Museum am Quai Branly Chiracs metallischer Dinosaurier

Spektakulär, aber bescheiden. Mit dem neuen Museum für Stammeskunst am Quai Branly eröffnete der französische Präsident Jacques Chirac heute sein architektonisches Vermächtnis. Jean Nouvels High-Tech-Bau ist der seit Jahren innovativste Neubau von Paris.

Von , Paris


Eine Landungsbrücke aus schräg gestellten Stahlstreben, ein futuristischer Flugzeugträger in rostigem Braun oder ein metallischer Dinosaurier, gekrönt von einem zyklopischen Facettenauge?

Der 220 Meter lange Komplex des Musée du quai Branly kommt als architektonische Quersumme solcher Vergleiche daher und entzieht sich damit einer schlichten Deutung. Sicher ist nur: Der "schwebende Safe" ("Le Figaro") ist der seit Jahren innovativste Ausstellungsneubau der französischen Hauptstadt.

Am südlichen Seineufer, im urbanen Schnittpunkt zwischen der Eisenarchitektur von Grand Palais und Eiffelturm, zitiert die verschachtelte Anlage das historische Material der Pariser Symbolbauten und schafft zudem eine avantgardistische Bühne für mehr als 300.000 Exponate – das Museum der "arts premiers" vereint zwei der wichtigsten Sammlungen für die Kunst der Urvölker aus Afrika, Asien, Ozeanien, Nord- und Südamerika.

Angeschoben wurde das Renommier-Projekt 1995 - von Präsident Jacques Chirac. "Mit diesem Museum wird Frankreich seine Beziehungen zur nicht-europäischen Welt verbessern", tönte der Staatschef damals, der seine ästhetischen Vorlieben für Asiatica hinter politischer Zweckmäßigkeit verbargt: "Dieses Museum ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit." Heute Mittag eröffnete er den Neubau in Anwesenheit von Uno-Generalsekretär Kofi Annan in einem festlichen Akt.

Präsidialer Schirmherr der Künste

Auch für Chirac ist das "Branly" eine Notwendigkeit - denn der Staatschef steht mit dem Monument ganz in der würdigen Tradition seiner Vorgänger. So wie sich seinerzeit Georges Pompidou, mitten im Pariser Marais, mit der nach ihm benannten Ausstellungsmaschine verewigte und Francois Mitterand mit der Nationalbibliothek, der Louvre-Pyramide oder Bastille-Oper den Regierungsstil monarchischer Bauherrn pflegte, will auch Chirac mit dem "großen Werk" am Quai Branly als präsidialer Schirmherr der Künste seine zweite Amtszeit beenden.

Nach elf Jahren Bauzeit, vier Premier-, fünf Kulturministern und Kosten von 231,5 Millionen Euro wird das Museum am kommenden Wochenende für das Publikum geöffnet. Es soll kein Guckkasten für exotische Folklore sein, sondern 36.000 Quadratmeter Ausstellungsraum, Begegnungsstätte und ambitionierter Platz für Forschung und Lehre: "Das einzige Stück Gegenwartsarchitektur von Interesse in einer Hauptstadt, die vom Mut verlassen ist", lobt das Magazin "Paris Match" die High-Tech-Galerie.

Als einen "Sakralbau für mysteriöse Objekte, Träger geheimer Überzeugungen, Zeugen zugleich alter, wie lebendiger Zivilisationen", hatte Jean Nouvel 1999 seinen Entwurf beschrieben; er versprach einen "Ort gekennzeichnet durch die Symbole des Waldes, des Flusses und die Obsessionen von Tod und Vergessen".

Der Stararchitekt, der unter anderem das Pariser Institut du Monde Arabe baute, die Galeries Lafayette in Berlin und das Guggenheim-Museum in Tokio, hat Wort gehalten: Die Anlage folgt dem leichten Radius des Seinebogens, ebenso wie die Glas-Palisade, die das zwei Hektar große Areal vom Lärm der Uferstrasse abschirmt. Organisch eingebettet in eine mäandernde Landschaft, versteckt Nouvel seine optischen Provokationen hinter einem "heiligen Wald" aus 180 Bäumen – zur Seine hin Ahorn und Eiche, zur parallel laufenden Rue de l'Université Kirschen und Magnolien. "Es wird das erste öffentliche Gebäude sein", so Nouvel, "dass man von außen nicht oder nur wenig sehen wird."

