Museumsmanager Parzinger "Wir wollen unser Erbe zurück"

2. Teil: Gibt es Hoffnung für eine Rückkehr russischer Beutekunst-Objekte?


SPIEGEL: Große Hoffnung auf eine Rückkehr der Bestände haben Sie also nicht?

Parzinger: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Dass einige wichtige Schätze irgendwann zurückkommen, ist unser Ziel, ganz klar. Aber noch einmal: das ist auch Sache der Politik, herauszufinden, wie man sich einigt. Für die Russen ist es nicht wichtig, dass wir ein paar Milliarden Euro über den Tisch schieben, schon gar nicht in diesen Zeiten, in denen die russische Wirtschaft blüht. Ich sehe schließlich auch durch meine wissenschaftliche Arbeit, wie vieles sich in finanzieller Hinsicht dort entspannt hat, dass wissenschaftliche Einrichtungen wieder an nationale Fördergelder kommen. Das war und ist also nicht der Punkt.

SPIEGEL: Viele Beutekunst-Bestände spiegeln deutsche Geschichte, das gilt vor allem für den bronzezeitlichen Schatz von Eberswalde. Das ist der bedeutendste vorgeschichtliche Goldfund, der je in Deutschland entdeckt wurde. Wiegt dieser Verlust womöglich noch schwerer als beim Troja-Gold, das Schliemann einst in Kleinasien fand?

Parzinger: Es stimmt, Funde wie der Schatz aus Eberswalde sind unser kulturelles Erbe, und das muss nach Deutschland zurückkehren. Ich kann mir vorstellen, dass die russische Seite hier irgendwann auch ein Zeichen setzen will.

SPIEGEL: Sie selbst haben als Ausgräber viel für die russische Kultur geleistet, das Skythengold wird auch von Ihnen wissenschaftlich publiziert. Stärkt das nicht Ihre Position bei der heiklen Beutekunst-Diplomatie?

Parzinger: Das hat eigentlich nichts miteinander zu tun. Über meine Arbeit kann ich auf einer anderen Ebene die wissenschaftlichen Kontakte intensivieren. Es ist wichtig, andere gemeinsame Themen zu haben und nicht immer die Gegenseite sofort mit der Beutekunstfrage strapazieren zu müssen. Und ich muss schon sagen: In der Archäologie ist die Zusammenarbeit besonders erfolgreich. Aber vielleicht schweißen gemeinsame Ausgrabungen auch besonders leicht zusammen.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Nun graben Sie erst einmal die Berliner Kulturlandschaft um. Halten Sie eine Stiftung zum Lob der preußischen Kultur überhaupt für zeitgemäß?

Parzinger: Sie spielen auf den Namen der Stiftung an. Der entstand, als 1947 das Land Preußen aufgelöst wurde und die Kulturschätze dieses Landes plötzlich herrenlos waren. Wissen Sie, gegen traditionelle Titel habe ich nichts, aber mein Wunsch ist der, dass wir mehr als bisher als moderne, dynamische Kultureinrichtung gesehen werden, die national und international bestens vernetzt ist. Mir liegt daran, dass uns jeder kennt und niemand etwas Rückwärtsgewandtes mit uns verbindet.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das erreichen?

Parzinger: Etwa über zeitgemäße Ausstellungen. Die ausgegrabenen Antiken zum Beispiel können Sie in Vitrinen legen, Sie können sie aber auch regelrecht inszenieren, indem sie den Kontext rekonstruieren, aus dem sie stammen. Ich glaube, man muss Kultur heute sogar inszenieren. Denn so bringt man Geschichte und andere Inhalte den Menschen nahe.

SPIEGEL: Das klingt nach oberflächlicher Event-Kultur.

