Ausstellung "Das Koloniale Auge" Unterjocht von der Kamera

Prunkvolle Clan-Chefs, nackte Asketen, erotische Kurtisanen: In den Fotografien, die Missionare, Ethnologen und Händler im Indien des 19. Jahrhunderts machen ließen, inszenierten die Europäer den Subkontinent. Eine Ausstellung in Berlin schärft den Blick für die koloniale Propaganda.

Von Daniela Zinser

SMB, Ethnologisches Museum

Schau diesen Menschen in die Augen, Europäer! Etwa der jungen Toda-Frau, die sich mit ausdruckslosem Gesicht der Kamera ausliefert. Ihre Haare sind zu Locken eingedreht und offen, ihr Körper von einer Art Sackleinen nur halb bedeckt. Keine europäische Frau würde sich 1875 so fotografieren lassen. Und doch ist der Blick auf diese Fotografie ein europäischer.

Denn es sind fast ausnahmslos Europäer, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Menschen des indischen Subkontinents porträtiert haben - und ihre Kunden waren europäische Missionare, Kolonialbeamte, Händler, die die Fotos als Souvenir mitnahmen, und Ethnologen, die ihre Studien an den Porträtierten betrieben. "Das Koloniale Auge" lautet folgerichtig der Titel der Ausstellung über frühe Porträtfotografie in Indien, die derzeit im Museum für Fotografie in Berlin zu sehen ist.

300 Abzüge aus der Sammlung des Ethnologischen Museums, vor mehr als hundert Jahren von Forschungsreisenden zusammengetragen, sind im Kaisersaal des Museums ausgestellt. Fotografien, die den Blick auf Indien inszeniert haben und ihn bis heute prägen. Das Fremde, Andersartige, in damaligen europäischen Augen Wilde wurden vorgeführt und die eigene Überlegenheit der Kolonialherren demonstriert.

Die Kamera wie eine Waffe

Die Porträtierten wurden vermessen, katalogisiert, ganz dem Bild angepasst, das die vor allem britischen Fotografen und Rezipienten der Aufnahmen haben wollten. Durch die langen Belichtungszeiten wirken die Körper fast erstarrt, Gestik und Mimik sind eingefroren, die Augen aber erzählen von Scham, Stolz, Irritation, Furcht, Trotz, Melancholie, Widerwillen. Die Kamera war eine Waffe, der Porträtierte ein Forschungsobjekt.

Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftswerk der Kunstbibliothek, des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Kunsthistoriker, Indologen und Ethnologen haben hier zusammengearbeitet, um Sehlust und Geschichtsvermittlung optimal zu verbinden. Denn überall wird klar, dass die Besucher nur sehen, was Fotografen und Studios wie Samuel Bourne, Sheperd & Robertson und John Burke sehen wollten: die schmerzhaften Rituale der Asketen und die Ausprägungen des Kastensystems.

Der Adel präsentierte sich in ganzer Pracht. Die Abzüge zeigen hinduistische Maharadschas und islamische Fürsten in prunkvoller Kleidung, umgeben von Kriegsgerät und Dienerschaft. Die Briten brauchten sie, um ihre Herrschaft zu sichern, und so sehr die Aufnahmen auch Selbstdarstellungen der indischen Herrscher sind, sie stehen doch in Aufbau und Haltung in der Tradition europäischer Fürstenbilder.

Der Porträtierte ein Forschungsobjekt

Auch Großbürger wie Händler, die zu Reichtum gekommen waren, ließen sich mit ihren Familien fotografieren, ihre Gewänder und ihr Schmuck sind eine reine Augenweide. Umso schockierender dann der Blick auf fast verhungerte Menschen in Bangalore. Wie Skelette liegen sie übereinander, so abgemagert, dass nur noch ihre Augen zeigen, dass sie am Leben sind. Solche Armut auszustellen, war eigentlich ein Tabu, gerade in der europäischen Tradition. Doch den Kolonialherren dienten diese Bilder als Propagandamaterial, sie rechtfertigten damit ihre "zivilisatorischen Maßnahmen".

Geradezu voyeuristisch sind die Fotografien von Sadhus, den heiligen Männern des Hinduismus. Ihre kaum bekleideten, mit Asche beschmierten Körper, geschunden von Selbstkasteiung, waren sogar beliebte Postkartenmotive. Nicht wenige davon zeigen nackte Sadhus mit einem mächtigen Vorhängeschloss am Penis, das echte Keuschheit erzwang. Zum Gegenteil verdammt wurden die Kurtisanen. In indischer Tradition unterrichteten sie adlige Männer in Poesie, Etikette und Liebeskünsten. Die Briten missbrauchten sie als Prostituierte für die Soldaten. Sie verloren ihren höfischen Schutz und ihre kulturelle Funktion.

Wie gering das tatsächliche Interesse am indischen Subkontinent war, zeigen die Fotos von Tanz und Theater, aber auch die Inventarisierung der einzelnen Kasten und ihrer Berufe. Die Bajaderen und Schauspieler sehen wie Inder in europäischen "tableaux vivants" aus. Die Holzfäller, Barbiere und Feldarbeiterinnen sind allzu plakativ mit Attributen ausgestattet, die vermeintlich zu ihren Tätigkeiten gehören.

