Wuchernde Megastädte Schöner Wohnen im Moloch

Megacitys wie Rio oder Mumbai wachsen immer schneller - meist zu Lasten der Armen, während die Reichen profitieren. Doch es geht auch anders. Wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte, sehen Sie hier.

Von , New York


In Städten wie Rio, Hongkong, Mumbai, Istanbul oder New York quetschen sich die Menschen durch die Straßen, wohnen für viel Geld in kleinen Apartments, kämpfen um Parkplätze und Arzttermine, suchen Parks zur Erholung oder Bäume als grüne Schattenspender im Großstadtgrau. Bis 2030 werden acht Milliarden Menschen auf der Welt leben, fünf Milliarden davon in städtischen Ballungsräumen - und die meisten in Armut.

Die New Yorker Ausstellung "Uneven Growth: Tactical Urbanisms for Expanding Megacities" beschäftigt sich mit dem Phänomen Großstadtmoloch und dessen Ausverkauf an die Reichen: Sie sind es, die Immobilien aufkaufen, Wohnungen viel zu teuer vermieten oder sich in Gated Communitys und unbezahlbaren Luxustürmen von den Armen abschotten. Überall, wie etwa auch im vergangenen Sommer in Brasilien, wehren sich die ärmeren Bevölkerungsschichten gegen diese sozialen Missstände.

"Urbanisierung ist die endlose Anhäufung von Kapital im Namen des Profits", klagt der Anthropologe David Harvey von der City University of New York. "Die Erdoberfläche wird in beispiellosem Maße zubetoniert. Kurzum, wir stecken in einer enormen Krise - ökologisch, gesellschaftlich und politisch."

Mit diesen Worten Harveys beginnt die Ausstellung im Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Die Schau will nicht nur auf die Missstände aufmerksam machen, sondern auch auf Lösungen. 14 Monate lang haben sich Expertenteams in den sechs Megametropolen Rio, Hongkong, Istanbul, Mumbai, Lagos und New York Gedanken gemacht, wie Städte mit Menschenmassen besser umgehen können. Herausgekommen sind Ideen wie diese:

• Hongkong

In Hongkong leben bereits mehr als sieben Millionen Menschen. Die Megacity wird geprägt von Hochhäusern, die über zwei-, drei-, vierhundert Meter in die Höhe ragen. Um mehr Platz zu schaffen, könnte laut den MoMA-Experten nicht mehr nur in die Höhe, sondern auch ins Meer gebaut werden. Unterkommen könnten die Menschen auf acht neuen Inseln.

• Istanbul

Die Türkei ist eine der am schnellsten wachsenden Ökonomien in Europa, vor allem Istanbul hat von dem Boom profitiert. Jährlich wächst die 14-Millionen-Einwohner-Metropole um 3,5 Prozent. Im Gegensatz zu früheren Phasen, in denen die Menschen in Istanbul selbst ihre Häuser gebaut haben, wird der Bau von Unterkünften nun vor allem von der Hausentwicklungsagentur der Türkei (TOKI) organisiert. TOKI lässt vor allem Wohnkomplexe für die Mittelklasse bauen. Als Alternative bietet sich hier die "Kolektif birlikçi Toplum Oluumu/The Collective and Collaborative Agency (KITO)" an: TOKI-Komplexe sollen nach Ideen der Einwohner umgestaltet werden. Über Online-Netzwerke soll den Menschen zudem mehr Möglichkeiten der Mitsprache gegeben werden.

• Lagos

Die 20 Millionen Einwohner der größten Stadt Nigerias leben meist in unorganisierten Vierteln mit einer schlecht ausgebauten Infrastruktur. Ein Drittel der Stadt ist auf Wasser gebaut, die Häuser stehen hier auf Stelzen. In Lagos werden die Bewohner zudem nur sporadisch mit Strom versorgt. Das MoMA-Expertenteam hat daher einen neuen Plan mit besserer Infrastruktur erarbeitet, das Kanäle enthält und ein separates Stromnetz.

• Mumbai

Als Alternative zu den chaotischen Siedlungen und Slums in Indiens größter Stadt Mumbai schlagen die Experten moderne Mehrzweckhäuser vor. Diese sollen flexibel und billig sein. Möglich soll es zudem sein, mit leichten Baubestandteilen zusätzliche Etagen errichten zu können.

