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Bascha Mika über Frauen und Älterwerden: "Jedes Jahr bedeutet einen Abzug in der Gesamtnote"

Von Jenny Friedrich-Freksa

Bascha Mika: Mutig altern Fotos
Anja Weber

Männer reifen, Frauen verblühen? In ihrem Buch "Mutprobe" wehrt sich Bascha Mika gegen gängige Schönheitsideale und Altersdiskriminierung. Ein Gespräch über Benachteiligung von Frauen, George Clooney - und ihren neuen Job als Chefin der "Frankfurter Rundschau".

Zur Person
  • DPA
    Als langjährige Chefradakteurin der "taz" wurde sie bekannt, mit einer kritischen Biografie Alice Schwarzers sorgte sie für Diskussionen, gerade unter Feministinnen - jetzt hat Bascha Mika, Jahrgang 1954, sich der Benachteiligung von Frauen jenseits der 50 zugewandt. In ihrem neuen Buch "Mutprobe" schreibt sie über "das höllische Spiel mit dem Älterwerden".
SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch "Mutprobe" erzählt, was Frauen alles passiert, wenn sie älter werden. Es ist ein wütendes Buch. Altern Männer und Frauen auf so unterschiedliche Weise?

Mika: Und ob! Männer gewinnen an Persönlichkeit und Souveränität, manche auch an Macht und Geld. Das tun Frauen auch, aber niemand rechnet es ihnen als Vorteil an. Bei Frauen wird ein Minus vor die Jahre gesetzt. Jedes Jahr bedeutet einen Abzug in der Gesamtnote. Die männlichen Jahre dagegen lädt die Gesellschaft positiv auf.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Mika: An jahrtausendealten Bildern, die immer noch wirken. Und daran, dass Frauen viel stärker an ihren Körper gekettet werden. Am Körper kann man Verfall am deutlichsten festmachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen, wie unbarmherzig älteren Frauen erotische Ausstrahlung und Sexualität abgesprochen wird. Und Sie sagen, dieses Bild der älteren Frau sei kulturell gemacht. Was heißt das?

Mika: Am biologischen Alter können wir nicht viel drehen. Daneben gibt es aber auch den Wert, der dem Alter gesellschaftlich zugemessen wird. Motto: Männer reifen, Frauen verblühen. Schon in der Antike, wo die Grundlagen unserer kulturellen Muster liegen, wurde die älter werdende Frau verhöhnt. Das, was ich schön, attraktiv, anziehend finde, fällt nicht vom Himmel, sondern wird mir im Laufe meiner Erziehung und Sozialisation mitgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Aber folgen Sie mit ihrer Forderung, ältere Frauen als attraktiv wahrzunehmen nicht auch dem Muster, dass Schönheit am allerwichtigsten ist?

Mika: Nein. Ich glaube, dass ich in dem Buch deutlich mache, dass es nicht um die klassische Sicht auf Schönheit geht, sondern darum, Schönheit neu zu entwerfen. Dabei den Weg zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung zu finden, ist verflucht schwer.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht auch so etwas wie natürliche Anziehung?

Mika: Natürlich gibt es die Liebe auf den ersten Blick, und auch, dass Menschen sich begehren, von denen man das nie erwarten würde. Wenn mir ein Mann gefällt, dann denke ich, das ist meine persönliche Geschichte, die mich zu ihm hinzieht. Aber unser Begehren ist kulturell und gesellschaftlich geformt. Es ist keine Frage der Biologie, dass die Paarung ältere Frau und junger Mann so selten vorkommt, während es umgekehrt gang und gäbe ist.

SPIEGEL ONLINE: Als Mann in den besten Jahren wird immer George Clooney als Prototyp herangezogen, nie der dicke Manfred von nebenan. Der leidet aber vielleicht genauso an seinem Aussehen wie viele Frauen.

Mika: Dass wir dauernd darüber reden, wie gut George Clooney altert, ist genau das, was uns immer wieder zurückwirft. Es geht nicht darum, einen George Clooney mit Falten unattraktiv zu finden. Sondern darum, dass Männer in jedem Alter als attraktiv gelten können, während es nur ein weibliches Schönheitsideal gibt: das der jungen Frau. Es geht um ein größeres Spektrum an Bildern, die Schönheit und Attraktivität definieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass das Nicht-mehr-Begehrtsein sich für Frauen auch im Berufsleben auswirkt. Wie denn?

