Museums-Star Chris Dercon "Gehen Sie in den hintersten Winkel des Gartens"

Aus dem Münchner Haus der Kunst machte er eine gute Adresse, nächste Station ist die Tate Modern: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Star-Kurator Chris Dercon, warum seine letzte große Ausstellung sich dem Tanz widmet, was das Museum der Zukunft leisten muss und was Kate Moss damit zu tun hat.

Jörg Koopmann

SPIEGEL ONLINE: In Ihren sieben Münchner Jahren haben Sie neben Kunst viel Film, Mode, Design und Architektur gezeigt. Haben Sie das Haus der Kunst in ein Haus der Kulturen verwandelt?

Chris Dercon: Was ich im Haus der Kunst gemacht habe, gab es dort schon immer. Wir haben es nur reaktiviert. In den fünfziger Jahren waren hier Christian Dior zu sehen, Le Corbusier und Frank Lloyd Wright. Deshalb haben wir den belgischen Modemacher Martin Margiela gezeigt und zeigen nun ab März einen Überblick über 30 Jahre japanische Mode. Deshalb haben wir Design von Konstantin Grcic und Droog Design und die Architektur von Herzog & de Meuron gezeigt. Henri Langlois, der Gründer der Cinémathèque française, hat hier 1958 seine erste Filmausstellung gemacht. Also haben wir den thailändischen Filmemacher Apichatpong Weerasethakul eingeladen, Christoph Schlingensief und Alexander Kluge. Und auch dafür, dass wir etwa mit der Inderin Amrita Sher-Gil oder dem Chinesen Ai Weiwei die Kulturproduktion anderer Kontinente präsentiert haben, gab es ein historisches Vorbild: 1972, aus Anlass der Olympischen Spiele, zeigte das Haus der Kunst die Ausstellung "Weltkulturen und moderne Kunst".

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Steckt in der Ausweitung des Feldes nicht auch eine Form der Kritik am aktuellen Kunstgeschehen?

Dercon: Durchaus. Nicht alles, was es an Großartigem zwischen Himmel und Erde gibt, spielt sich in der Gegenwartskunst ab. Einen Künstler auf ein Podest zu stellen oder wie einen Propheten zu verehren, das liegt mir nicht. Für mich ist ein Künstler ein Kulturproduzent und kein Genie. Oft sind die Ergebnisse anderer Gattungen viel fortgeschrittener. Wenn wir Designausstellungen machen, zeigen wir keine Imitation von Design, bei Filmprojekten keine Filmimitationen, wenn wir Architektur zeigen, keine Pseudoarchitektur. Wir versuchen keine mittelmäßigen Mischformen, sondern immer die besten, widerständigsten, radikalsten Repräsentanten der Gattungen ins Haus zu holen. Es war mir wichtig, nicht Teil dieser unglaublich enthusiastischen Bewegung der Jetzt-Generation zu sein, die zu allem ja sagt, wenn es bildende Kunst ist und viel Geld kostet. Man muss nicht im Zentrum des Geschehens suchen, man sollte in den hintersten Winkel des Gartens gehen und entdecken, was man noch nicht kennt.

SPIEGEL ONLINE: Am Freitag beginnt im Haus der Kunst die Ausstellung "Move. Kunst und Tanz seit den Sechzigern". Es wird der "Green Light Corridor" von Bruce Nauman zu erleben sein. Ein choreographisches Objekt von William Forsythe lädt mit 200 Turnringen zum Durchsteigen ein. Und Christian Jankowski bittet zum Hula-Hoop. Wieso gehört Tanz ins Museum?

Dercon: Tanz hat in den letzten vierzig Jahren wichtige Impulse für die bildende Kunst gegeben, für den Minimalismus etwa oder die Konzeptkunst. Heute gibt es zwei wichtige Spiegelbilder für Künstler: das Geschehen in den Wissenschaften, wo es etwa um Chaos- oder Systemtheorien geht, und der Tanz, wo es um präzise Formen von Abstraktionen geht. Für Künstler waren Tänzer wie Merce Cunningham und Martha Graham schon in den fünfziger, sechziger Jahren Götter.