Auf Höhe der Nachbarschaft

Spektakulär, aber bescheiden: Mit 21 Metern auf Höhe der Nachbarhäuser, besetzt das Museum nicht einmal ein Drittel des vorhandenen Areals – der überwiegende Teil, bleibt als Park Bürgern und Besuchern frei zugänglich; die nötigen Flächen für Werkstätten, Archive und Magazine wurden in die Untergeschosse verbannt. Und als Verbeugung vor dem großen Städtebauer Haussmann, hat Architekt Nouvel seine vier grundverschiedenen Baukörper den Giebelseiten der großbürgerlichen Nachbarhäuser angedockt.

Direkt am Seineufer steht der Verwaltungsbau in einer von Vegetation überzogenen Verkleidung: Es ist eine tropisch-grüne, tropfende Fassade, überwuchert aus einem dichten Pelz 180 verschiedener Pflanzenarten – ein patentierter hängender Garten auf Polyamidfilz.

Dahinter folgt, durch luftige Gangways mit dem Bürotrakt verbunden, das Medien-Zentrum: Vertikale Metall-Läden, die auf roten, Samurai-Schwerter ähnelnden Schienen laufen, begrenzen den Lichteinfall des Hinterhauses, in dem die Bibliothek (180.000 Bände) die Photo- und Musik-Sammlung untergebracht sind. Zur Parallelstraße abgeschlossen wird das Gelände durch das schlichte Universitätsgebäude. Seine Signaturen sind, durch die Glasfassade erkennbar, schwarz-weiße Ornamente - Deckengemälde, gestaltet von acht Künstlern, Ureinwohnern aus Australien.

Dazwischen eingeschoben streckt sich, zwischen dem Biotop der Baumkronen, die zum Bogen gespannte, zweistöckige Stahlkonstruktion der Ausstellungshalle: Dem Flachbau auf 27 Stelzen, gekrönt von der flachen Glaskuppel des Museumsrestaurants, sind auf der Uferseite außen grellbunte Boxen vorgehängt. Die Quader und Kuben offenbaren sich vom Innenraum aus als intime Nischen, um ausgewählte Exponate in Szene zu setzen.

Betreten wird das Museum durch die blendend weiße und kreisrunde Galerie des Grundgeschosses: Ihr Herzstück ist ein durch alle Stockwerke hindurchragender transparenter Zylinder – hier hat die Sammlung von 9000 Musikinstrumenten Platz gefunden. Der Clou: Membranen an der Außenhaut des Glaskörpers übertragen die Klänge der von hier aus sichtbaren Trommeln, Leiern oder Pfeifen - als leises, akustisches Flüstern.

Von dieser Säule führt eine 180 Meter lange, ansteigende Rampe den Besucher zur Hauptsammlung des Museums. Hier filtern Foto-Folien mit Vegetationsmotiven das Tageslicht und lassen die 3800 Werke entlang des mäandernden Ausstellungsparcours im dämmrigen Tropenwald-Grün wie schwebend erscheinen - Masken aus Federn, Statuetten aus Holz und Elfenbein, Roben aus Fischhaut, Gottheiten aus Bronze oder Stein.

Es sind die außergewöhnlichsten Stücke des neuen Hauses – aber dennoch nur ein schmaler Einblick in eine Sammlung, die aus zwei Pariser Museen stammt und knapp zehnmal so viele Objekte umfasst. Dieser gesamte Fundus wurde während der sechsjährigen Bauzeit wissenschaftlich erfasst, restauriert, digital vermessen und fotografiert. Statt in Gewölben zu verstauben, allenfalls zugänglich für eine wissenschaftlichen Elite, werden sie von den Kuratoren nun auch als Abbilder ins Internet gestellt: Hier sind die Objekte greifbar nah, oft auch zu drehen, zu wenden, sichtbar von allen Seiten – ein imaginäres, virtuell existierendes Museum.

Vielleicht besteht in dieser Innovation, jenseits des extravaganten Entwurfs von Jean Nouvel, die eigentliche Leistung des Museums am Quai Branly. Für die realen Besucher bleibt dann immer noch der Aufstieg auf die Dachterrasse und das spektakuläre Panorama über den Dächern von Paris.



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