Mika: Echt hart ist es in der Film- und Medienbranche, zum Beispiel für Fernsehmoderatorinnen. Mit 50 sollen die nicht mehr vor der Kamera stehen oder wollen es aus Angst vor Häme selbst nicht. Ich bin gespannt, was Anne Will, Sandra Maischberger und Maybrit Illner in einigen Jahren tun werden. Aber auch in der übrigen Arbeitswelt hat die Frau in den mittleren Jahren heftig zu kämpfen. Das erotische Kapital, wie Bourdieu es nennt, ist im Beruf an Leistung geknüpft. Wer als wenig attraktiv gilt, dem wird beruflich weniger zugetraut. Und wenn die nicht mehr junge Frau per se dieses Manko hat, wirkt sich das aus: Der Chef denkt, dass sie nicht mehr so fähig ist.

SPIEGEL ONLINE: Bekommt nur die Fernsehmoderatorin mit Falten weniger Respekt entgegengebracht oder auch eine Ärztin mit 30 Jahren Berufserfahrung?

Mika: Es gibt erschreckende Untersuchungen, wie Frauen im Beruf benachteiligt werden, besonders gering qualifizierte Frauen. Aber auch für Hochqualifizierte ist es schwer. In einer Studie sagen Managerinnen: Ab Ende 40, Anfang 50 ist für uns Schluss mit dem Aufstieg. Während in den großen Dax-Unternehmen lauter Männer über 60 auf den wichtigen Posten sitzen!

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst werden demnächst Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau". Man kann also doch als Frau über 50 Karriere machen.

Mika: Für mich ist es ja nicht der erste, sondern ein weiterer Karriereschritt. Aber so oder so ist er ungewöhnlich. Wie viele Frauen kennen Sie denn, denen mit 60 ein neuer Führungsjob angetragen wird?

SPIEGEL ONLINE: Was kann man gegen die Altersdiskriminierung von Frauen im Berufsleben tun?

Mika: Öffentlich laut werden, es thematisieren und Druck aufbauen. Dabei will ich Frauen nicht sagen, was sie tun sollen. Sondern zeigen, wie Alter gesellschaftlich gemacht wird - im Angelsächsischen nennt man diesen Prozess "Doing Aging". In Deutschland ist diese Erkenntnis überhaupt noch nicht angekommen. Frauen können aber auch ihre eigenen Bilder verändern. Wir verachten uns doch teilweise selbst. Wir schauen in den Spiegel und finden uns ganz okay. Dann sehen wir uns mit dem Blick der anderen und denken: Ich bin hässlich. Diese Gedanken kann man nicht einfach abschalten. Aber wir können uns vergegenwärtigen, dass viele Frauen so empfinden. Was bedeutet: Es ist politisch. Wenn ich das weiß, kann ich auch aufhören, Sachen zu sagen wie: Die sieht aber alt aus, die sollte echt mal was für sich tun.

SPIEGEL ONLINE: Warum reden viele Frauen so negativ übereinander?

Mika: Ich glaube, das hat mit Selbstverachtung zu tun. Es erlaubt einem, sich zu sagen: Im Vergleich zu der bin ich ja noch ganz frisch. In den vergangenen Jahren hat der Zwang, perfekt auszusehen stark zugenommen. Dabei war ein Ziel der Frauenbewegung, dass wir uns nicht mehr auf unsere Körper reduzieren lassen wollten. "Unser Körper gehört uns!" hieß der Slogan. Das bedeutete Selbstbestimmung. Heute sagt jedes junge Mädchen ganz selbstbestimmt: Ich mache, was ich will. Übernimmt dabei aber äußere Bilder von Attraktivität und merkt nicht, wie fremdbestimmt das ist.

SPIEGEL ONLINE: Der Ton in Ihrem Buch ist polemisch, manchmal auch zynisch. Verprellen Sie Ihre Leser nicht mit Sätzen vom Schlage: "Liebe ist Kitsch."

Mika: Ja... aber Liebe ist doch Kitsch!

SPIEGEL ONLINE: Aber schöner Kitsch...

