Museumsprojekt "See History" Visionen aus der Rumpelkammer

Einfach das Beste aus dem Bestand machen! Ein Kieler Museumsdirektor zeigt klammen Kunsthallen, wie man mit radikalen Ideen Furore macht: Für sein Ausstellungsprojekt "See History" ließ er 13 internationale Künstler sein Archiv plündern - mit faszinierenden Ergebnissen.

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas


Arbeiten Sie doch einfach mehr mit ihrer Sammlung! Angesichts knapper Kassen und schrumpfender Ausstellungsetats lauten so landauf, landab die Vorgaben der Kulturpolitiker. Doch was tun, wenn man als kleines Museum in der deutschen Provinz eben nur einen repräsentativen Max Beckmann und einen guten Gerhard Richter hat? Ab damit ins Depot und etwas anderes an die Wand? Oder überhaupt nichts verändern und einfach alles beim Alten lassen?

In den meisten kleineren Museen herrscht genau dieser vermuffte Stillstand. Für Dirk Luckow, Direktor der Kunsthalle zu Kiel, ein unerträglicher Zustand. "Eines ist klar: Das Publikum kommt heute nicht wegen der Bestände, sondern wegen der Ausstellungen in die Museen. Was zählt, sind die Aktivitäten", sagt er. In seinem Haus hat Luckow, 49, ein Format entwickelt, das im jährlichen Wechsel die Sammlung ganz neu aufmischt und jede Neupräsentation zu einem spannenden Ereignis macht. Unter dem Label "See History" werden einmal im Jahr die Karten neu gemischt. Und zwar mit dem Blick der Außenstehenden.

Für die aktuelle Neupräsentation hat Luckow jetzt unter dem Motto "Kreative Vision" 13 internationale Künstler eingeladen, sich mit den Beständen auseinanderzusetzen. Er öffnete ihnen alle Türen. Wer wollte, konnte sich tagelang ins Depot eingraben und dort nach Lust und Laune längst vergessene Bilder oder Skulpturen auswählen.

Afrika blickt auf Europa

Das Ergebnis: 13 sehr unterschiedlich gestaltete Räume, in denen Ausschnitte aus der 150 Jahre alten Kieler Sammlung ganz unkonventionell präsentiert werden. Die meisten Künstler haben die Sammlung in einen Dialog zu ihren eigenen Arbeiten gesetzt. Der Documenta-Teilnehmer Georges Adéagbo, 66, aus Benin nimmt Franz von Lenbachs alten Ölschinken "Fürst Otto von Bismarck" (1895) zum Ausgangspunkt für seine überbordende Installation "Betrachtet Geschichte!". Magazine und Zeitungen, Bücher und Plattencover, afrikanische Skulpturen und Schiffsmodelle fügt er zu einem kolonialismuskritischen Ganzen zusammen.

Sein Raum war am gestrigen Eröffnungsabend der absolute Publikumsmagnet. Geschickt dreht Adéagbo die Blickrichtung um: Afrika blickt auf Europa, verleibt sich die europäische Kunsttradition ein, verdaut sie und spuckt sie frech wieder aus. Ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner ließ er von Schildermalern in seiner Heimat nachmalen. Und Antony Gormleys lebensgroßer Bleifigur "Draw", einem Selbstporträt des britischen Starkünstlers in kauernder Demutsgeste, stellt er die Replik eines afrikanischen Holzschnitzers gegenüber.

Adéagbos Totalinstallation ist symptomatisch für die Schau. Die meisten der eingeladenen Künstler stammen nicht aus Westeuropa und begegnen der stark europäisch geprägten Sammlung daher mit einem teils kritischen, teils unvoreingenommen Blick - ohne Ehrfurcht und falsche Rücksichtnahme. Der israelische Künstler Guy Ben-Ner, 39, hat mit sicherer Hand nur Bilder aus der Sammlung herausgesucht, auf denen jemand mit machtvoller Geste seinen Arm ausstreckt: ob Herrscher, Gott, Richter oder Feldherr - die Vorstufe zum Hitlergruß muss angesichts dieser den Machtgestus stark verdichtenden Bildauswahl einfach mitgedacht werden.