Parzinger: Gewiss nicht, aber wir brauchen auch gute Oberflächen. Wir wollen den Besucher einfach in den Bann ziehen, und der Nachbau eines Skythengrabes veranschaulicht vielleicht mehr als ein langer Text an der Wand. Es geht darum, Kultur zu erleben, sich verführen zu lassen, mehr wissen zu wollen. Das gilt doch oft auch für die zeitgenössische Kunst. Wenn Sie es schaffen, die Leute zu faszinieren, wollen die automatisch mehr lernen. Ich kann mir auch vorstellen, die Sammlungen unserer Museen stärker miteinander ins Gespräch zu bringen; warum nicht einmal unterschiedliche Epochen, Kulturen und Kunstgattungen in Ausstellungen verknüpfen?

SPIEGEL: Eine der großen, auch teuren Aufgaben der nächsten Zeit ist die Rekonstruktion des barocken Berliner Stadtschlosses.

Parzinger: Ja, und ich hoffe, dass da die Bevölkerung eine ähnlich emotionale Bindung entwickelt, wie wir sie beim Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden erlebt haben. Doch das soll sich nicht nur auf das Gebäude beschränken, innen, im Humboldtforum, werden wir unsere außereuropäischen Sammlungen zeigen, sie rücken von ihrem jetzigen Standort in Dahlem in die Mitte der Stadt. Das zeigt auch unseren Respekt vor diesen Kulturen.

SPIEGEL: Aber schon jetzt wird das Schlossprojekt nicht allein von Herzenswärme begleitet. Die Rekonstruktion des 1950 gesprengten Hohenzollern-Schlosses ist, obwohl vom Bundestag längst beschlossen, gerade wieder sehr umstritten – manche Architekten sähen auf diesem Gelände lieber einen Neubau.

Parzinger: Der Palast der Republik, der lange auf dem Areal stand, war ästhetisch für viele Menschen fragwürdig. Sollen wir dort wieder etwas bauen, das uns vielleicht in zwanzig, dreißig Jahren nicht mehr gefällt?

SPIEGEL: Sie trauen den Architekten nicht viel zu.

Parzinger: Das will ich nicht sagen, und ich verstehe auch durchaus, dass viele Stararchitekten das anders sehen. Doch ich habe einen klaren Kurs, der Bundestag hat den Wiederaufbau beschlossen, und wir machen das Beste daraus. Ich bin aber einfach ohnehin der Auffassung, dass sich dieses Schloss besser in die historische Nachbarschaft zwischen Altem Museum und Zeughaus einfügt.

SPIEGEL: Drei Fassaden müssen historisch werden, eine darf neu gestaltet werden. Architekt David Chipperfield, wie Sie Mitglied der Jury für den Wiederaufbau, spricht kritisch von vorgegaukelter Historie.

Parzinger: So wird es nicht sein, der Bau bleibt als neu erkennbar. Wir haben die Ausschreibung für die Architekten ergänzt, es wird einen gewissen Gestaltungsspielraum geben. Innen haben Sie dann ohnehin eine völlig neue Aufteilung.

SPIEGEL: Werden Sie, der Schatzsucher, innerhalb der Stiftung vor allem die archäologischen Sammlungen bevorzugen?

Parzinger: Auf keinen Fall, wir wollen Berlin auch als Standort für die zeitgenössische Kunst stärken, noch enger als bisher mit Sammlern zusammenarbeiten. Da sind wir auch aus finanziellen Gründen gezwungen zu kooperieren. Und die Archäologie? Es darf nicht so weit kommen, dass ich mich dafür entschuldigen muss, Archäologe zu sein.

SPIEGEL: Was versteht ein Archäologe wie Sie unter Kultur?

Parzinger: Wenn Menschen etwas schaffen, damit es bleibt und sie erfreut. Natürlich hat das etwas mit der Sehnsucht nach Schönheit und Ästhetik zu tun.

SPIEGEL: Und Sie persönlich, gefällt Ihnen eine skythische Grabstätte oder eine Fuge von Bach besser?

Parzinger: Privat faszinieren mich Gemälde der klassischen Moderne mehr als skythische Armreife. George Grosz, Otto Dix, diese Zeit des Umbruchs ist ungeheuer spannend. In dieser Zeit hat sich alles grundlegend verändert, nichts war mehr wie zuvor.

SPIEGEL: Professor Parzinger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Ulrike Knöfel und Mathias Schreiber



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