Mika: Ja, natürlich. Ich sage ja nicht: Mädels, verabschiedet euch mal von der romantischen Liebe. Ich will auch nicht propagieren, dass Frauen allein bleiben sollten. Aber Beziehungen um jeden Preis zu wollen, das kann es auch nicht sein. Die Gefahr, nach einer Trennung allein zu bleiben, ist da. Die Zahlen sind erschütternd: Die Kurve der Frauen, die allein leben, steigt ab 55 Jahren scharf und steil an. Ein Teil dieser Frauen will allein leben. Die, die es nicht wollen, sollten die Chance haben, einen neuen Liebsten zu finden.

Das Interview führte Jenny Friedrich-Freksa

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insgesamt 255 Beiträge
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    Seite 1    
1. die Dame meint also,
daldner 20.02.2014
dass ich mich als Mann gefälligst für ältere, faltige Frauen zu interessieren habe, weil ich ansonsten diskriminiere? Tja, dann diskrimniere ich eben.
2.
muellerthomas 20.02.2014
Zitat von sysopAnja WeberMänner reifen, Frauen verblühen? In ihrem Buch "Mutprobe" wehrt sich Bascha Mika gegen gängige Schönheitsideale und Altersdiskriminierung. Ein Gespräch über Benachteiligung von Frauen, George Clooney - und ihren neuen Job als Chefin der "Frankfurter Rundschau". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mutprobe-interview-mit-bascha-mika-ueber-das-aelterwerden-von-frauen-a-954191.html
So extrem sehe ich das nicht. Auch Männer gelten spätestens ab 70 nicht mehr attraktiv, eher ab dem Rentenalter. Bei Frauen ist diese Grenze vielleicht etwas tiefer angesetzt, aber gilt eben umgekehrt auch schon früher. Ein 16-18jähriger Junge gilt praktisch immer als Junge, eine junge Frau kann da durchaus schon eben das gelten, als Frau. Wie aussagekräftig ist diese Studie denn? Also wieviele Managerinnen gibt es allgemein unabhängig von der Altersklasse? Das könnte auch damit zusammenhängen, dass es ab diesem Alter einen Frauenüberschuss gibt. Alle Männer, die eine Beziehung haben wollen, sind dann eben in einer, es gibt schlicht keine "überzähligen" Männer in ungefähr der gleichen Altersklasse.
3.
Olaf 20.02.2014
Zitat von daldnerdass ich mich als Mann gefälligst für ältere, faltige Frauen zu interessieren habe, weil ich ansonsten diskriminiere? Tja, dann diskrimniere ich eben.
Na ja, Sie müssen halt denken wie eine Frau. Sei meint, dass andere bestimmte Erwartungen an ihr Verhalten und ihr Aussehen haben. Diesen Erwartungen will sie nicht mehr entsprechen. Hier beginnt nun das entscheidende Missverständnis zwischen Männern und Frauen: Männer zucken mit den Schultern und sagen" Dann kümmer dich doch nicht drum, was andere Denken und mach dein Ding!" Was für Idioten. Als ob das ginge. Frau Mika erwartet statt dessen ganz folgerichtig, dass nicht sie sich ändern muss, sondern alle anderen. Deren Erwartungen sollen den Vorstellungen von Frau Mika entsprechen, denn nur dann kann sie sich wohlfühlen. Um diesen Punkt geht es doch pausenlos bei Feminismus Diskussionen. Erst soll die Gesellschaft sich ändern, dann (vielleicht) die Frauen. Aber auch nur, wenn die Gesellschaft das wirklich will.
4. Ungerecht, aber nicht nur hausgemacht.
schroettel 20.02.2014
Dass Schönheitsideale durch Erziehung und Sozialisation geprägt sind, stimmt nur zum Teil. Es steckt in unseren Genen, dass wir Männer Frauen im gebärfähigen Alter attraktiver empfinden, als solche, die darüber hinaus sind. Macht sogar evolutionstheoretisch Sinn. Männer sind länger zeugungsfähig und bei Ihnen spielt der gesellschaftliche Rang eine größere Rolle im Vergleich zum Aussehen. Steckt übrigens auch in den Genen der Frauen und ist evolutionstheoretisch auch sinnvoll. Leider ist unsere Biologie nicht politisch korrekt.
5. Auch ich fühle mich wie von Geisterhand
ENIOS 20.02.2014
immer zu jungen Frauen hingezogen. Komisch.
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