Als Ausländer in Bollywood Bin Elitesoldat, kriege 6,42 Euro pro Schicht

Wer sich mal wie ein Kinostar fühlen will, sollte es in Bollywood versuchen, wo Touristen gute Chancen auf Top-Statistenjobs haben. Doch die Realität für westliche Gastarbeiter in der indischen Traumfabrik ist hart.

Anne Backhaus

Von Anne Backhaus


Zwei Monate Indien, allein, als Frau. Schlimmer noch: als Journalistin. In Goa haben alle gekifft, und ich schrieb gewissenhaft Artikel. In Kalkutta drohte man mir mit Vergewaltigung, und ich fragte, ob ich zitieren dürfe. In Chennai filmte ich eine politische Kundgebung und einheimische Reporter belehrten mich, dass Frauen gar nicht filmen können.

Und dann kam die Nacht, in der ich nicht auf Osama Bin Laden schießen durfte.

Ein überfüllter Markt im Touristenviertel Colaba in Mumbai, wenige Stunden zuvor. Ein wildfremder Mann spricht mich an, er überzeugt mich, ihn nach Bollywood zu begleiten. Er verspricht mir eine Filmrolle. Keine Sorge, ich bin sehr vorsichtig und sage erst zu, als er mir versichert, dass sechs weitere wildfremde Männer mitkämen. Mit ihnen soll ich das Schlafzimmer von Osama Bin Laden stürmen, als US-Navy Seal.

Imran Giles, ein kleiner, rundlicher Mann Mitte 30, ist Agent. Auf seiner Visitenkarte ist zu lesen: "Casting Stars. Agentur für ausländische Models". Imran gibt sich viel Mühe beim Lächeln, er will, dass ich ihm vertraue. Denn Imran ist verzweifelt. Seit Stunden fahndet er nach Ausländern. "Mai, Juni und Juli sind harte Monate", sagt Imran.

Urlauber scheuen den Monsunregen, Touristen sind derzeit rar. Imran braucht aber Ausländer, jeden Tag - für Bollywood-Filme, in denen Nicht-Inder als Statisten sehr gefragt sind. Er lebt von einem Irrglauben. "Weißt du", sagt Imran, "Inder denken sofort, dass ein Film besonders wertvoll und teuer ist, wenn Weiße mitspielen." Imran sagt auch: "Du bist eine Notlösung." Mein Haar ist kurz, kürzer als das vieler Männer. Imran ist sich sicher: Ich gehe in Bollywood als Mann durch.

Ich halte nicht viel von Bollywood-Filmen. Da hüpfen Männer singend über Wiesen, auf ihre Geliebte zu und um sie herum. Über diese Zuwendung freut sich die Geliebte und besingt ihre Zuneigung zu dem Hüpfer. Aber für das indische Volk Osama umnieten, hätten Sie da nein gesagt?

Dreh im Leoparden-Land

Wenn ich ehrlich bin, habe ich sogar sehr viel in Kauf genommen. Nicht so viel wie meine männlichen Begleiter, doch dazu später mehr. Ich stimme einem Honorar von 500 Rupien (circa 6,42 Euro) für eine Arbeitsschicht von fünf Uhr nachmittags bis fünf Uhr morgens zu und quetsche mich zwischen zwei Australier auf die Rückbank eines Taxis. Aristo und Dante hat Imran ebenfalls auf dem Markt gecastet.

Eigentlich wollte der eine schweigen, der andere surfen - Dante hat seinen Klosteraufenthalt für Bollywood verschoben, Aristo seine Suche nach hohen Wellen. Die zweistündige Fahrt durch den zähen Verkehr ist beschwerlich. Dante verlangt von den Männern, die uns an Ampeln Haschisch anbieten, Crystal Meth. Ein Scherz, der zu konfusen Diskussionen am halbgeöffneten Taxifenster führt. Aristo aktualisiert derweil seinen Facebook-Status: "Indien ist verrückt. Bin ein US-Navy Seal in nem Bollywood-Film!" Seine Kumpels schreiben "Dude!" oder "Fucking crazy" darunter. Ich erinnere mich plötzlich wieder daran, warum ich in keinem Backpacker-Hotel wohne, aber ich habe vergessen, was mich in dieses Taxi gebracht hat. Ach ja, Osama. Bollywood!

Unser Film "Tera Bin Laden" (ein Hindi-Wortspiel, grob übersetzt: "Ohne dich, Bin Laden") ist der zweite Teil eines Blockbusters und wird in "Film City", dem größten Studiogelände Mumbais, gedreht. Zu beiden Seiten des Haupttors riegelt ein sehr hoher Zaun das Areal ab. Der soll Eindringlinge ab- und Ausbrecher aufhalten. "Film City" beherbergt nämlich nicht nur Bollywood-Stars, sondern teilweise auch den Nationalpark Sanjay Gandhi, in dem Leoparden leben. Tagsüber, so erfahren wir weiter, verhalten sich die Tiere meist ruhig. Nun dämmert es aber und wir dürfen das Auto nicht verlassen. "Heavy Shit", sagt Aristo. Dante versucht sich am Knie zu kratzen, doch dafür ist es zu eng. Meine Beine sind taub. Nach fünf Sicherheitsabsperrungen, an denen jeweils drei bewaffnete Männer unsere Pässe kontrollieren und unser Fahrer immer wieder sehr nervös wird, erreichen wir das Set.