Jede Sittlichkeit wird bewusst verletzt

Besonders anschaulich wird der koloniale Blick bei Aufnahmen von den Adivasi, den Ureinwohnern. Ihre Unzivilisiertheit soll durch zerrissene Kleidung, verstrubbelte Haare, besonders armselige Werkzeuge und Hütten dargestellt werden, in standardisierten Arrangements posieren sie in starrer Haltung, die Körper entblößt, um für ethnologische Forschungen besser vergleich- und katalogisierbar zu sein. Nicht selten stehen sie neben Messlatten. Ihr Blick zeigt das Gezwungene dieser Aufnahmen.

Das vielleicht verstörendste Bild der Ausstellung zeigt 1864 sieben Waisenkinder von den Andamanen-Inseln mit ihrem Vormund Jeremiah Nelson Homfray. Während der Brite in fast winterlicher Gentleman-Uniform in der Mitte steht, den Blick in die Ferne abgewandt, gruppieren die Kinder und Jugendlichen sich nackt um ihn. Er steht bezugslos zwischen ihnen, sie jedoch stehen im Kontakt zueinander, berühren sich, gespreizte Beine gewähren Einblicke in die Scham, jede Sittlichkeit ist bewusst verletzt. Die Aufnahme von John Edmund Saché ist im Studio in Kalkutta entstanden, sie wurde also bewusst arrangiert.

Das Anliegen der Schau ist es, den Blick dafür zu schärfen. "Im 19. Jahrhundert ging man von der Unbestechlichkeit der Kamera aus. Aber unsere Ausstellung zeigt, wie selektiv der Blick war, wie Fotografie inszeniert und häufig auch vorsätzlich manipuliert wurde", sagt Raffael Dedo Gadebusch, der stellvertretende Direktor des Museums für Asiatische Kunst und einer der Kuratoren. So wird die junge Toda-Frau, die A.T.W. Penn 1875 in Tamil Nadu fotografiert hat, als erotisch zugänglich und besonders natürlich inszeniert. Ihr melancholischer Blick aber zeigt auch, dass sie sich dessen durchaus bewusst ist. Sie spiegelt in ihren Augen die koloniale Sicht auf Indien.

Ausstellung. "Das Koloniale Auge. Frühe Porträtfotografie in Indien", Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, 10623 Berlin, vom 20. Juli bis 21. Oktober, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Donnerstag, 10 bis 22 Uhr.

Buch. Katalog zur Ausstellung im Verlag Koehler & Amelang, Leipzig, 208 Seiten, 39,90 Euro (im SPIEGEL-Shop erhältlich).




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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
spongie2000 22.07.2012
1. Schon wieder so was...
Es ist immer das gleiche Schema: "Die bösen Europäer machten ein paar einheimische Gehilfen reich, um ihre Macht besser auszuüben über die Bevölkerung..." Was damit impliziert, jedoch nicht gesagt wird, ist, dass die meisten solchen Ländern sowieso diese Struktur haben und Jahrhunderte oder Jahrtausende lang hatten: In China haben sich die wenigen Reichen in Prunk gelebt, während tausende bei der Errichtung der großen Mauer starben. Wären die Briten schon damals eine Kolonialmacht, hätte man alles auf die Briten geschoben. Ebenso in Afrika, ebenso in Südamerika. Die Kultur der wenigen Reichen, die die armen Massen unterdrücken, während sie sich selbst bereichern, ist und war schon immer weltweiter Standard. Demokratie, Humanismus und Gleichberechtigung sind europäische Ideale, eine europäische Erfindung. Nur darüber wird selten gesprochen.
Oberleerer 22.07.2012
2.
Wenn ich das Bild vom Goldschmied sehe, frage ich mich, warum in dieser Region keine Stühle erfunden wurden. Auf vielen Bildern aus Indien, Afghanistan etc. hocken alte Männer herum statt sich auf einen Stuhl zu setzen. Ist das etwas religiöses? In türkischen Teehäusern sitzt man meiner Meinung nach auf Stühlen. In Deutschland waren die Büroarbeitsplätze um 1900 auch of mit einem Stehpult ausgestattet.
produster 22.07.2012
3. Klasse Fotos
Phantastisch Fotos! 1. Was ist dagegen einzuwenden un 2.: Läuft das heute anders? Ist die heute mediale Aufbereitung der täglichen Katastrophen und Kriegsgreul um einen Deut besser?
McBline 22.07.2012
4.
Zitat von produsterPhantastisch Fotos! 1. Was ist dagegen einzuwenden un 2.: Läuft das heute anders? Ist die heute mediale Aufbereitung der täglichen Katastrophen und Kriegsgreul um einen Deut besser?
Aber klar doch! Die weden nicht mehr "inszeniert", sondern im nachhinein digital "verbessert"...
ridgleylisp 22.07.2012
5. Heutige Kolonialkritiker....
....scheinen total zu vergessen dass es sich um eine ganz andere Zeit handelte, mit eben ganz anderen Werten. Menschen vergangener Zeiten nachträglich zu richten dass sie nicht wie wir heute waren mutet doch sehr hochtrabend an. Im Rückblick sind wir ja immer schlauer. Seien wir doch lieber dankbar dass unsere aufgeklärte Gesellschaft einen Gesinnungswandel erlaubt hat der die Auswüchse der damaligen ideologie richtiggestellt hat. Ja, ja, wir sind doch besser als die damals, aber doch nur weil unsere westliche Gesellschaft außerordentlich fähig war dazu zulernen. Man bedenke doch wieviele andere Gesellschaften das nicht können, und die heute noch Gefangene ihrer tausendjährigen Tradition sind. Muss ich da Beispiele nennen?
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