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Dercon: Heute sind etwa Anne Teresa De Keersmaeker oder William Forsythe wichtig. Und der neue Tanz bietet die Möglichkeit, dass das Publikum partizipiert, dass es an einer Live-Performance teilnimmt. Der Wunsch, Teil von etwas zu sein, ist heute immens wichtig. Außerdem werden im aktuellen Tanz ganz alltägliche Bewegungen isoliert und dargestellt, etwa bei Xavier Le Roy, Jérôme Bel oder Tino Sehgal. Das Publikum erkennt das, will dabei sein, sich selbst austesten, verschiedene Identitäten ausprobieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist der Wunsch nach Teilhabe so wichtig?

Dercon: Er ist überall zu bemerken. So kommen unsere Besucher, die ich auch "unsere Benützer" nenne, generell gern zu Führungen. Und zwar nicht nur zu einer, sondern zu mehreren, so dass sich ihnen zu einer Ausstellung mehrere Sichtweisen bieten. Das bedeutet: Das Publikum akzeptiert keine autoritäre Ansprache mehr nach dem Motto: "Ich bin Spezialist und zeige Ihnen, was das Exponat bedeutet und Sie müssen es wichtig finden". Das Publikum will neben der körperlichen Teilnahme auch selbst Teil eines offenen Urteilsprozesses sein.

SPIEGEL ONLINE: Muss dann das Museum der Zukunft ein interaktives Museum sein, in dem das Agieren und Urteilen der Besucher zunehmend Teil der Struktur wird?

Dercon: Das Museum der Zukunft ist nicht nur ein interaktives Museum, in dem Sinne, dass das Publikum sich beteiligt an bestimmten Ausdrucksformen von Kunst, an Tanz und Performance etwa. Das Museum der Zukunft ist eine riesige Plattform, eine Agora, auf der das Publikum die unterschiedlichsten Fragen stellt. Oft sind das Fragen, die nichts mit Kultur oder Kunst zu tun haben, sondern mit Politik, mit Nachhaltigkeit etwa. Das Publikum erwartet, dass das Museum diese Funktion übernimmt, weil es sich von der Politik, seinem Fußballclub, dem Fernsehen nicht mehr repräsentiert fühlt. Seine Fragen erreichen uns heute vermutlich, weil es die sozialen Netzwerke des Internet gibt, in denen das zielgerichtete Fragen eingeübt wird.

SPIEGEL ONLINE: Und dieses Museum der Zukunft werden Sie demnächst an der Themse entstehen lassen?

Dercon: Dieses Museum, die Tate Modern, gibt es dort schon seit zehn Jahren. Ich bin deshalb sehr froh, dass ich künftig dort arbeiten werde. Sie ist eine zukunftsgerichtete Institution, in der diese neuen Facetten schon jetzt - und in Zukunft noch mehr - ausgetestet werden. Die Tate Modern ist schon an sich ein Ereignis. In Großbritannien hört man häufig: "It is such an amazing, democratic, elegant, beautiful, and strong place to be".

SPIEGEL ONLINE: Das bedeutet?

Dercon: Dass die Kunst Anlass ist, sich an einem Ort wohl zu fühlen, an dem man Fragen über sich selbst und über das Leben stellen kann. Wo es nicht mehr um Bewunderung geht. Thomas Bernhard hat das ungefähr so ausgedrückt: Wir bewundern immer. Und bewundern uns zu Tode. Also: Bewundern ist vorbei. Statt dessen: Sich interessieren für Sachen, die man noch nicht weiß.

SPIEGEL ONLINE: Über Ihre konkreten Londoner Pläne wollen Sie noch nicht sprechen. Aber könnte man sagen, dass Sie die Tate Modern, die in einem umgebauten Kraftwerk residiert, als eine ermächtigende Kraftmaschinerie für das Publikum verstehen?

Dercon: Ja. Und zwar für sehr viele unterschiedliche Leute. Dieses Museum ist die Agora par excellence, wo neben einem Akademiker auch mal eine Kate Moss steht und diese neben Kids aus der Nachbarschaft. Wenn dort alle nicht mehr nur bewundernd gucken, sondern staunen und Fragen stellen, dann ist das vielleicht das Museum für Morgen.


"Move. Kunst und Tanz seit den Sechzigern", München. Haus der Kunst, 11. Februar bis 8. Mai 2011

Das Interview führte Karin Schulze

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