Neues jüdisches Museum "Der Holocaust ist ein winziger Abschnitt"

Tad Taube flüchtete 1939 vor den Deutschen in die USA. Nun fördert er das größte jüdische Museum der Welt in Warschau - es sei ein Mittel, um Antisemitismus zu bekämpfen. Ein Gespräch über das Leben und den Tod.

Courtesy Taube Philanthropies

Das Interview führte Gunda Trepp


SPIEGEL ONLINE: Herr Taube, wozu braucht ausgerechnet Polen ein Jüdisches Museum?

Taube: Die Nazis haben nicht nur drei Millionen polnische Juden ermordet. Sie haben auch deren Bücher verbrannt, ihre Synagogen, alle Lehrstätten. Sie haben eine Kultur vernichtet und ein riesiges Vakuum hinterlassen. Ich möchte helfen, diese Leere wieder zu füllen. Wir haben eine großartige 1000-jährige jüdische Geschichte in Polen, und wir bringen sie zurück.

SPIEGEL ONLINE: In der jüdischen Weltgemeinschaft ist das Museum sehr umstritten - einer Studie zufolge gelten 45 Prozent der Polen als antisemitisch.

Taube: Wir hatten in den vergangenen Monaten in fast allen Ländern Europas hässliche Demonstrationen gegen Israel. Juden sind beleidigt und angegriffen worden - aber nicht in Polen. Außerdem setzen sich Politiker für das Museum ein. Die Stadt Warschau hat das Bauland gestiftet und zusammen mit der polnischen Staatsregierung fast die gesamten Baukosten übernommen.

Zur Person
  • Corbis
    Tad Taube gilt als der wichtigste private Förderer des Museums der Geschichte der polnischen Juden. Der studierte Betriebswirt, der sein Vermögen mit Immobilien gemacht hat, wirkt seit zehn Jahren an dessen Aufbau mit.
    Zwei Wohltätigkeitsorganisationen, die er vertritt, haben bisher mehr als 20 Millionen Dollar (rund 15 Millionen Euro) für die Dauerausstellung gespendet. Taube wurde 1931 im polnischen Krakau geboren und emigrierte im Sommer 1939 mit seinen Eltern in die USA. Er lebt heute im Silicon Valley.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich entschlossen, das Projekt finanziell zu fördern?

Taube: Das Museum soll die Polen aufklären und erziehen. Das ist uns wichtig, und dem Staat auch. Für einen Teil des Geldes, das die polnische Regierung uns gegeben hat, mussten wir uns verpflichten, in Schulen Erziehungsprogramme zu etablieren.

SPIEGEL ONLINE: Junge Polen hören Klezmer-Konzerte und gehen zu Lesungen jüdischer Autoren. Und nun noch das Museum. Zugleich sollen bei einer Bevölkerung von rund 39 Millionen nur 20.000 Juden in Polen leben. Irritiert Sie so viel jüdische Kultur ohne Juden nicht ein wenig?

Taube: Nein. Die Nazis haben beides vernichtet: Menschen und Kultur. Die Kultur kann man leichter zurückbringen als die Menschen. Das jüdische Leben erneuert sich langsam. Wir haben bereits ein sehr aktives Gemeindezentrum in Warschau, und eines in Krakau. Junge Polen beginnen zudem, nach ihren jüdischen Wurzeln zu suchen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielten polnische Juden im kulturellen Leben des Landes, bevor die Deutschen kamen?

Taube: Ich habe einmal den damaligen polnischen Generalkonsul in Los Angeles gefragt, warum sich sein Land so sehr für jüdische Geschichte und Kunst interessiert und einsetzt. Und er sagte: "Vor dem Krieg lebten 35 Millionen Menschen in Polen, zehn Prozent davon waren Juden. Doch die Kultur war zu 75 Prozent von den Juden geprägt. Als wir unsere jüdische Bevölkerung verloren haben, war es, als habe man die polnische Kultur amputiert." Das sagt alles.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten die Polen von dem Museum?