• New York City

In New York ist die Kluft zwischen Gering- und Gutverdienenden so groß wie in kaum einer Metropole. Zudem ist ein illegales Mietsystem entstanden: In den Außenbezirken New Yorks werden Wohnhäuser in winzige Zimmer aufgeteilt und vermietet. Die Experten entwickelten eine Idee, bei der Mieter, gemeinnützige Gesellschaften, Nachbarschaftsgruppen und Behörden zusammenarbeiten können, um sich so besser gegen Mietwucher zu wehren.

• Rio de Janeiro

Rio de Janeiro könnte mit den sogenannten Varanda Products den Raum verschönern. Die Einwohner sollen Plastikstühle aufstellen, leichte, aufklappbare Balkone an ihre Fenster hängen und Palmen an Straßenecken pflanzen. Hört sich einfach an, scheint trotzdem gar nicht so einfach umsetzbar: Plastikstühle können geklaut oder zerstört werden, die einfachen Balkone könnten unter zu viel Gewicht zusammenbrechen - und es könnte schlicht keinen Platz für Palmen geben.

MoMA-Kurator Pedro Gadanho weiß, dass die Ideen vielleicht nicht unbedingt umsetzbar sind, aber er hofft, damit eine Debatte anzustoßen. Wie präsent städtische Veränderungen sind, können MoMA-Besucher auch außerhalb der Ausstellung sehen. Und zwar gleich nebenan. Das Museum hat das Nachbargrundstück an der West 53rd Street an eine Immobilienfirma verkauft, die dort jetzt einen futuristischen, 320 Meter hohen Wolkenkratzer des Stararchitekten Jean Nouvel baut. Neben einem neuen Flügel des Museums wird das Hochhaus ein Fünf-Sterne-Hotel und 45 sündhaft teure Luxuswohnungen enthalten.


"Uneven Growth: Tactical Urbanisms for Expanding Megacities." Museum of Modern Art (MoMA); 11 West 53 Street, New York, NY 10019; 22. November 2014 bis 10. Mai 2015

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Seite 1
attac-pluto 22.11.2014
1. Das ist ja eine schöne Utopie.
Ist aber nur umsetzbar, wenn eine Umverteilung von oben nach unten stattfindet. Die einen verbrauchen für sich weniger, die anderen bekommen dafür menschenwürdigen Wohnraum. Eigentlich ganz einfach. Für diese Erkenntnis muss man noch nicht einmal studiert haben.
Sarastro 22.11.2014
2.
Bild 1 - Lagos - die Vision eines Ahnungslosen - der klassische Slum-Geruch springt regelrecht aus dem Bild....dort würden in einem halben Jahr mehr Ratten als Menschen leben, mit Gondolieres, die täglich den Müll aus den Kanälen fischen.
phaymima 22.11.2014
3.
faszinierendes thema. die ideen sind einfach aber gerade da könnte der trick liegen.der letzte Absatz ist der beste. die welt ist soooo zynisch
GEZ_Hasser 22.11.2014
4.
Rio hat zwar viele Favelas, ist aber keine "Megastadt" in dem Sinne wie in dem Artikel beschrieben. Das liegt alleine schon an den geographischen Gegebenheiten.São Paulo dagegen ist ein Moloch...
jambon1 22.11.2014
5.
Wir werden uns an den gedanken gewöhnen müssen, dass nicht immer MEHR Wachstum gut für uns ist, sondern ein kontrolliertes Schrumpfen.Ansonsten werden nicht solche Utopien umgesetzt werden, sondern Kriege, Hungerkatastrophen bisher unbekannten Ausmaßes und ausufernde Gewalt die Zukunft begerrschen.China sägt umwelttechnisch gesehen bereits heute an dem Ast, auf dem 1 Mrd. Chinesen hockt. Indien beginnt damit gerade. Der Kampf um Wasser beginnt gerade erst, da China Indien das Wasser abgräbt. Und auch der Zukauf von Ackerlnad außerhalb des eigenen Territoriums wird auf Dauer mehr Feindseligkeiten bedeuten als wirtschaftlichen Aufschwung.konsequente Geburtenkontroll, Bildung, sowie funktionierende Sozialsysteme müssen her!Für letzteres zumindest müssten aber Reichtümer umverteilt werden, und da liegt der Hase im Pfeffer!Zum Glück werde ich diese Welt verlassen haben, bevor es so richtig kritisch zu werden droht.
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