Rückenansichten aus der Kunstgeschichte

Der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov, 70, ist bekannt für seine inszenierten, teils schockierenden Aufnahmen von gesellschaftlichen Außenseitern. In Kiel stürzte er sich gleich auf die in den Depots verborgene Kollektion russischer Malerei des 19. Jahrhunderts. Dem Porträt "Die Unbekannte" (1883) von Iwan Kramskoi - es zeigt eine elegante Dame mit weißem Federschmuck - stellt er das fotografische Porträt einer körperlich arg derangierten ukrainischen Prostituierten zur Seite.

Doch neben so viel harter Kost und politischer Aufladung hält "See History" auch Kurzweiligeres parat: In ihrer Videoarbeit "Ass Peeping" wirft die russische Künstlerin Anna Jermolaewa, 38, einen voyeuristischen Blick auf die Hintern von Passanten in einer Wiener Fußgängerzone. Diesen stellt sie Rückenansichten aus der Kunstgeschichte gegenüber.

Der Ausstellung gingen in den letzten Jahren etliche andere gewagte Sammlungspräsentationen voraus. So überließ Luckow 2004 seinen Mitarbeitern - Hausmeister und Aufsichten inbegriffen - das kuratorische Feld. Die Ausstellung hieß "Der demokratische Blick". Mit dem Tabubruch, selbst die Putzfrau kuratieren zu lassen, erregte er bundesweit Aufsehen. "Da ging es nicht nur um die Motivation der Mitarbeiter, sondern entscheidend darum, zu sagen, nicht nur akademisch geschulte Leute können die moderne Kunst verstehen. Der eine oder andere Kunsthistoriker hat doch Tomaten auf den Augen", sagt Luckow.

Frischer Wind aus Kiel

Mit solchen Aussagen stößt der unkonventionelle Museumsmann aus dem Norden bei manchen seiner dünkelhaften Kollegen auf nicht allzu große Gegenliebe. Doch es hat sich herumgesprochen, dass an der Kieler Kunsthalle ein wesentlich frischerer Wind weht als in so manchem anderen Provinzmuseum. Für die "See History"-Ausgabe von 2005 ließ Luckow unter dem Titel "Der private Blick" Deutschlands wichtigste Privatsammler die Räume neu einrichten. Harald Falckenberg, Erika Hoffmann, Paul Maenz oder Christian Boros ließen sich nicht zweimal bitten. Networker Dirk Luckow: "Das war dann vielleicht eher strategisch, um Kontakte zu machen und Rückendeckung zu kriegen. Mit all den Sammlern bin ich ständig noch in Kontakt."

Wie lautet das Geheimrezept des für sein Verhandlungsgeschick längst über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus bekannten Museumsdirektors? "Es ist immer eine Mischung aus Strategie, Qualität, Wissenschaft und Unterhaltung", so Luckow. Ein schelmischer Provinzkurator ist er allerdings nicht. Bevor Luckow 2002 an die Kieler Kunsthalle kam, durchlief er etliche Stationen, darunter auch das New Yorker Guggenheim Museum, und war als Projektleiter für bildende Kunst beim Siemens Arts Program tätig. Ein festes Standbein in der Hauptstadt hat er auch: Luckow ist dort Mitglied im künstlerischen Beirat der temporären Kunsthalle Berlin.

Und wie geht es weiter an der Förde? Da gibt sich der stets jungenhaft wirkende Luckow ganz optimistisch: "Kiel bewegt sich. Das könnte manchmal etwas schneller gehen. Aber es geht schon in eine gute und interessante Richtung." Die Kieler Universität als Trägerin des Museums plane jetzt etwas Neues, Spektakuläres. So eine Art Louisiana oder Bilbao an der Förde. Ein großes Museum für Kunst und Wissenschaft - Baubeginn vielleicht schon 2010. Da mit von der Partie zu sein, würde Luckow gut gefallen.


"See History 2008. Kreative Vision" - 13 internationale Künstler präsentieren die Sammlung der Kunsthalle zu Kiel, 20. Juli 2008 bis Juli 2009



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