Der Monsun hat den Hügel aufgeweicht, auf dem das Haus von Bin Laden steht. Unsere Füße sind nach wenigen Schritten schwer vom Matsch. Während sich alle Ausländer darauf konzentrieren, nicht auszurutschen, deuten Crew-Mitglieder auf das Gebäude und rufen: "We built this! It looks like in the Internet!" Osamas Heim in Abbottabad nachgebaut - so wie man's aus dem Netz kennt. Die Inder hoffen auf Lob, die ausländische Truppe auf Alkohol; ein Amerikaner fragt nach Bier. Es gibt kein Bier in Bollywood.

"Ich mag dein Haar"

Imran bringt uns in einen Wohnwagen, in dem wir warten sollen. Wir warten. Nach einer halben Stunde und einer Vorstellungsrunde (drei Australier, zwei Dänen, ein Amerikaner und die Deutsche) versuche ich von innen die Tür zu öffnen. Geht nicht. Aristo kriegt sie auch nicht auf. Die Stimmung sinkt. Sie wird nicht besser, als ein Filmassistent unsere Uniformen bringt und den Männern Rasierer reicht. Alle Bärte müssen ab. Stille.

Was opfern Menschen für eine Statistenrolle in Bollywood? Für 6,42 Euro Honorar? "Ich trage ihn seit zehn Jahren", sagt Sam, der dritte Australier. Er starrt auf die Rasiercreme und liebkost mit beiden Händen seinen Vollbart. Dante streichelt gedankenverloren seinen Schnäuzer. Ich schlüpfe in die übergroße Uniform. Sie stinkt, aber das ist egal. Die Männer entscheiden sich geschlossen zur Rasur. Indien ist ja ein Ort der Veränderung, der Selbstfindung, hier muss man sich frei machen, notfalls auch von Bärten. Bollywood!

Imran schickt alle in die Maske. Nur nicht mich. Der Casting-Agent sagt: "Wir haben ein Problem". Er bittet mich in seinen Hyundai mit Aircondition und Plastikschonbezügen. Mir ist kalt, und ich versuche zu sitzen ohne zu knistern. "Du bist kein Mann," sagt Imran. "Ich habe damit kein Problem. Der Regisseur schon." Ich knistere verständnislos. Wie jetzt? Wo ist der Regisseur? Imran sagt nur: "Ich mag dein Haar." Ich steige aus.

Vorbei. Ich darf keine schusssichere Weste tragen, keine schweren Stiefel. Ich darf nicht in Bin Ladens Schlafzimmer. Ich darf keine Schnellschusswaffe aussuchen! Imran schaut mir ins Gesicht, er wird nervös. Er ist seit zehn Jahren im Geschäft, ein Profi, er will das jetzt beweisen. "Ich zeige dir trotzdem alles!", ruft er. Ich nicke, bewusst unfreundlich. Die anderen Ausländer gehen ins Waffenlager. Ich trotte hinterher.

Osama mit schwarzem Bart

Auf dem Weg redet ein Aufnahmeassistent auf mich ein. Er verspricht mir "secret information", anonym. Meine Laune bessert sich minimal. Wir kämpfen uns den Matschhügel zu Bin Ladens Anwesen empor. Es ist dunkel, wir müssen uns beeilen, wegen der Leoparden. An Osamas Hausmauer stoppt der Assistent und erklärt mit Verschwörermine, dass der Regisseur kein guter Regisseur sei. Hier würde nicht ordentlich gearbeitet. Er ließe viele Ausländer kommen, sehr lange warten und schicke sie dann einfach weg. Ein wilder Krebs schiebt sich aus dem Matsch und beißt in meinen Schuh.

Imran telefoniert. Er ordert einen Albino ans Set, der mich ersetzen soll. Indische Albinos sind gefragt in Bollywood. "Oft nehmen wir auch Männer mit Hautkrankheiten oder Pigmentstörungen, einige bleichen sich extra", sagt Imran. Ich trete nach dem Krebs.

Es beginnt zu regnen. Imran fragt, ob ich auf die anderen warten oder mit ihm in die Stadt fahren wolle. Ich habe die Schonbezüge vergessen . "Ich komme mit", sage ich. Osamas Schlafzimmer will ich aber vorher noch sehen. Das ist nicht erlaubt, aber ich darf dennoch - zu groß die Scham des Agenten. Über eine wackelige Holztreppe erreichen wir das erste Stockwerk. Hier drängeln sich Schauspieler, Assistenten, Kulissenbauer, Kameraleute. "Das ist Indien!", sagt Imran. "In Amerika wären zwölf Personen am Set und die Szene in zwei Stunden abgedreht. Hier sind 200 Leute und der Dreh dauert bis in den späten Morgen."

Dann erspäht mich der Regisseur und verlangt, dass ich das Gebäude verlasse. Aristo und Dante, frisch rasiert und in Uniform, salutieren zu meinem Abschied. Auf dem Weg nach draußen treffe ich Osama. Er deutet auf seinen langen, schwarzen Bart. "Der wird später weiß angesprüht", erklärt er. Dann lächelt Osama und sagt: "Ich mag dein Haar." Es ist wirklich Zeit zu gehen.

Am nächsten Tag tut Imran in Colaba das, was er jeden Tag tut. Er steht auf der Straße und sucht Ausländer. Sam schreibt mir per SMS, dass die Truppe bis 13 Uhr mittags am Set war. Er hat es als Einziger in den Film geschafft, die anderen haben dem Regisseur dann auch nicht mehr gefallen. Der rasierte Dante ist verstummt, auch ohne Kloster - zu groß war sein sinnloses Opfer. Und die Szene von gestern wird in dieser Nacht noch einmal gedreht. Imran spricht einen Touristen an: "Hey, hast du Lust in einem Bollywood-Film mitzuspielen?" Der Depp nickt.



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