja eh, da macht es ja nichts mehr aus, wenn sie den Job von Journalisten schnell auch noch erledigen?

Ist es nicht vielleicht so, dass KünstlerInnen das tun sollten, was sie im besten Fall können - Kunst machen, und damit die überschaubare Menge an Menschen, die sich für Kunst interessieren, mit Ideen zu versorgen? Ist es nicht tausendmal interessanter, den Kopf ein wenig anzustrengen und ein Kunstwerk auf seine politische Relevanz zu überprüfen, als so ein Textchen zu lesen?

Weiten wir den Vorwurf auf die deutschsprachigen Länder aus: Dann bedeutet es nicht mehr, als dass dieser unglaublich langweilige Vorwurf, dass KünstlerInnen sich nicht politisch äußern, in einer Zeitung, die mit dem Erscheinen bereits überholt ist, von Menschen kommen muss, die nie ein Stück von Rimini Protokoll sahen, oder vielleicht sogar eines von mir (soviel gekränkte Eitelkeit muss sein). Die "Chrieg" im Kino verpasst haben, die Ausstellungen Iranischer Künstler in der Kunsthalle Zürich. Denen es nicht gegeben ist, in der Arbeit eines Hirschhorn eine politische Mitteilung zu lesen. (Für kommende deutsche Mahner die Namen einfach durch Yael Ronen, Jelinek (die wohnt da), das gesamte Maxim Gorki Theater usw. ersetzen). Zugegeben erfordert es etwas Mühe, Politisches in der Kunst zu lesen, und es ist einfacher, sie in einem Artikel serviert zu bekommen.

Ein tiefes Unverständnis von Kunst

Was ich bei dem Schrei nach dem politischen Aufsatz von KünstlerInnen nie ganz begreife - was soll sie dazu befähigen, unglaublich fundierte Analysen zum Zeitgeschehen abzugeben? Weil sie denken? Warum wird der Ruf nach politischen Statements von IT Ingenieuren nicht lauter, von Neurolinguisten? Rennfahrern?

Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei der Periodik der des "Künstler sind unpolitisch"-Vorwurfs, um als mahnendes Moment getarnte Abneigung gegen KünstlerInnen handelt, oder ein tiefes Unverständnis von Kunst dem Ganzen zu Grunde liegt. Oder ist es einfach nur einfallsloser, langweiliger Bullshit?

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
laschnippel 13.08.2016
1. Ruf nach Führung
Vermutlich ist die Hierarchie der Wortschaffenden, "Künstler" und danach kommt lange nichts und dann irgendwann der Journalist als Putzerfisch. Letztlich ist es ein Schrei nach Führung in verwirrenden Zeiten, in denen die alten erlernten Mechanismen nicht mehr grefen. Frau Berg, erzählen sie irgendeinen politischen, wohlfeilen Quatsch, dann sind die Leute glücklich.
ich_bin_der_martin 13.08.2016
2. weder - noch
Politische Standpunkte sind weder Künstlern noch Journalisten zuträglich. Privat dürfen, ja sollen sie sogar positioniert sein. Wer dies jedoch im Beruf versucht,wird sich aufreiben bzw an Zustimmung verlieren. Ich zum Beispiel höre Heino gerne singen mag jedoch seine (und jetzt rede ich von damals) rechte Gesinnung nicht. Deßhalb kann ich im Freundeskreis nicht von ihm reden und/oder schwärmen ohne mich selbst zu schädigen. Denn jeder weiß das Politik und Religion in Kneipen und Freundeskreis nichts zu suchen haben. Daraus entsteht nur Streit. Fazit: der Künstler,der bereits genug Erfolg gehabt zu haben meint, mag sich offenbaren. Wenn man jedoch Kunstum der Kunst willen macht, ist man eigendlich beschäftigt und erfüllt genug... Absurd: Ich mag auch das Lied der böhsen Onkelz "Auf gute Freunde" Denn Freunde machen das Leben wertvoll ;)
qex 13.08.2016
3. Sibylle
Ich will ein Kind von dir. Aber das Künstler , künstlerisch wertvolle Kunst machen können und dazu auch noch das ein oder andere politische Statement abgeben , fände ich auch gut (z.b Guernica - Picasso ). Kunst sollte nicht politisiert werden, aber sollte Kunst im besten Fall ein Spiegel unserer Zeit sein. Man kann einen Künstler nicht unabhängig oder isoliert von der Welt betrachten , das ist auch nicht möglich.
air plane 13.08.2016
4.
"Künstlern fehle es an Haltung zu politischen Themen. Aber ist politische Positionierung überhaupt ihre Aufgabe?" Hmmm, in der DDR war es so, also müsste es hier ja auch so sein. Aber was, wenn ein Künstler eine andere (als die einzig richtige, die die Journalisten ja im Sinne haben) Position einnähme? Zur Zeit könnte er dann wohl einpacken ...
musorki 13.08.2016
5. schon dem geheimrat...
...goethe wird der satz zugesprochen „male künstler, rede nicht” insofern ist die frage doch schon geklärt. schriftsteller und anderes schreibendes volk (bitte nicht persönlich nehmen oder einem rassistischen hintergrund zuordnen) sind per se keine künstler. künstler, die ihre kunst dem politischen unterordnen, sollten dann doch lieber gleich in die politik gehen. aber der alte werbetexter spruch ist immer noch wahr „wer schreibt, der bleibt” (im sinne von existenzberechtigung). so gesehen der letzte seufer: mehr licht!
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