Musikmagazin "Spex" Popstar mit Krisen-Blues

Lange galt das Kölner Musikblatt "Spex" als Zentralorgan der Pop-Intelligenz. Jetzt steht das Magazin vor einem Neuanfang: Man zieht nach Berlin, allerdings ohne Redaktion. Comeback oder Anfang vom Ende?

Von Uh-Young Kim


Vorne in der aktuellen "Spex"-Ausgabe findet sich ein Abschiedsfoto der scheidenden Redaktion. Wie traumatisiert, aber auch erleichtert blicken die vertriebenen Sieben einer ungewissen Zukunft entgegen. Nach über einem Jahr der Aufschübe und Grabenkämpfe verlegt der Piranha Verlag den Redaktionssitz von Köln nach Berlin – ohne die hier Versammelten. Für Ersatz ist bereits gesorgt.

"Spex"-Finale 2006: Opfermaschine der Pop-Intelligenz

"Spex"-Finale 2006: Opfermaschine der Pop-Intelligenz

In der 26-jährigen Geschichte ist das Magazin für Popkultur ständig hart umkämpft und von etlichen Richtungswechseln geprägt gewesen. Chefideologen und Musikfreaks kamen und gingen. Tief in den roten Zahlen wurde das selbstverwaltete Unternehmen 2000 an den Münchener Musikzeitschriftenverlag verkauft. Der bevorstehende Neuanfang aber markiert die wohl brachialste Zäsur bislang. So zeichnet sich das neu installierte Team um Chefredakteur Max Dax vor allem durch bisherige Abwesenheit im "Spex"-Universum aus.

Seit der Umzug offiziell wurde, macht sich die Hassliebe zum Zentralorgan der Poplinken in einer emotional aufgeladenen Feuilletondebatte Luft. Die Mehrheit der Leser dürfte sich über die bösen Abgesänge und offenen Attacken wundern: Warum wird so viel Lärm um ein Nischenblatt gemacht, das als intellektuell blasiert und unlesbar gilt? Und ist der Ruf des meistzitierten Musikmagazins Deutschlands als Reibungsfläche und "opinion leader" wirklich unzerstörbar?

Distinktion durch Wissen

Ohne die Errungenschaften der berüchtigten "Spex"-Schreibe, die Pop gesellschaftskritisch erschlossen und Leidenschaften entfacht hat, kommt heute kein hipper Uni-Dozent und kein Kulturressort mehr aus. Zunächst mit viel Herzblut und selbstbestimmt, später diskursiv aufgeladen und unter zunehmend ausbeuterischen Bedingungen erzeugte das Blatt Distinktion durch Wissen abseits der gängigen Institutionen – und wurde schließlich selbst zu einer.

Seit jeher hat dieses mittlerweile drei Jahrzehnte umspannende Projekt über Ein- und Auschlüsse funktioniert. Als Pop in seiner avantgardistischen Funktion noch Sinn ergab, fand jene mythenumrankte Geschmacks- und Haltungselite in Köln ihr hermetisches Zentrum.

Seit die alte Tante "Spex" nicht mehr ganz so streng daher kommt, lassen sich die einst Ausgeschlossenen umso hämischer über ihren Bedeutungsverlust aus. Je wilder um sich geschossen wird, desto mehr sagen die Lohnschreiber dabei über ihr berufsbedingtes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit aus. Anlässlich des 25. Heft-Jubiläums vor einem Jahr hatte sich auch der neue Chefredakteur in den Chor der "Spex"-Nörgler eingereiht und das Blatt für tot erklärt. Man darf also gespannt auf die Wiederbelebung des Patienten sein, der ab März alle zwei Monate aus der strapazierten Familiengruft steigt.

Die Opfermaschine

Die Kommentare ehemaliger "Spex"-Mitarbeiter wiederum reichen von der verbittert zynischen Büttenrede des Alt-Herausgebers Ralf Niemczyk bis zum selbstreflexiv wehmütigen Hintergrundsbericht des polarisierenden Ex-Chefredakteurs Dietmar Dath. Aufschlussreich und unterhaltsam sind beide Traktate, hat "Spex" doch Dutzende von idiosynkratischen Starautoren hervorgebracht, die heute über den ganzen Wissens- und Kulturbetrieb verstreut sind: von der Harald-Schmidt-Show und die "Bild"-Zeitung über Akademien und Verlage bis in kulturpolitische Gremien.

Mehr als ein Karrieresprungbrett ist "Spex" jedoch eine Opfermaschine gewesen. Zu den Märtyrern zählen sich schon jetzt der Nachfolger aus der Haupstadt und natürlich seine Kölner Vorgänger. Von Meuterei kann bei Letzteren aber kaum die Rede sein. Statt sich mit einem Knall zu verabschieden, ließen sie den Verlag einfach gewähren.

Was "Spex" nun genau ausmacht, darüber scheiden sich die Meinungen. Für Wiglaf Droste besteht das Magazin aus einem Haufen verklemmter Besserwisser, viele sehen in ihm ein Indierock-Organ mit CD-Beilage, einige wiederum den verlässlichen Coolness-Seismographen, wenige haben die Freiräume noch als widerständige Intellektuelle genutzt. "Alle Beteiligten haben ‚Spex’ immer wieder aufgebaut und immer wieder kaputtgemacht; genau das war der Witz daran", bringt es Dath in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auf den Punkt.

Layout statt Konzept

Wenn sich die neue Riege nun zur ‚Spex’-Tradition bekennt, übersieht sie, dass Antrieb und Reiz wie bei keiner anderen Zeitschrift zuerst von einem sozialen Netzwerk mit offenen Rändern ausgegangen sind. Ohne diese Menschen bleibt bloß eine überkodierte Marke, deren Anspruch auf Meinungshoheit so willkürlich geworden ist wie der Begriff Pop: ein Platzhalter für alles und nichts.

Wie "Spex" ist Pop zerfallen in tausend kleine MySpaces, die nur noch durch ein Layout zusammengehalten werden. Ihr kritisches Potenzial hat sich weitgehend neutralisiert. "Spex" ist zum Mythos einer Gegenkultur geworden, für die fundamental war, was heute zum Dilemma geworden ist: Lautete die Arbeitsanforderung damals noch, ein experimentelles Leben zu führen, hängt man heute am seidenen Faden der prekären Existenz.

In der "Spex"-Debatte erreicht somit nicht zuletzt der Kampf um die Vormachtstellung im Popdiskurs seinen Höhepunkt. Bereits im Wahljahr wurden hier Risse anhand der Poschardt-Debatte deutlich, als ihr Namensgeber im poplinken Milieu für die FDP warb. 2006 hat sich die neoliberale Tendenz im Hype um die "Digitale Boheme" verlängert. Während ab Februar "Vanity Fair" als deren mutmaßlicher Mainstream-Mulitplikator antritt, geht mit "Spex" vorerst einer der letzten Orte verloren, an dem Kritik - auch an der eigenen Verstrickung in die Verhältnisse - gefährlich werden konnte.

Höchstwahrscheinlich wird sich in einem halben Jahr kaum jemand mehr an den derzeitigen Lärm erinnern und die Berliner "Spex" eine Zeitschrift unter vielen sein. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Titel totgesagt wurde und die nächste Generation erst recht weitermacht. Unterdessen gründen Köpfe der zu Ende gehenden Ära schon jetzt neue Plattformen im Internet. Er kommt wieder in Fahrt, der Pop-Diskurs.



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