Mutteralarm in Deutschland Eine Hölle namens Familie

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Die gute alte Familie wird angesichts des Geburtenschwunds zur neuen Gesellschaftsutopie erklärt. Anscheinend haben wir alles vergessen: die autoritäre Enge, die Seelenqualen und Gewaltexzesse in den Terrorgemeinschaften der eigenen vier Wände.

Von Reinhard Mohr


Die Familie ist, so heißt es nun allenthalben, vom Aussterben bedroht und wäre doch unser aller Rettung, wie Frank Schirrmacher in seinem aktuellen Bestseller "Minimum" weissagt. Eine Wagenburg gegen die Unbilden des Lebens.

Längst vergessen scheint Karl Kraus' zeitlose Wahrheit: "Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben".

Trügerisches Familienidyll: Unschuld längst verloren
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Trügerisches Familienidyll: Unschuld längst verloren

Plötzlich wird die gute alte Familie wieder zur nagelneuen Gesellschaftsutopie, zum heiligen Gral einer ziellos individualisierten Welt, in der keine Kinder mehr geboren und nicht einmal "zeitaufwendig gesund gekocht" wird, wie "Tagesschau"-Sprecherin Eva Herman erschreckt festgestellt hat.

Die Frauen machen derweil, was sie wollen - Karriere! Bauchnabelpiercing! Selbstverwirklichung! - statt ihrem familiären "Schöpfungsauftrag" zur Schaffung häuslichen Glücks konsequent nachzukommen. Auf diese Weise geht nicht nur der Nachwuchs verloren, sondern auch Harmonie und Seelenheil.

Schuld daran sind die Feministinnen, selbstgefällige Karrierefrauen und die 68er, mit denen das ganze Elend selbstverständlich anfing.

Familie ist nur das Liebesnest

Aber ganz dunkel erinnert sich der eine oder die andere daran, dass da noch etwas war, früher, ganz ganz früher - lange bevor die Generation Golf vor lauter Begeisterung über das stets gut gefüllte Nutellaglas und den von Mami flauschig weich gewaschenen Bademantel gar nicht mehr zu Hause ausziehen wollte.

War da nicht was - Familie nicht nur als Liebesnest, Notgemeinschaft und Zweckverband, sondern auch als Terrorgemeinschaft, die kleine Hölle in den eigenen vier Wänden? Waren die Patientinnen Sigmund Freuds etwa frustrierte RTL-Moderatorinnen, die ihren Schöpfungsauftrag vergessen hatten? Spielen die bürgerlichen Liebes- und Familientragödien Strindbergs, Ibsens, Wedekinds und vieler anderer Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts etwa im TV-Container von "Big Brother"? Waren "Ekel Alfred" oder "Al Bundy" samt ihrer "schrecklich netten" Familien vielleicht Erfindungen von grünen Männchen auf dem Mars?

Ist die Familie nicht seit jeher ein erstrangiger Quell für schwerste psychische und sexuelle Deformationen gewesen? War sie nicht immer auch ein Ort von Seelenqualen und Gewaltexzessen aller Art, nicht zuletzt von Mord und Totschlag? Gibt es nicht überhaupt erst deshalb staatliche Familienfürsorge, Jugendämter und andere Behörden, die im schlimmsten Falle eingreifen müssen? Sind die jüngsten Familientragödien mit mehrfachem Kindsmord, Verhungernlassen, Vergewaltigung durch den Vater und anderen Unsagbarkeiten schon vergessen, wenn der Wetterbericht kommt?

Verlorene Unschuld

Und ist es nicht der Gipfel der Heuchelei, von jener Institution namens Familie die Lösung unserer Probleme zu erwarten, deren perfektes Funktionieren zur Zeit des Nationalsozialismus eine der verlässlichsten Stützen des menschenverachtenden Regimes war?

Es ist eine Binsenweisheit, aber offenbar muss man an sie erinnern: Die Unschuld der Familie ist längst verloren - wie die aller bürgerlichen Institutionen. Es gibt kein Zurück in eine vermeintlich heile Welt, sondern nur die Suche nach neuen Formen und Kombinationen. Phantasie ist gefragt statt simpler Nostalgie, Kreativität statt reaktionärem Kitsch.

Frau Herman und allen anderen frisch getauften Hohepriestern der Family Values sei gesagt: Wer völlig "intakte" Familien sucht, soll doch in die arabische Welt schauen, in Iran und den Irak, nach Sizilien oder nach Berlin-Kreuzberg. Da herrscht sie noch, die "jahrtausendealte" Familientradition.

Dort existiert jene muslimisch-archaische Parallelwelt des Patriarchats, in der es "ein vom Familienverband losgelöstes 'Ich' gar nicht gibt", wie die Soziologin Necla Kelek zu Recht sagt. "Der Sohn ist dem Vater, dem älteren Bruder, dem Onkel sowie Gott gegenüber zu 'Respekt', sprich Gehorsam, verpflichtet ... Die Männer kontrollieren die Frauen im Namen der Familie. Diesem Islam fehlt das Konzept der entscheidungsfähigen, moralisch verantwortlichen Person vollkommen."