Taube: Es ist nicht nur ein jüdisches Museum, die Polen betrachten es als polnisches Museum. Hundertausende haben es bereits besucht, obgleich es bislang nur einige kleine Einzelausstellungen gibt und Teile einer Dauerausstellung.

SPIEGEL ONLINE: Erkennen die Polen damit an, was die Juden für die Kultur getan haben?

Taube: Nicht nur das. Ich sehe das Museum auch als bestes Mittel, neuen Antisemitismus zu bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Taube: Weil die Juden im Museum nicht als "Die Anderen" dargestellt werden. Im Museum wird dieses Bild völlig konterkariert.

SPIEGEL ONLINE: Das Museum zeigt die Geschichte der Juden in einer großangelegten narrativen Ausstellung. In dieser Erzählung spielt der Holocaust nur eine kleine Rolle. Warum?

Taube: Fast alle Museen, die seit 1945 mit jüdischen Geldspenden eingerichtet worden sind, beschäftigen sich mit dem Holocaust. Und sie sind wichtig. Doch das Museum in Warschau ist ein Geschichtsmuseum. Rein geschichtlich gesehen ist der Holocaust ein winziger Abschnitt in den Jahrhunderten. Schaut man auf die Auswirkungen, sieht das natürlich anders aus. Wer weiß, wie das Judentum heute aussehen würde, hätten wir nicht sechs Millionen Menschen verloren. Das Museum erzählt die Evolution einer Zivilisation. Es geht um das Leben dieser Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Die Finnen Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma haben den Eingang wie eine gigantische Schlucht gestaltet, die sich durch das Gebäude zieht. Obgleich die Architekten es nicht im Sinn hatten, werden die vierzig Meter hohen Betonwände als Riss interpretiert, den die Shoah durch die Geschichte des Museums zieht.

Taube: Wir weichen dem Thema ja auch nicht aus. Ein ganzer Raum beschäftigt sich mit dem Holocaust. Doch er ist nicht das unvermeidbare Ende, das auf die Juden wartet. Der Besucher sieht, wie die Juden gelebt haben, ohne daran zu denken, was noch kommt: Tod und Zerstörung. Das ist ein großer Unterschied zum Narrativ der Nazis, die die Juden ausschließlich als Opfer präsentieren wollten, auf die das vorbestimmte Ende wartete. Wir wollen die Juden als Subjekte zeigen, als Handelnde, nicht als Objekte ihrer eigenen Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Was fühlen Sie, wenn Sie heute nach Polen kommen?

Taube: Wenn ich an das Museum denke, nur Freude.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nie traurig, wenn Sie zurückblicken?

Taube: Hören Sie, wie alle Juden werde ich den Holocaust nie vergessen. Ich kann es nicht vergessen. Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter die Nachricht bekam, dass ihr Vater in Auschwitz ermordet wurde. Ein Jahr lang hat sie jeden Tag geweint. Doch wissen Sie, was sie dann als alte Frau getan hat? Sie hat sich ein Herz gefasst und ist nach Krakau gefahren. Sie hatte immer glückliche Erinnerungen an ihre Kindheit dort. Wir sind Hand in Hand durch diese Stadt gelaufen, in der wir beide geboren wurden. War es traurig? Natürlich. Keine ihrer Kindheits-Freundinnen hatte überlebt. Doch meine Mutter ist nicht als Opfer zurückgekommen, sondern als stolze Jüdin, die an diesem Ort einmal ihren Platz hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie heute Ihren Platz?

Taube: Ich bin ein polnischer Jude. Ein Überlebender, der sein Leben der Güte Gottes verdankt. Ich bin ein polnischer Patriot. Und ein amerikanischer Patriot. In beiden Ländern gibt es Dinge, die ich nicht mag. Doch man kann sich nicht auf das konzentrieren, was man nicht mag. Dann wird man verbittert und hasserfüllt. Ich bin ein lebensfroher Mann.

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