Munch-Gemälde "Vampir" nach 70 Jahren aufgetaucht

Jahrzehnte hatte ihn niemand gesehen, jetzt kam er wieder ans Tageslicht: Edvard Munchs "Vampir" von 1894 ist in New York aufgetaucht - und soll nun versteigert werden. Für das Meisterwerk wird ein Rekordpreis erwartet.


London/New York - Sein "Schrei" ist weltbekannt, sein "Vampir" blieb lange verborgen: Jetzt ist Edvard Munchs Gemälde von 1894 wieder aufgetaucht. Wie der "Independent" exklusiv berichtete, hat ein privater Sammler das Werk nach nunmehr 70 Jahren zur Auktion ausgeschrieben.

Munchs "Vampir" gilt als eines der meistkopierten und meistbegehrten Bilder der europäischen Kunstszene - das Gemälde zeigt im Original einen Mann in der tödlichen Umarmung einer rothaarigen Vampirdame.

Munch hatte das Werk 1894 zunächst "Liebe und Schmerz" genannt. Es ist, laut "Independent", Teil einer 20-teiligen Serie namens "Der Fries des Lebens", zu der auch Munchs expressionistisches Meisterwerk "Der Schrei" gehört. Insgesamt hatte der norwegische Künstler zwischen 1893 und 1894 vier Vampire vollendet. Als die Werke 1902 erstmals in Berlin gezeigt wurden, war die öffentliche Aufregung groß.

Viel wurde daraufhin spekuliert, was Munch zu seinem "Vampir" inspiriert haben könnte. Wie der "Independent" berichtete, könnte der Maler damit Bezug auf seinen gesellschaftlich verpönten Besuch bei Prostituierten genommen haben. Andere Kritiker wiederum hätten das Werk als makabere Phantasie über den Tod von Munchs Lieblingsschwester gedeutet.

Munch selbst hatte stets darauf bestanden, dass sein Bild nichts anderes zeige als eine Frau, die den Nacken eines Mannes küsst. Der "Vampir" wurde später unter den Nationalsozialisten zur entarteten Kunst erklärt.

Nach Angaben des "Independent" wird Sotheby's in New York das Bild versteigern. Das Auktionshaus rechne mit einem Verkaufspreis von etwa 35 Millionen US-Dollar - damit läge der "Vampir" den Angaben zufolge über der bisherigen Höchstmarke für ein Munch-Gemälde von 31 Millionen US-Dollar.

Der "Vampir" war 1903 an den Munch-Sammler John Anker verkauft worden und 1934 in eine private Sammlung übergegangen. Dort verblieb das Bild in den folgenden Jahrzehnten - erst im letzten Jahr war das Bild an das Metropolitan Museum of Art in New York verliehen worden. Es ist nach Angaben des "Independent" das einzige Bild der "Fries"-Serie, das sich stets in Privatbesitz befand.

Simon Shaw, bei Sotheby's verantwortlich für impressionistische und moderne Kunst, bezeichnete den "Vampir" gegenüber dem "Independent" als "wahres Meisterwerk". Mit dem Gemälde sei es Munch gelungen, zur Jahrhundertwende an reale Ängste zu rühren, etwa vor der Emanzipation der Frau. Der "Vampir" hätte auch heute nichts von seiner schockierenden Wirkung verloren, sagte Shaw.

Der "Vampir" wird zunächst vom 2. bis zum 7. Oktober in London und danach in Moskau zu sehen sein. Die Auktion in New York ist, laut "Independent", für den 3. November angesetzt.

ber



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