Allah, Stolz und Ehre

Allah, Stolz und Ehre - das ist alles, was zählt. Die Würde des Menschen ist antastbar, wenn es dem Familienrat gefällt, einem autoritär-archaischen Kollektiv.

Und es ist kein Zufall, dass die demographisch rasant wachsenden jungen Gesellschaften der arabisch-islamischen Welt mit ihren dominanten Familienstrukturen durchweg undemokratisch, ja totalitär geprägt sind.

Die moderne Pest der Selbstmordattentate ist eben nicht nur religiös-ideologisch motiviert: Sie hat ihren Kern auch in der autoritären Familie, in der die Unterdrückung von Freiheit, Individualität und Sexualität Gesetz ist.

Die "tapferen" Mütter selbst "opfern" ihre Söhne für den Dschihad, gebären für den Tod, der das Heil im Paradies verspricht. Auch der jüngste Berliner "Ehrenmord" an Hatan Sürücü war ja eine reine "Familienangelegenheit".

Auch in Europa wurden Kinder erst im Laufe des 19. Jahrhunderts als halbwegs eigenständige Persönlichkeiten betrachtet, die Schutz und Anerkennung verdienen. Wie lang der Weg zur selbstverständlichen Würde und Gleichberechtigung des einzelnen war, zeigt ein harmloser Rückblick in die "Geschichte des privaten Lebens" (Philippe Ariès und Georges Duby, 1993), in die Beschreibung des Alltags einer italienischen Familie um 1900: "Meine Mutter hat nie mit uns am Tisch gesessen. Nicht einmal sonntags. Sie ist in der Küche geblieben und hat in der Küche gegessen." Eine andere Frau erzählt: "Ich weiß noch, wie wir uns abends in der Küche auf den Boden gehockt haben, um zu essen. Wir haben mit den Fingern gegessen, Gabeln gab es nur für die Männer."

Hundert Jahre später dürfen die Frauen mit am Tisch sitzen und mit Gabeln essen. Und auch sonst fast alles, was Männer dürfen. Jetzt aber sollen sie wieder die "Gnade der schöpfungsgewollten Aufteilung" spüren, die ihnen "von der Natur zugedachten Aufgaben" erfüllen, die "Entweiblichung" stoppen und die Familie wieder ins jahrtausendealte Recht setzen.

Original-Ton Eva Herman: "Wer einmal den Wert häuslichen Friedens in Harmonie und Wärme kennen lernen durfte, einen Ort, der Sicherheit, Glück und Seelenfrieden gibt, weiß, wovon die Rede ist."

Autoritäre Enge, provinzielle Spießigkeit

Also reden wir lieber nicht vom Ausnahmezustand bei Polizei, Feuerwehr und Seelsorgestellen aller Art, wenn die großen "Familienfeste", allen voran Weihnachten, vor der Tür stehen. Reden wir nicht von den Hunderttausenden von Psychoanalyse- und Therapiestunden, in denen schwer gestörte Väter-Töchter- oder Mütter-Sohn-Beziehungen repariert werden müssen. Reden wir nicht von den Jahrzehnten, die es zuweilen dauert, bis aus einer mit Minderwertigkeitskomplexen behafteten Tochter eine selbstbewusste Frau oder aus einem verklemmten Söhnchen ein souveräner Mensch wird, auch wenn er nicht den väterlichen Betrieb übernimmt - oder gerade deshalb.

Erinnern wir uns nur noch einmal kurz daran, warum denn Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre Tausende junger Leute es gar nicht abwarten konnten, von zu Hause auszuziehen, manche schon mit 16, 17, andere ein paar Jahre später. Nicht wenige brachen für Jahre ihren Kontakt zur Familie völlig ab und trampten durch die Welt. Sehr viele zogen in eine Wohngemeinschaft und suchten ein anderes, freieres Leben. Lag das etwa daran, dass sie statt der Bibel Marx und Mao gelesen hatten?

Die Wahrheit ist: Sie hielten es zu Hause einfach nicht mehr aus - in all der autoritären Enge und provinziellen Spießigkeit. Sie wollten freie Subjekte sein, Individuen mit ungeahnten Möglichkeiten der Lebensgestaltung - das also, was bis dahin nur Reichen und Künstlern, dem großen Geld und der Bohème, zu Gebote stand.

Rasch wurde die Wohngemeinschaft zur Ersatzfamilie und durchlief vielfältige Irrungen und Wirrungen. Dennoch gibt es seitdem keinen Weg mehr zurück.

Die komplizierte und gewiss konfliktreiche Patchwork-Familie von 2006 ist eine direkte Folge all der Freiheitserfahrungen in den vergangenen Jahrzehnten.

Es stimmt: Die Emanzipation des Subjekts hat ihren Preis. Aber er kann nicht darin bestehen, die gewonnene Freiheit einfach wieder einzukassieren. Diesen Preis würde Evchen Herman zuallerletzt entrichten. Schöpfungsauftrag hin oder her.

Aber gut, dass wir mal drüber gesprochen haben.



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